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Full text
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Gabriele Schrüfer,
Matthew Hannah (Hrsg.)
Gesellschaft und Umwelt
Band 13
BAYREUTHER
KONTAKTSTUDIUM GEOGRAPHIE
Universität
BAYREUTH
DOI: 10.15495/EPub_UBT_00008635
Bayreuth 2025
BAYREUTHER KONTAKTSTUDIUM GEOGRAPHIE
Band 13
Gabriele Schrüfer, Matthew Hannah (Hrsg.)
Gesellschaft und Umwelt
Diese Schriftenreihe ist unter einer CC BY SA 4.0 lizenziert. Diese Lizenz ermöglicht es
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Gabriele Schrüfer, Matthew Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Beiträge von Thomas Dörfler, Matthew Hannah, Karl Walter Hoffmann, Manfred Miosga, Stefan Ouma,
Gerhard Rainer, Eberhard Rothfuß, Arne Schwietering, Manuel Steinbauer
Titelbild & Layout: Michael Wegener, 2025
Bayreuth 2025
(Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13)
Diese Schriftenreihe ist ab Band 13 unter einer CC BY SA 4.0 lizenziert.
DOI: 10.15495/EPub_UBT_00008635
Gabriele Schrüfer, Matthew Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 5
3
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
3
Vorwort
Gabriele Schrüfer, Matthew Hannah
5
Vorträge
Widersprüchliche Nachhaltigkeit? Philosophisch-anthropologische Reflexionen
über unser planetarisches Mensch-Umwelt-Verhältnis
Thomas Dörfler & Eberhard Rothfuß
7
Externalisierung geovisuell vermitteln: Zur Sichtbarmachung des globalen
ökologischen und sozioökonomisches Fußabdruckes „unserer“ Lebensweise
Stefan Ouma
23
Globaler Wandel und Ressourcenextraktion in Lateinamerika
Gerhard Rainer
39
Science fiction und Gesellschaft-Umwelt-Verhältnisse in zwei Romanen
von Kim Stanley Robinson
Matthew Hannah
51
Landnutzung im Klimawandel – Herausforderungen und Lösungsansätze
Manfred Miosga
67
Digitale Tourenplanung im Spannungsfeld von Teilhabe und Naturschutz
Manuel Steinbauer & Arne Schwietering
99
Inhaltsverzeichnis
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
4
„Natur kennt keine Katastrophen ...“ – Wie unterrichte ich Naturereignisse,
wie Naturkatastrophen? Didaktisch-methodische Orientierungsfiguren im Vergleich
Karl Walter Hoffmann
109
Anhang
Geographisches Institut Bayreuth
135
Liebe Geographielehrkräfte, liebe Leser:innen,
die Klimakrise und die Herausforderungen der Umweltpolitik stehen nicht immer im Zentrum
der öffentlichen Aufmerksamkeit. Angesichts der Vielzahl gleichzeitiger globaler Krisen geraten
ihre Dringlichkeit und Bedeutung häufig in den Hintergrund – zumindest bis uns die nächsten
verheerenden Stürme, Überschwemmungen oder Hitzewellen erneut an die Konsequenzen er-
innern..
In der geographischen Forschung und insbesondere in der Bildung für nachhaltige Entwick-
lung ist jedoch unbestritten: Das Verhältnis von Gesellschaft und Umwelt bleibt eine der zentra-
len Herausforderungen für die junge Generation von heute und für kommende Generationen.
Aus diesem Bewusstsein heraus hat das Geographische Institut der Universität Bayreuth dem
Bachelorstudiengang einen neuen Namen gegeben – ein Schritt, der zugleich das Leitthema
dieser 13. Ausgabe des Kontaktstudiums markiert: „Geographie: Gesellschaft und Umwelt“.
Symbolisch passend erscheint es, dass diese Ausgabe erstmals vollständig digital und papierspa-
rend erscheint. In diesem virtuellen Band finden sich Beiträge, die im Rahmen der Tagung an
der Universität Bayreuth im Februar 2024 entstanden sind. Sie eröffnen vielfältige Perspektiven
auf die Schnittstellen zwischen sozialen, natürlichen und räumlichen Prozessen und Struktu-
ren – und spiegeln damit die breite thematische Vielfalt der Geographie wider: von Stadt- und
Regionalforschung über Sportökologie und Biogeographie bis hin zu Sozial-, Wirtschafts- und
Kulturgeographie
Alle Beiträge zeichnen sich nicht nur durch die fachliche Expertise ihrer Autor*innen aus, son-
dern sind – teils explizit, teils implizit – darauf ausgerichtet, didaktische Anregungen und Im-
pulse aufzuzeigen, die Schülerinnen und Schüler zum eigenständigen Nachdenken und Han-
deln motivieren können. Denn junge Menschen nicht nur zu informieren, sondern sie auch zu
ermutigen, sich aktiv mit den Herausforderungen auseinanderzusetzen, ist vielleicht die wich-
tigste Aufgabe und Verantwortung, die wir als Bildungsakteur*innen tragen.
Unser Dank gilt allen, die zum Gelingen der Tagung beigetragen haben. Besonderen Dank
möchten wir auch den Autoren dieses Bands aussprechen, und denjenigen, die zur Fertigstel-
lung dieser Ausgabe beigetragen haben – insbesondere Veronika Eckstein (Organisation und
Redaktion), Kati Barthmann (Organisation und Redaktion) sowie Michael Wegener (Korrektur
und Drucksetzung).
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Herausgeber-Team,
Gabriele Schrüfer & Matthew Hannah
Gabriele Schrüfer, Matthew Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 5
Vorwort
5
1 Prolog
Die Philosophische Anthropologie fristet ein
Schattendasein in der zeitgenössischen Geo-
graphie und ihrer Didaktik. Diese Feststel-
lung ist durchaus bedauerlich, denn sie stellt
einen der wenigen theoretisch zu Ende ge-
dachten Ansätze dar, der das Mensch-Um-
welt-Verhältnis realistisch betrachtet und die
anthropologischen Grundlagen relevanter
geographisch-räumlicher Handlungszusam-
menhänge argumentativ und nicht lediglich
spekulativ oder moralisch-appellhaft auswei-
sen kann. Sie bietet damit einen genuinen, ei-
genständig begründeten Mittelweg zwischen
Sozialkonstruktivismus und biologischem
(naturalistischem) Determinismus an. Sie ist
eine Theorie der Vermittlung, die den abend-
ländischen Dualismus von Geist und Körper,
Natur und Kultur durch einen dialektischen
Erfahrungsbegriff unterläuft. Es gelingt ihr
dadurch, Anthropologie und Kultur des Men-
schen als vermittelte Struktur von natürlichen
Anforderungen und sozialkulturellen Mög-
lichkeiten plausibel und empirisch nachprüf-
bar zu machen.
Wir sind der Ansicht, dass die Perspektive
der Philosophischen Anthropologie deshalb
eine entscheidende Erweiterung einiger gän-
giger Diskurspositionen darstellt, die sich
zumeist auf nur eine – und damit einseitige –
Perspektive einlassen, nämlich auf die na-
türlichen (»ökologischen«) Dimensionen des
Menschseins einerseits oder auf die Situati-
on »gemachter« bzw. »hergestellter« Kultur-
Welten andererseits. Es erscheint deshalb ge-
boten, Theorien und Forschungsprogramme
aufzuwerten (bzw. überhaupt erst einmal dis-
ziplinär sichtbar zu machen), die solche Ver-
einseitigungen vermeiden und naturwissen-
schaftliche wie auch kulturwissenschaftliche
Erkenntnisse konzeptionell vereinen können,
um sie produktiv im oben genannten Sinne
weiterzuverarbeiten: Was ist der Mensch, was
ist seine Natur und in welchem Verhältnis steht
beides?
Die Philosophische Anthropologie stellt
diesbezüglich den prominentesten – in gewis-
ser Hinsicht sogar den einzigen – Versuch dar,
die Kulturgeschichte des Menschen an die
Gattungsgeschichte der Spezies anzuschlie-
ßen, und soll deshalb als ergiebige, bislang
kaum beachtete Option für die Diskussion im
Fach Geographie und ihrer Didaktik vorge-
stellt werden.
Insbesondere in der Fassung von Helmuth
Plessners Die Stufen des Organischen und der
Mensch (1980 [1928]) bietet die Philosophi-
sche Anthropologie ein interessantes Szena-
rio, um gegenwärtige Debatten ökologischer
Nachhaltigkeit oder zum Umgang mit der
Natur jenseits modisch-dramatischer Platti-
tüden1 eine Perspektive entgegenzustellen,
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 7-21
7
Widersprüchliche Nachhaltigkeit? Philosophisch-
anthropologische Reflexionen über unser
planetarisches Mensch-Umwelt-Verhältnis
Thomas Dörfler & Eberhard Rothfuß
1 Etwa die These des Natur ‘ausbeutenden’ Menschen, dem »homo destructor« (vgl. Bätzing 2023) u.ä.
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
die das grundlegende planetarische Problem
des Menschseins anerkennt: Nur der Mensch
ist herausgehoben aus der Natur, nur er hat
keinen natürlichen Ort, kein ‘logisches’ Ha-
bitat auf dieser Welt, und nur der Mensch ist
deswegen gezwungen, sich kulturelle Welten
(Gesellschaft) als deren Supplement zu schaf-
fen, ohne die er nicht existieren kann – und
zwar in Abgrenzung zur wie ebenso in spezi-
fisch kultureller Aneignung der Natur.
Dies ist in dieser Perspektive die grundle-
gende Dialektik des Menschseins. Daraus folgt
seine »konstitutionelle Heimatlosigkeit« (de
Mul 2021, 351), was bedeutet, dass der Mensch
sich seinen Ort auf dem Planeten im Gegen-
satz zu anderen Tieren erst schaffen muss, da
er keinen natürlichen Lebensraum (»Habitat«)
besitzt, der ihn einer bestimmten Lebensform
zuordnen würde (»Jagen und Sammeln in der
Savanne« u.ä.). Zugespitzt formuliert, besitzt
er keinen natürlichen Zugang zur Natur, son-
dern nur einen vermittelten.
Aus diesem Zwang heraus, der sich aus der
biologisch-anthropologischen Ausstattung des
Menschen ergibt (seinem Überschuß an Fä-
higkeiten, der ihn ortlos macht, inklusive sei-
ner Intelligenz, ständig zu lernen und sich
zu verbessern, zu verändern, Gegebenes zu
überschreiten etc.), sind sein Handeln und
seine Beziehungen zur Natur, wie auch die zu
anderen Menschen, zu verstehen. Ebenso er-
wachsen daraus seine Schwierigkeiten, in ei-
nen ‘ausgleichenden’ Umgang mit der Natur
zu treten, wie es heute gerne herbeigesehnt
wird, denn dieser Ausgleich ist im Macht- und
Handlungspotential der Gattung homo sapiens
sapiens ontologisch und phylogenetisch nicht
vorgesehen.
Im Verbund mit neuzeitlicher Technik und
Technologie ist der Mensch deshalb in der
Lage, weit über ein früheres Maß hinaus in
die Natur einzugreifen, sie zu verändern oder
sie zu seinem Mehrwert zu extrahieren, was
u.a. zu den gegenwärtigen ökologischen Fra-
gen und Herausforderungen führt, wie dies
aber auch seine ungeahnte technische Er-
folgsgeschichte auszeichnet. Deswegen ist
der Versuch, über Verzichtslogiken oder der
Leugnung technischer Fortschritte wieder
zu einem ‚natürlicheren‘ Naturverhältnis des
Menschen zurückzukommen, mit ziemlicher
Sicherheit zum Scheitern verurteilt.
Diese relative Gewißheit ergibt sich, wenn
man sich ohne Scheuklappen oder morali-
sierendem Gestus die Ausstattung des Men-
schen und die sich daraus ergebenden Hand-
lungskapazitäten der Spezies vor Augen führt:
Er ist der mächtigste Akteur des Planeten und
hat, anthropologisch bedingt, das größte
Weltbemächtigungspotential – im Guten wie
im Schlechten. Seine Entwicklung führte ihn
dahin, sich im Verbund mit ‘kapitalistischer’
Ökonomie soweit von ‘natürlichen’ Lebens-
zusammenhängen zu entfernen, wie es sonst
keine Gattung auf unserer Erde vermochte.
So weit entfernt sogar, könnte man phrasie-
ren, dass er einen ‘nachhaltigen’ Umgang mit
der Natur erst wieder lernen muss. Dieses Ler-
nen wird aber kein Zurück in die Höhle sein,
sondern eine progressive Aneignung neuer
Bemächtigungstechniken der »ökologischen
Krise« – wenn man sie als eine solche benen-
nen will.
2 Rückkehr auf den Acker?
Mit den Einsichten von Helmuth Plessner
wird evident, dass einmal erreichte Stufen der
Enkulturation (Technik, Weltbild, Rationali-
tät) weder geistig-kognitiv, noch leiblich-kör-
perlich und auch nicht machtbezogen-gesell-
schaftlich je wieder zurückzuholen oder durch
eine alternative Lebensweise zu ersetzen sind.
Einmal errungene Handlungspotentiale und
vor allem rationalisierte Weltzugänge (Renais-
sance, Moderne, industrielle Produktion, vgl.
Loo & van Reijen 1992) sind nicht mehr auf-
8
gebbar, ohne das Niveau der technischen Pro-
duktion – wie auch die kognitiven Erfolge (un-
ser modernes Weltbild) zu gefährden. Denn
damit stünde auch das technisch und geistig
erreichte Niveau der Weltbemächtigung zur
Disposition, da ‚einfachere‘ Lebensweisen
(oder gar sozialistische) keinesfalls als ökolo-
gischer gelten können – sie hatten nur ‚man-
gels Masse’ weniger Destruktionskraft, wenn-
gleich die Umweltschäden etwa der DDR oder
der Sowjetunion überdeutlich nach dem Ende
dieser Systeme hervortraten und das westli-
che Maß – bei eigentlich geringerer Produkti-
vität – weit überschritten.
Der Weg zurück in die afrikanische Savanne
ist also ebenso versperrt wie der in die vormo-
derne Landwirtschaft, weil die bewußtseins-
logische, wie auch die leiblich-materielle Ent-
wicklung des Menschen ihn längst aus dieser
Umwelt-Sphäre herausgehoben hat. Wir
könnten also weder dort noch hier zu solch
‚einfachem Leben’ zurückkehren, noch dort
dauerhaft überleben.
»Von den Maschinen fortzulaufen und auf
den Acker zurückzukehren, ist unmöglich. Sie
geben uns nicht frei und wir geben sie nicht
frei. (...) Wir verlangen nur eine wirkliche Be-
sinnung auf das Problem der Maschine, eine
schlichte, phrasenlose Gegenüberstellung
zur Technik, die da ist und nicht verlassen
werden kann« (Plessner 2003a, 38 f.).
Aus diesem Grunde kann die moderne
Menschheit, gleich welcher Couleur, nicht
mehr ‚primitiv’, ‚naturnah’ oder ‚suffizient’ le-
ben, sondern nur auf Basis des erreichten kul-
turellen und kognitiven Niveaus (Dux 1994).
Auf dieser kritischen Grundlage möchte der
Beitrag einen Vorschlag zu einem realweltli-
chen Verständnis der Mensch-Umwelt-The-
matik unterbreiten, indem man von schlich-
ten romantischen Vorstellungen (»zurück zur
Natur«) oder von einseitig antikapitalistischen
Losungen
(»Degrowth«,
»Postwachstum«,
oder »Suffizienz«; vgl. Latouche 2023; Paech
2012; Sachs 2015) als exklusivem Ausweg ab-
sieht und sich realistisch mit dem anthropo-
logischen Potential auseinandersetzt, das den
Menschen gegenüber Natur, Tier und Pflanze
zwangsläufig heraushebt.
Mit dieser philosophisch-anthropologi-
schen Einsicht ist auch eine andere Form
der Nachhaltigkeit impliziert, die nicht ge-
gen dieses Fundament in Totalopposition
tritt, sondern sich auf dieser Basis mit dem
Erreichten arrangiert und darum bemüht ist,
die realistischen (da anthropologisch mög-
lichen) Potentiale einer nachhaltigen Le-
bensweise auszuweisen. Ebenso sollte auf
dieser Basis die fortschreitende Technisie-
rung – vor allem ihre rationalen Möglichkei-
ten zur Überwindung planetar-ökologischer
Herausforderungen – nicht vorschnell abge-
lehnt, sondern als human-anthropologische
Chance und Realität erkannt werden, deren
Potential eben auch nur dem Menschen und
seinem Umgang mit intelligenten Maschi-
nen geschuldet ist. Der Mensch und seine
Lebensweisen sowie seine Bedürfnisse sind
also nicht nur Teil des Problems, sondern
vor allem auch Teil der Lösung von Natur-
Gesellschaft-Zusammenhängen, die er selbst
geschaffen hat und deshalb auch selbst bear-
beiten kann und muß.
3 Warum die Perspektive einer Philosophi-
schen Anthropologie für Mensch-Umwelt-
Geographien?
»Wenn
moderne
Gesellschaften
unüber-
sehbar und unüberhörbar von der Frage der
dauerhaften, langfristigen Sicherung der Exis-
tenzgrundlagen von Leben überhaupt und
Menschen insbesondere, der nachhaltigen Si-
cherung von Boden, Wasser, Klima, Energien,
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Ernährung, Biodiversität umgetrieben werden,
brauchen die Kultur- und Sozialwissenschaf-
ten ein durchdachtes Modell gesellschaftlicher
und kultureller Naturverhältnisse, um die so-
zialen Problematiken und Aktionsspielräume
im Hinblick auf Natur fassen zu können«
(Fischer 2020, 20).
Anders als für manche derzeit in bestimm-
ten Diskursen populäre Ansätze (z.B. Akteur-
Netzwerk-Theorien, »Mehr als menschliche
Geographien«, Posthumanismus), ist für die
Philosophische Anthropologie der Mensch
als lebendiges Ganzes sowohl körperliches
(natürliches) als auch geistiges Wesen, und
wird dies – aller Technisierungsphantasien
(Cyborg, Künstliche Intelligenz, Transhuma-
nismus, usw.) zum Trotz – auch noch lange
bleiben (Block 2019; de Mol 2021; Fuchs
2022, Dörfler & Rothfuss 2023a). Ebenso
wird er auch immer Mensch/homo sapiens
bleiben und nie Tier oder den Tieren ähn-
lich werden, so beliebt solch romantisieren-
de Vorstellungen auch in der Humangeogra-
phie an manchen Orten geworden sind (vgl.
Steiner et al. 2022). Seine anthropologisch-
planetare Wahrheit ist weit komplexer als die
undifferenzierten Versuche, die Mensch-Tier-
(Natur-)Barriere zu nivellieren und damit
zu banalisieren. Solchen Anliegen sollte mit
der anthropologischen Einsicht geantwortet
werden, dass einmal erreichtes technisch-
rationales Wissen nicht zu Nichtwissen und
damit zur Nichtanwendung genutzt werden
kann (oder zum Rückgang zur Natur, zum
Tier usf.), sondern immer angewendet und
umgesetzt werden wird. Die Erfindung und
Nutzung von Kernspaltung bietet hierfür ein
gutes Beispiel. Diese lässt sich machtlogisch
(Krieg; Abschreckung) wie auch produktiv
(Energiegewinnung; CO2-Einsparung) nut-
zen, aber sicherlich nicht mehr aus der Welt
schaffen. Es kommt demnach auf den gesell-
schaftlichen Umgang mit dieser Technik an
und welche Konsequenzen der (Nicht-)Nut-
zung damit einhergehen.2
Eine erste Konsequenz der bisherigen Aus-
führungen scheint also zu sein, dass Mensch-
sein aus dieser anthropologischen Perspekti-
ve in Differenz zum Tiersein und der Pflanzen
notgedrungen anthropozentrisch verstanden
und erklärt werden muss. Diese Gedanken
(wie auch die mögliche Kritik daran) können
nur und ausschließlich aus der menschlichen
Sphäre für die menschliche Sphäre formuliert
werden (vgl. Dörfler & Rothfuß 2023a). Keine
der beiden Sphären Kultur oder Natur allein
kann das Phänomen »Leben« und deswe-
gen die menschlich-widersprüchliche, aber
eben auch ungemein erfolgreiche Existenz
zwischen diesen Polen angemessen erfassen,
sondern nur eine intellektuell offene Dia-
lektik ohne Denkverbote oder -gebote (»Wir
müssen…«, »Wir sollten…«).3
Als Konsequenz für unsere hier vorgestell-
te Konzeption der Sphäre des Humanen auf
diesem Planeten kann dies nur bedeuten:
Menschliches Leben kommt weder als (rei-
ner) Gegenstand der Natur(-wissenschaft),
noch als (reiner) Gegenstand des Geistes
(Geistes- oder Sozialwissenschaft) vor, son-
dern ist nur unter dialektischer Berücksichti-
gung beider Paradigmen konzipierbar. Jeder
Versuch, ihn exklusiv dem bios zuzuschlagen,
ist ebenso zum Scheitern verurteilt, wie der
Mensch und seine Gesellschaft nicht allein
10
2 So sehen wir uns beispielsweise in Deutschland mit der energiegeographischen Realität konfrontiert, u.a. klimaschädliche Kohle aus
Kolumbien importieren zu müssen, um die nationale Energielücke (nicht gewährleisteter Grundlast) als Konsequenz der Abschaltung der letzten
Kernkraftwerke kompensieren zu können.
3 In jüngerer Zeit hat Y. Harari (2020, 2022) eine eingängige, auch und gerade für Schüler gut zugängliche Reihe zur Entwicklung des Menschen
veröffentlicht, die dieses (Macht-)Potential verdeutlicht.
aus sprachlichen und symbolisch-diskursiven
Zusammenhängen besteht. Die Philosophi-
sche Anthropologie ist damit weder Biologis-
mus (Biozentrismus) oder Geodeterminismus
noch Kulturalismus oder Konstruktivismus,
sondern macht sich für die dialektisch-kon-
flikthafte, nie einen (endgültigen) Ausgleich
erreichende Spannung zwischen diesen bei-
den den menschen prägenden Axiomen stark.
Hierin liegt nach unserem Dafürhalten ihr
Potential für eine aktuelle humangeographi-
sche Theoriebildung, das die einschlägigen
Sackgassen anderer Ansätze vermeidet und
auch die zeitgenössische Umweltbildung,
z.B. im geographiedidaktischen Kontext die
Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)
kritisch aufklären und voranbringen kann,
da dort heute zum Teil vielfältige apokalyp-
tische und misanthrope Weltbilder vorherr-
schen. Dieser Umstand ist gerade für den
deutschen Kontext wichtig, da hier inklusive
der Romantik kaum ein modernes, rationales
oder pragmatisches Umweltverständnis her-
vorgebracht wurde, sondern – man muss es
so deutlich artikulieren – allenfalls Wald- und
Kreidefelsen-Mystik.
In unserem Forschungsprojekt SELFCITY
(https://selfcity-project.com/de/) gelang uns
exemplarisch der Hinweis im wissenschaftli-
chen Vergleich mit Kollegen aus den Nieder-
landen und England, dass die weitgehende
Weigerung hierzulande, Naturbezüge ana-
lytisch-rational anzugehen, als durchaus ty-
pisch deutsches Phänomen der ‚Bewältigung’
von Umweltkrisen gelten kann, im Gegensatz
zu pragmatisch-zivilgesellschaftlichen Zu-
gängen (England) oder technisch-nüchter-
nen wie in den Niederlanden (Hasanov &
Zuidema 2022; Atkinson, Dörfler & Roth-
fuss 2018; Atkinson et al. 2017).
Uns erscheint daher die Perspektive einer
Philosophischen Anthropologie auch als An-
satz zur potentiellen Überwindung dieser
Formen einer irrationalen Verabsolutierung
einzelner Wirkprinzipien. Sie ist deshalb ein
attraktives Theorie- und Praxisangebot, das
Physischer und Humangeographie sowie
nachdrücklich auch der Didaktik der Geo-
graphie neue Denk- und Vermittlungsmög-
lichkeiten von Mensch-Umwelt-Geographien
bereitstellen kann.
4 Philosophische Anthropologie und die
Stufen des Organischen und der Mensch
Was sind nun die theoretisch-konzeptionel-
len Grundlagen der Philosophischen Anth-
ropologie, die auch im Geographieunterricht
gut genutzt werden können? Sicher ist hier
nicht der Platz für eine fundierte Exegese die-
ser Denkströmung, jedoch erscheint es uns
notwendig, zumindest ansatzweise deren
zentrale Argumentationslinien zu adressie-
ren, um auch für die Vermittlung an der Uni-
versität und im schulischen Geographieun-
terricht das nötige Verständnis zur Diskussion
zu liefern.
Die Philosophische Anthropologie ist eng
mit den Namen Max Scheler, Arnold Gehlen,
Ernst Cassirer und Helmuth Plessner verbun-
den. Die Anfänge liegen in Überlegungen des
Phänomenologen Max Scheler (1874-1928),
der dem Menschen eine »existenzielle Ent-
bundenheit« vom rein Organischen zuwies
(Scheler 1928, S. 32). Scheler begreift diese
existentielle Entbundenheit phänomenolo-
gisch (ontologisch), d.h. als Seinsweise, wie
sich der Mensch von Tier, Pflanze, Natur un-
terscheidet. Er ist zudem Geistwesen, was sich
wegen dieser Entbundenheit mit den großen
Sinnfragen der Existenz herumplagen muss
(‘Warum gibt es mich’, ‘Was ist der Sinn mei-
nes Lebens’ u.ä.), verliert aber nie die großen
Lebenstriebe, die für ihn alles grundieren.
In seinem anthropologischen Hauptwerk
»Die Stellung des Menschen im Kosmos«
(1928) beschreibt Scheler die menschliche
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
11
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Psyche als in mehreren Stufen aufgebaut, was
dem Aufbau der organischen Natur entspre-
chen soll (Gefühlsdrang, Instinkt, assoziatives
Gedächtnis, praktische Intelligenz). Leben-
diges und Geistiges sind grundverschieden,
aber aufeinander angewiesen und in der
menschlichen Existenz vereint, da jede Sphä-
re für sich benommen anthropologisch un-
bedeutend wäre: Natur ist sinnlos-triebhaft
beim Menschen, wie der Geist keinen ‚Ge-
genstand‘ und Grund hätte, sich davon zu di-
stanzieren, Kulturwesen zu werden, Triebe zu
sublimieren usf. Der Mensch kann und muss
sich demnach von der biologischen Welt di-
stanzieren, sich selber reflektieren und sich
die Welt zum Objekt machen, weil er »Träger
des Geistes« ist: auf der Suche nach der Sinn-
dimension des menschlichen Daseins. Dabei
ist er bestimmt von den Lebenskräften, die im
Spätwerk von Scheler im Begriffspaar »Real-
und Idealfaktoren« des Daseins kulminieren
und damit den nicht überwindbaren »Dualis-
mus« zwischen Geist und Leben der menschli-
chen Existenz ausmachen (vgl. Scheler 1926).
Arnold Gehlen (1904-1976) war ebenso zen-
traler Stichwortgeber für die Philosophische
Anthropologie und profitierte biographisch
davon, dass Plessner im Nationalsozialismus
als sogenannter »Halbjude« Deutschland
verlassen musste. Arnold Gehlen hingegen
agierte systemnah-opportunistisch (Partei-
mitgliedschaft u.a.) und ‘beerbte’ den Lehr-
stuhl eines ausgeboteten Kollegen. So setzten
sich seine Ideen und Schriften, in denen sich
dennoch keine Ideologien des Nationalsozia-
lismus finden, nach dem II. Weltkrieg früher
durch und bestimmten lange dieses akademi-
sche Feld, weit bevor die Rezeption Plessners
einsetzte.
Gehlen’s zentrale Unterscheidung zwi-
schen Mensch und Tier liegt im Begriff des
»Mängelwesens« begründet. Wo das Tier an-
geborene Instinkte und stark zweckmäßig
angepasste Bewegungs- und Körperformen
(z.B. Schwalbe, Forelle, Gepard) hat, dessen
Sinnesorgane zur reinen Lebensnotdurft die-
nen, die ihm aber eine zwangsläufige, natur-
gegebene Sicherheit des Verhaltens in seinen
jeweiligen Habitaten ermöglichen, so man-
gelt es dem Menschen an all diesem. Seine
existenzielle Situation auf diesem Planeten
ist die der Unvollkommenheit jenseits von
schützenden Naturinstinkten. Er ist damit in
einer biologisch ‚hoffnungslosen’ Lage, da er
nicht an eine bestimmte Natur angepasst ist.
Zugleich ist ihm ein Überschuß an Antrieben
und Sinneswahrnehmungen zu eigen, was ihn
der Natursphäre – ganz ähnlich wie bei Pless-
ner – zwangsläufig enthebt. Um zu überleben
ist er genötigt, Gemeinschaft/Gesellschaft
(Institutionen) aufzubauen, (kooperativ) zu
handeln, zu arbeiten und zu denken, was ihn
die natürlichen Mängel ausgleichen läßt:
»Der Mensch ist von Natur aus ein Kultur-
wesen«: (...) als ein ‚weltoffenes‘ d. h. un-
spezialisiertes Wesen, das auf seine eigene
Tätigkeit und Intelligenz gestellt ist, um leben
zu können, das, der Welt in jedem Sinne aus-
gesetzt, sich in ihr halten muß, indem es sie
aneignet, durcharbeitet, erkennt und in die
Hand bekommt« (Gehlen 1940, 33).
Helmuth Plessner (1892 – 1985) gilt dagegen
heute als der Vertreter der Philosophischen
Anthropologie und es kann sein Werk als das
am weitesten konzeptionell entwickelte The-
orieangebot bezeichnet werden. Helmuth
Plessner begründet die Lebensäußerungen
des Menschen, z.B. Kultur, Geschichte, Spra-
che oder Utopien, nicht mit Trieben, bio-
logischen Zweckmäßigkeiten oder (reinen)
Bewußtseinsinstanzen, sondern einzig und
allein mit der Bestimmung »Exzentrischer
Positionalität«. Grundannahme von Pless-
ner ist, diametral entgegengesetzt zu derzeit
12
modischen Auffassungen einer Leugnung
der Differenzen zwischen Mensch und Tier,
Natur und Kultur etc., dass die fundamental
unterschiedlichen Organisationsformen des
Organischen differente ‚Programme‘ der Le-
bensbewältigung bei Mensch, Tier und Pflan-
ze zur Grundlage haben. Diese sind demnach
deutlich voneinander zu unterscheiden und
in ihren differenten Existenzweisen zu verste-
hen. Die ‚offene‘, unmittelbar mit der Natur
verbundene Lebensform der Pflanzen, die in-
stinkthaft-geschlossene Lebensform des Tie-
res (Lebensraum, Habitat), sowie die grenzre-
alisierende des Menschen als die sich selbst
Grenzen setzende wie notwendig zur Natur
sich abgrenzende Lebensform des Menschen.
Sie bilden Stufen des Organischen aus
(Plessner 1980), wobei der Mensch eine Son-
derstellung einnimmt, da er als einziger die-
ser Lebensformen kein Zentrum hat, also kei-
ne angestammte Natur und Umwelt, sondern
über die eigene Lebensform hinausragt. Er
ist das ‚exzentrisch-positionale Tier‘, das zum
animal rationale wird, das keine direkte Um-
welt mehr hat. Es muss sich deshalb ex-zen-
trisch positionalisieren, sich in das Zentrum
seines Handelns und seiner Existenz setzen
(Ich-Ausbildung, Selbstbewußtsein).
Grundsätzlich meint Plessner also mit »Po-
sitionalität«, dass alle Lebewesen in eine Um-
welt hineingesetzt – positioniert – sind und
durch eine spezifische Grenze zu ihrer Um-
welt bestimmt sind. Hingegen haben anorga-
nische Körper, z.B. Steine, kein Verhältnis zu
ihrer Umwelt, sondern ‚nur‘ einen Rand. Der
Mensch ist damit nicht wie das Tier – in der
eigenen Mitte – sondern muss sich eine Mitte
geben bzw. diese (dialektisch) erarbeiten. Der
Mensch ist (nur) seine Mitte als organisches
Wesen lebend, er hat seine Mitte – den Orga-
nismus beherrschend – und er ist über seine
Mitte hinaus, da dieser hinter sich kommt und
damit reflexive Distanz zu einem Sein und
Tun besitzt (Plessner 1980; Fischer 2016;
Middendorf et al. 2023).
Der Mensch zeichnet sich also durch den
Doppelaspekt eines »Mängelwesens« aus,
wie auch durch seine ‘überbordende’ anthro-
pologische Grundausstattung, von fast allem
etwas, aber jeweils zu wenig zu haben, um
auf eine Umwelt spezialisiert zu sein, wie es
Tiere und Pflanzen in ihrem jeweiligen Habi-
tat vermögen – er kann rennen, schwimmen
und mit Technik sogar fliegen, ohne je in ei-
nem Bereich sein Leben meistern zu können.
Sein Schicksal ist also das der Unbehaustheit:
der Mensch hat keinen direkten Lebenssinn
und -ort in dieser Welt, was ihn dazu zwingt,
sich kulturelle Umwelten (und »Heimat(en)«)
zu schaffen, um sich selbst einen Rahmen
des Lebens zu geben. Dies wird dann sei-
ne spezifische »Kultur« und sie kann je nach
Lebensraum und »Wissensform« (Scheler)
stark variieren, sie ist aber gewissermaßen
der allgemeine menschlich-soziale Überbau,
der auf der anthropologischen Grundsituati-
on notwendig anschließt – denn jene Natur-
sphäre allein wäre zu wenig, um menschli-
chen Wesen das Überleben möglich machen
zu können. Günter Dux (1994) nennt das die
»kulturelle Nullage [sic]«, auf der die Gattung
Mensch aufbaut und von der sie sich auch
geistig-kulturell herausentwickelt, gleich wo
sie siedelt, egal, was sie glaubt. Damit wird
die Phylo- auch zur Ontogenese, d.h. die gat-
tungsgeschichtliche Prägung ragt in die In-
dividualentwicklung einzelner Kulturen und
ihrer Subjekte hinein, ohne dass sie diese de-
terminieren könnte.
Gleichwohl muss sich der Mensch als einzi-
ges Lebewesen auf diesem Planeten rückbin-
den an das, was er tut: er fragt nach dem Sinn
seines Tuns oder gar – wie die großen Religio-
nen – nach dem Warum seiner Existenz, eben
gerade, weil sein Sein keinen natürlichen
Sinn haben kann. Es kann nur ‚kultürlich‘
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
verstanden werden, womit wieder sein sich
wandelndes Naturverständnis als eine Form
dieses kulturellen Umgangs ins Spiel kommt
(vgl. »Natürliche Künstlichkeit« des Men-
schen als »erstes Anthropologisches Grund-
gesetz« nach Plessner 1980). Weiterhin nutzt
er seine Intelligenz auch um bspw. andere zu
unterwerfen oder sich in der planetarischen
Sinnlosigkeit, zu der er auch als einziges Tier
einen intellektuellen Zugang hat und um sie
weiß, ‚sinnvoll‘ einzurichten. Das Ex-zent-
rische Sein erfordert also eine notwendige
subjektiv-kulturelle Positionalisierung. Seine
Existenz ist deswegen durch die »natürliche
Künstlichkeit« geprägt und sein Zugang zur
Welt (Umwelt, Mitwelt, usf.) durch eine »ver-
mittelte Unmittelbarkeit« (Plessner 1980,
32 ff.; »zweites Anthropologisches Grund-
gesetz«) gekennzeichnet: Welt, Natur und
Leben sind ihm sinnvoll nur über Umwege
zugänglich, wenngleich er aber auch immer
direkt darin eingestellt ist, was seine unmit-
telbare Angewiesenheit (z.B. Hunger, Schlaf,
Sexualität) zum Ausdruck bringt.
In seinem dritten »anthropologischen Ge-
setz« formuliert Plessner den »Utopischen
Standort« des Menschseins (vgl. Fischer
2017). Damit wird zum Ausdruck gebracht,
dass dem Homo sapiens sowohl Drang als
auch Zwang zur stetigen Überschreitung des
Erreichten inhärent ist. Das hat zur Konse-
quenz, dass der Mensch nie etwas Endgülti-
ges und Widerspruchsfreies schaffen kann.
Diese anthropologische ‚Unruhe‘ im irdi-
schen Dasein, die niemals überwunden oder
abgestellt werden kann, nötigt ihm mitun-
ter auch seinen Glauben, seine Religion auf,
sich in der planetaren Konstellation und der
eigenen Position in/an einem irdischen Ort
(z.B. Kirchen, Moscheen, Tempel, o.a.m) zu
‚verankern‘, um seinen (temporären) trans-
zendentalen ‚Frieden auf Erden‘ finden zu
können.
5 »Plessner revisited«: Was bedeuten die
Erkenntnisse der Philosophischen Anthro-
pologie für unser Verständnis von Nach-
haltigkeit?
Die obigen Ausführungen haben gezeigt,
dass nach Helmuth Plessner der Mensch kei-
ne (reine) Umwelt, keinen natürlichen Platz
auf diesem Planeten und kein nicht-macht-
volles Verhältnis zur Natur und anderen
Menschen haben kann. Er muss – zu seinem
Verdammnis, um es tragisch zu formulie-
ren – dominieren, unterwerfen, benutzen,
weil es für seine exzentrische Positionalität
keine Handlungsweise auf diesem Planeten
‘im Einklang’ mit der Natur gibt – im Sinne
eines einfachen Eingebettetseins in natürli-
che Zusammenhänge. Stattdessen ist er im-
mer schon herauskatapultiert aus solchen
natürlichen Naturbezügen durch ein Zuviel
wie ein Zuwenig: Zuviel an Intelligenz und
Handlungsoptionen, Zuwenig an Instinkten
und natürlichen Handlungsweisen. Deshalb
stellt der Mensch seinen Naturbezug künst-
lich her: durch Technik, Ethik und vor allem
Pragmatik – er tut, was er kann.
Dies macht die tragische Stellung des Men-
schen aus, denn freilich braucht er ebenso
Kooperation, Anerkennung wie auch intakte
biologisch-terrestrische Lebenszusammen-
hänge, weswegen er vielfältigste Ethiken, Mo-
ralen, Religionen etc. entwickelte, um diese
unbehauste Macht einzuhegen (vgl. Tomasel-
lo 2016). Sie bricht aber, darauf haben Nietz-
sche und Freud ihre fundamentalen Theorien
aufgebaut, regelmäßig auf, weil diese Nicht-
Balance eben auch eine anthropologische
Wahrheit des Menschen ist (vgl. Dörfler &
Rothfuss 2023a).
Es sind diese dialektischen Figuren, die
heute auch im Angesicht der Debatte um
das »Anthropozän« überraschend eine neue
Konjunktur erfahren könnten, weil dadurch
die binären, identitätslogischen Denkwei-
14
sen poststrukturalistischer Provenienz so-
wohl kritisiert wie auch überwunden werden
könnten (vgl. auch Middendorf et al. 2023;
Ernste 2023).
Sehen jene sich als Kritiker angeblich ‚di-
chotomer‘ Trennungen der Welt wie Natur-
Kultur, Mensch-Umwelt (die sie nicht sind,
dies ist ein Konstrukt dieser Denkweise selbst;
vgl. Gloy 1996), so ist mit Plessner darauf zu
verweisen, dass diese Verhältnisse nur dialek-
tisch und vermittelt zu haben sind, und nicht
identitätslogisch gegeneinander stehen, wie
die Postmoderne dies unterstellt: Dialektisch,
weil sie entgegen jener Annahmen sehr wohl
eigene Reiche der Erfahrung darstellen (ma-
teriell eigenlogisch versus sinnhaft-kulturell),
die durch keinen modischen Jargon nivelliert
werden könnten; vermittelt, weil sie als diffe-
rente – ebenfalls entgegen jener Auffassung –
wechselseitig aufeinander bezogen sind und
sich beeinflussen, eben weil sie unterschied-
lich organisiert sind. Plessners Anthropolo-
gie stellt damit gewissermaßen dialectics in
a nutshell dar: Mensch und Natur als eine
gegenseitige Bedingung aufgrund von Diffe-
renz, nicht wegen Identität. Sie sind also ge-
trennte und unterschiedliche, wie gleichzeitig
sich bedingende Sphären.
Dies hat auch praktische Konsequen-
zen für die Theoriebildung im Kontext der
Mensch-Umwelt- und Gesellschaft-Umwelt-
Forschung, die hier freilich nicht erschöp-
fend – so doch ansatzweise – buchstabiert
werden kann. Denn wenn man von diesem
Standpunkt ausgeht, so kann es keine ‚neu-
trale‘, im Einklang mit der Natur stehende
menschliche Tätigkeit geben, zu der wir nur
wieder zurückfinden müßten (etwa in Ver-
zichtslogiken). Der Mensch als Lebensform
wird immer in die Natur eingreifen müssen,
sonst kann er nicht überleben, also wird er
sie auch beständig transformieren – Still-
stand und Ausgleich ist im übrigen auch in
der Natur nicht vorgesehen.
Die Frage wird sein, welche Technik darin
zur vernünftigen Anwendung kommt, wenn
das »Vernunftdispositiv« unserer Zeit »Nach-
haltigkeit« sein soll (vgl. Blumenberg 2020).
Dabei muss beachtet werden, dass eingreifen
in die Natur bereits eine überholte, undia-
lektische Theoretisierung ist, die selbst dem
Naturromantizismus unserer Zeit entspringt.
Natur sei hier etwas ‚heilig‘ Gegebenes, etwas
‚Ganzheitliches‘ außerhalb des Menschen,
das er nur ‚geborgt‘ habe. Natur ist dem Men-
schen aber nichts Außenstehendes, kein sys-
temisches Etwas, was ausbalanciert für sich
funktioniert und ihm gegenübersteht. Der
Mensch ist ebenso Teil davon, wie er glei-
cherweise auch darin nicht überleben kann:
Er muss mit Natur über Natur hinausgehen.
Damit der Mensch also werden kann, wer er
ist (in Anlehnung an Nietzsche), muss er sich
von der Natur emanzipieren und darin seine
‚Natürlichkeit‘ erkennen.
Allein diese komplexen Gedanken päda-
gogisch zu vermitteln, stellen ein weites Feld
für die Geographie und ihre Didaktik dar, das
noch weitgehend unbearbeitet ist, und wo
man sich bisweilen lieber auf ‘schwarze Um-
weltpädagogik’ kapriziert, anstatt vernünfti-
ges, zukunftsfähiges Wissen zu vermitteln.
Pädagogischer Defätismus läuft aber ebenso
dem Beutelsbacher Konsens (2016, 3) zur »In-
doktrination« zuwider, der nicht nur ethisch-
moralische Eingriffe in die Kindesentwick-
lung verbietet:
»Es ist nicht erlaubt, den Schüler – mit wel-
chen Mitteln auch immer – im Sinne er-
wünschter Meinungen zu überrumpeln und
damit an der ‚Gewinnung eines selbständigen
Urteils‘ zu hindern. Hier genau verläuft näm-
lich die Grenze zwischen Politischer Bildung
und Indoktrination. Indoktrination aber ist
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
15
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer
demokratischen Gesellschaft und der – rund-
um akzeptierten – Zielvorstellung von der
Mündigkeit des Schülers«.
Für die Nachhaltigkeits- und Transforma-
tionsforschung sowie für die geographie-
didaktische Perspektive der Bildung für
Nachhaltige Entwicklung (BNE) hieße dies
konsequenterweise, dass man den – mitunter
widersprüchlichen – Begriff »Nachhaltigkeit«
selbst überdenken muss, sollte er der Erlan-
gung von solch ausgewogenem Handeln be-
deuten. Zu hinterfragen ist demnach, welche
menschlichen Handlungsweisen warum not-
wendig sind, und wie trotzdem unser plane-
tarischer Lebensraum langfristig erhalten
werden kann, der beidem genügt: Erstens der
menschlichen Lebensform und den natürli-
chen Bedingungen (ökonomistisch ecosystem
services genannt) wie auch den immer fort-
schreitenderen
technisch-technologischen
Entwicklungen.
Im folgenden Kapitel möchten wir anhand
dreier kurzer praktischer Unterrichtsvignet-
ten eine kritische »anthropologische Nach-
haltigkeit« veranschaulichen, die Widersprü-
che nicht auszublenden versucht, sondern
zum eigenen (undogmatischen) Nachdenken
anregt, um mit dieser Perspektive Schüler und
Schülerinnen aufzufordern, in ein dialekti-
sches Denken über die Thematik zu kommen
und damit Ambivalenzen und Paradoxien
im alltäglichen Handeln begreifbar machen
zu können. Wir sind der Ansicht, dass damit
geographiedidaktisch mehr gewonnen ist, als
junge Menschen vornehmlich mit Apokalyp-
sen im Kontext diskursiv produzierter Seman-
tiken zur »Poli-Krisis« und oft vereinseitigter
moralischer Verzichtsappelle mit Scham,
Schuld und Ängsten zu beladen. Benedikt
Korf (2022, 197) schreibt ähnlich hierzu von
»Exilen des Aufregungsbedarfs«, die – auf
Dauer gestellt – Moralisierungen fortwäh-
rend perpetuieren. Man kann vermuten, dass
die tiefgreifenden Verunsicherungen, Selbst-
zweifel und psychischen Überforderungen
(z. B. Ohnmachtsgefühle) in Teilen der Jugend
in Deutschland nicht unerheblich von dieser
diskursiv-medialen Zurichtung herrühren
(vgl. Trendstudie „Jugend in Deutschland“
2023). Auch Ute Wardenga (2024, 7) hat un-
längst darauf hingewiesen, dass ein auf Dys-
topien ausgerichteter Geographieunterricht
keine zukunftsfähige Option sein kann, da
dieser gegen das »Überwältigungsgebot« ver-
stößt (vgl. auch »Roadmap 2023/Bildungs-
pläne«).
6 Widersprüchliche Nachhaltigkeit?
Wenn es nun darum geht, Schülerinnen und
Schülern Ambivalenzen der Nachhaltigkeit
auf Grundlage des dialektischen Denkens von
Plessner zu vermitteln, mag dies durch kon-
krete lebensweltliche Beispiele und Kontexte
illustrativ geschehen.
6.1 »Regionale Nahrungsmittel: Immer
nachhaltig?«
Ein mittlerweile bekanntes, wenngleich pä-
dagogisch nicht uninteressantes Beispiel
sind die »Tomaten im Winter« (wahlweise
auch Erdbeeren etc.), worüber sich immer
wieder das moralisch-überhebliche Welt-
gewissen unserer Zeit echauffiert, weil man
darauf aus ökologischen Gründen verzichten
solle. Aus einer ähnlichen Ecke ‚nachhalti-
gen‘ Denkens werden Tomaten, die in den
Wintermonaten aus dem Ausland kommen,
als ‚nicht-regionale Lebensmittel‘ kritisiert,
die aus dieser Sicht das Ideal an nachhalti-
gen Lebensmitteln darstellen sollen (kurze
Wege, wenig verpackt, geringe Emissionen,
etc.). Dabei zeigt eine kursorische Recher-
che zu den Hintergründen schnell, dass man
bei diesem Beispiel auf das basale Problem
16
der Nachhaltigkeit stößt, das es konstituti-
onell begleitet: man kann quasi nicht defi-
nieren, was an bestimmten Produkten und
Praktiken grundsätzlich nachhaltig ist, weil
das Problem facettenreich und die Optionen
deutlich vielfältiger sind, als der Diskurs da-
rüber, mithin die Realität also komplexer ist,
als das manichäische Weltbild unseres ‚öko-
logischen Wissens‘. Aus Spanien (zumeist aus
der Region Alméria) oder Marokko impor-
tierte Tomaten schneiden in der CO2-Bilanz
(sollte das eine Referenz sein, die Sie im All-
tag beachten, man kommt auch ohne aus)
vor allem in den Wintermonaten besser ab,
als ‚unsere‘ teuren, in beheizten Gewächs-
häusern gezogenen Sorten. Man kann es also
tun oder lassen, macht sich damit jedenfalls
nicht ökologisch ‚schuldig‘ und sollte diese
Unentschiedenheit auch genau so den Schü-
lern vermitteln.
6.2 »Bavarian Green Data Center: Inno-
vation und Erfindergeist in Niederbayern«
Im Sinne der technè ist die Nutzung von Ener-
gie ein interessantes Beispiel, das bei – soweit
sollte der Konsens gehen – notwendiger öko-
nomischer Tätigkeit entsteht bzw. übrig bleibt
und sinnvollerweise als Ressource, denn als
Abfall (im schönen deutschen Wortsinne
Abgefallenes) zu betrachten wäre. Man kann
Abfall auch aufheben und weiter benutzen,
so dass auch etablierte Technik(en) und ihre
Nutzung nicht an sich ‚böse‘ sein müssen, wie
es Teile unseres zeitgenössischen Diskurses
suggerieren.
So entwickelt etwa die Universität Passau
aus der Abwärme eines neu geplanten Re-
chenzentrums (»Bavarian Green Data Cen-
ter«) ein angeschlossenes Gewächshaus mit
Abwärme zu versorgen, damit so, siehe Bei-
spiel aus Kapitel 5.1., die hiesige Bevölkerung
auch im Winter mit emissionsreduzierten
Tomaten und Gurken etc. versorgt werden
kann.4
Dergleichen Beispiele gibt es unzählige,
sie eint unser grundsätzlicher pädagogischer
Wunsch, komplexe Dinge auch in ihrer Kom-
plexität und damit Wandelbarkeit darzustel-
len, statt sie vormodern-inquisitorisch als
schlecht oder falsch zu brandmarken. Ebenso
wie in jenen Zeiten die Verhinderungsprota-
gonisten vom Wind der Geschichte hinweg-
gefegt wurden, so wird es wohl auch heutigen
Auffassungen im Diskurs gehen, sollten sie es
nicht schaffen, sich zu wandeln und an neue,
technisch mögliche Wege eines Nachhaltigs-
pfades zu gewöhnen, denn kaum etwas ist
ungewisser als das, was morgen kommt. Auch
dies ist ein ernstes, in den Hintergrund getre-
tenes pädagogisches Thema, das wir hier lei-
der nur andeuten können.
6.3 »TransitionHaus Bayreuth: Ort des Wan-
dels und konkreter Selbstwirksamkeit«
Das TransitionHaus Bayreuth e. V. (https://
transition-bayreuth.de) ist eine junge zivil-
gesellschaftliche Initiative, die Akteure aus
verschiedenen lokalen Gruppen (z. B. Repair-
Café; Foodsharing, Hamsterbacke, Nähcafé,
Volxküche, Solidarische Landwirtschaft, u.a.)
zusammenbringt, um in einem gemeinsamen
Haus den sozial-ökologischen Wandel kolla-
borativ zu gestalten. Das kollektive ‚situierte
Wissen‘ wird in konkreter Praxis, Erfahrung
und im ‚lernenden Tun‘ erzeugt; es wird als
selbstwirksam erfahren, um den Herausforde-
rungen des Klimawandels zu begegnen. Das
TransitionHaus experimentiert mit nachhal-
tigen Praktiken, die langfristig Autonomie si-
chern bzw. ermöglichen wollen. Zum Beispiel
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
17
4 https://www.bayern.de/auf-dem-weg-zum-klimaneutralen-rechenzentrum-digitalministerin-gerlach-und-praesident-der-uni-passau-unterzeichnen-
kooperationsvereinbarung-fuer-modellprojekt/
Dörfler, Rothfuß
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möchten Mitglieder der landwirtschaftlichen
Initiative SoLaWi Bayreuth e.V. autonom von
industrieller Agrarproduktion existieren (vgl.
Dörfler & Rothfuss 2021).
Die Aktivitäten im TransitionHaus Bayreuth
und unzähliger anderer lokaler sozial-ökolo-
gischer Initiativen machen deutlich, dass viele
Menschen in der spätkapitalistischen Moder-
ne im beschleunigten und oft als entfremdend
empfundenen Alltagsleben auf der Suche
nach »praktischem Sinn« (Bourdieu) agieren.
Die Forschungen im Projekt SELFCITY ha-
ben gezeigt, dass eigenlogische Resonanzer-
fahrungen und Selbstwirksamkeit (vgl. Rosa
2016) im Zentrum »kollektiver Intentionalitä-
ten« (Hasanov & Beaumont 2016) und einer
Kultur der »Zusammenarbeit« (Sennett 2012)
stehen. Dabei zeigt sich aber auch im Vollzug
gemeinsamer Verortungs- und Handlungspra-
xis, dass etwa die Aktiven im TransitionHaus
Bayreuth immer wieder Konflikte zwischen
eher pragmatisch und ethisch-moralisch ori-
entierten Zielen der verschiedenen Akteurin-
nen und Akteure erfahren, die fortwährend
neu verhandelt werden müssen (Rothfuss
et al. 2019). Die Entwicklung eines realisti-
schen Gespürs für die Machbarkeit und auch
die Grenzen von nachhaltigen Praktiken im
lokalen Kontext zu gestalten und auch aus-
zuhalten, dass die Welt dort draußen oftmals
andere Prioritäten setzt, erscheint elementar,
um nicht den Mut und Sinn von Praktiken der
Selbstwirksamkeit zu verlieren.
7 Epilog
Mit diesem Beitrag verfolgen wir das Ziel,
Lehrern und Schülern Einsichten der Philo-
sophischen Anthropologie im Kontext von
Mensch-Umwelt-Geographien aufzuzeigen.
Damit soll gezeigt werden, dass es gelingen
kann, Praktiken und Grundsätze der Nach-
haltigkeit im »Anthropozän« realistisch-anth-
ropologisch und nicht rein moralisch-ethisch
anzugehen, wie dies unserer Ansicht nach im
deutsprachigen Diskurs und Unterricht an
Schulen und Universitäten überwiegt. Dieser
Umstand hat zum Teil historische (Naturro-
mantik), bisweilen kulturelle Gründe (Natur-
philosophie, Deutscher Idealismus, u.a.) und
nimmt manchmal gar ersatzreligiöse Züge
an, wenn vom Untergang der Menschheit »in
der Klimakatastrophe« die Rede ist, deren
Existenz meist unterlassen wird, rational auf-
zuzeigen.
Umso mehr wird es wichtig, diesem Geist ra-
tionale, auf nachprüfbarer Argumentation be-
ruhende Perspektiven gegenüberzustellen, die
sich vor allem praktisch bewähren können, an-
statt pragmatisches Umweltdenken als ‚falsch‘
und ‚fehlgeleitet‘ zu denunzieren und damit
Handlungsoptionen zu verunmöglichen und
Motivation zu eliminieren. Solange kein neuer
Zarathustra in Sicht ist, scheint uns praktisch
umsetzbares – da anthropologisch mögliches –
sowie realistisch-abwägendes Umwelthandeln
erfolgversprechender als Untergangs- und De-
fätismusdiskurse. Gegen zynische Vernunft
hilft nur ein pragmatisch geleiteter Optimis-
mus sowie ein realistischer, an den Möglich-
keiten des Menschen geschulter Geist, um Zu-
kunftspfade zu eröffnen und zu gehen.
Das Thema Nachhaltigkeit vom lokalen
bis zum globalen Kontext ist zu ernst und zu
wichtig (es geht um unser aller zukünftiges
planetarisches Dasein und den nachfolgen-
den Generationen), um mit Nachhaltigkeit
vornehmlich Ideologie zu betreiben, die sich
letztlich immer indoktrinär gerieren wird. Das
zentrale Plädoyer des Beitrages bestand dar-
in, planetare Herausforderungen im 21. Jahr-
hundert vom Menschen her sowie dialektisch
zu begreifen und nicht einem posthuman-ri-
gorosen Moralismus aufzusitzen, der zumeist
nur schwarz und weiß kennt und sich unserer
Ansicht nach weitgehend im Untergangsden-
ken verrannt hat.
18
Dörfler, Rothfuß
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Sachs, W. (2015): Suffizienz. Umrisse einer
Ökonomie des Genug. In: uwf 23, S. 3–9.
Scheler, M. (1926): Die Wissensformen und
die Gesellschaft. Leipzig: Der Neue-Geist
Verlag.
Scheler, M. (1928): Die Stellung des Men-
schen im Kosmos. München: Meiner.
Sennett, R. (2012): Zusammenarbeit. Was
unsere Gesellschaft zusammenhält. Mün-
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Beziehungen und Methodiken, Stuttgart:
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Tomasello, M. (2016): Eine Naturgeschichte
der menschlichen Moral. Frankfurt: Suhr-
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Helvetica 79, S. 122-125.
Van der Loo, H. & Van Reijen, W. (2002):
Modernisierung. Projekt und Paradox.
(Aus dem Niederländischen übersetzt von
Marga E. Baumer) München: dtv.
Autoren:
Prof. Dr. Eberhard Rothfuß
Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Sozial- und Bevölkerungsgeographie
E-Mail: eberhard.rothfuß@uni-bayreuth.de
Dr. Thomas Dörfler
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Juniorprofessur für Sozialgeographie
E-Mail: thomas.doerfler@uni-jena.de
Die einzelnen hier diskutierten Abbildungen sind nach Typen unterschieden. Die Unterschei-
dung beruht im Wesentlichen darauf ob
1) es sich um Überblicksdarstellungen über grundlegende Konzepte handelt oder aber
2) systemtisch-relationale Aspekte (Ebene von ganzen Wirtschaftssystemen)
3) relationale Aspekte auf Meso- und Mikroebene (Beziehungsgeflechte zw. einzelnen Be-
standteilen von Wirtschaftssystemen, z.B. Unternehmen oder Gütern)
4) individuelle Aspekte (z.B. der ökologische Fußabdruck von Individuen, Unternehmen oder
Ländern) in den Blick genommen werden.
Jede Darstellung ist mit Hinweisen zur Problemstellung, Zielen, didaktischen Impulsen und
weiterführender Literatur und Ressourcen versehen. Eine umfassende Übersicht findet sich
auch in der Link-Box gegen Ende des Beitrags von Ouma (2021).
Die Quellen zu den Screenshots der jeweiligen aufgeführten Ressourcen finden Sie immer un-
ter „weiterführender Literatur und Ressourcen“ aufgelistet.
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 23-38
23
Externalisierung geovisuell vermitteln: Zur
Sichtbarmachung des globalen ökologischen und
sozioökonomisches Fußabdruckes „unserer“
Lebensweise
Stefan Ouma
Dieser Beitrag basiert auf meiner bisherigen Arbeit zum Thema „Externalisierung“, über
die Sie in der folgenden Ausgabe des Kontaktstudiums mehr erfahren.
Ouma, S. (2021). „Wir leben gut, weil wir von anderen leben“: Externalisierung im Geo-
graphie-Unterricht. In G. Obermaier, M. Miosga, G. Schrüfer & K. Barthmann (Hrsg.), Bay-
reuther Kontaktstudium. Nachhaltigkeit (Bd. 11, S. 19–40).
Ziel dieses Beitrages ist es, Materialien bereitzustellen, die Impulse dafür geben, die art-
verwandten Konzepte der Externalisierungsgesellschaft bzw. der Imperialen Lebensweise
im Unterricht didaktisch gut zu vermitteln.
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Problemstellung: Am Beispiel der obenstehenden Ressourcen lässt sich in das Konzept der Ex-
ternalisierungsgesellschaft einführen. Unter Externalisierung versteht der bekannte deutsche
Soziologe Stephan Lessenich die „Ausbeutung fremder Ressourcen, die Abwälzung sozialer
und ökologischer Kosten auf Außenstehende und die Aneignung der Gewinne im Inneren, so-
wie der Beförderung des eigenen Aufstiegs bei Behinderung bis Verhinderung des Fortschritts
Anderer“ (Lessenich 2017: 23-25). Eine Externalisierungsgesellschaft ist für Lessenich eine Ge-
sellschaft, die sich durch Externalisierung stabilisiert und reproduziert, sowohl auf der systemi-
schen als auch auf der gewohnheitsmäßigen Ebene (diskursive Unsichtbarkeit des „Außens“,
Ignoranz und alternative historisch-räumliche Narrative stabilisieren dies, werden aber zuneh-
mend weniger effektiv, da das „Außen“ im Form von Umweltveränderungen oder Migration
zunehmend zu uns kommt).
Lessenich summiert dies prägnant als „Wir leben gut, weil wir von den anderen leben“ (ebd.: 24,
Hervorh. im Original), oder genauer gesagt, über die Verhältnisse anderer leben – Verhältnisse,
an denen die Staaten des Globalen Nordens über Imperialismus, Kolonialismus sowie die jün-
gere Geopolitik und Weltwirtschaftspolitik bis heute eine Mitverantwortung tragen.
Ziel: Schüler*innen sollen verstehen, was Externalisierung mit der Funktionsweise und Repro-
duktion unseres Wirtschaftssystems zu tun hat.
Didaktischer Impuls: Aufarbeitung der Video- und Zeitungsressourcen (Youtube, Süddeut-
sche Zeitung) und digitale Skizze des Modells der Externalisierungsgesellschaft
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
Süddeutsche Zeitung (21. Oktober 2016). Gibt es einen Weg aus der "Externalisierungsgesell-
schaft"? Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ihr-forum-gibt-es-
einen-weg-aus-der-externalisierungsgesellschaft-1.3216781
24
Typ 1a) Thematisierung von Stephan Lessenichs Konzept der Externalisierungsgesell-
schaft: „Wir leben gut, weil wir von den anderen leben“ (ebd.: 24, Hervorh. im Original).
Quellen: Erziehungswissenschaft Universität Tübingen 2017 (links); Süddeutsche Zeitung 2016 (rechts)
Erziehungswissenschaft Universität Tübingen. (2017). Stephan Lessenich: Vom Leben auf
Kosten anderer. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. https://www.youtube.com/
watch?v=LnjIoZsmQlE
Lessenich, S. (2017). Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis
(4. Auflage). Hanser Berlin.
Problemstellung: Die Politikwissenschaftler Brand und Wissen, die immer auch wieder in geo-
graphischen Organen publizieren, liefern einige wichtige Ergänzungen zum Modell von Lesse-
nich. Erstens betonen beide noch stärker, dass es sich bei der Externalisierungsgesellschaft um
ein imperiales Modell handelt, das von einer relativ kleinen, aber wachsenden Minderheit des
Planeten praktiziert wird. Zweitens führen Brand und Wissen mit einer größeren historischen
Tiefe aus, wie die Externalisierung ökologischer und auch sozialer Kosten zutiefst mit der He-
rausbildung der Imperialen Lebensweise einer demographisch gesehen globalen Minderheit
(Stichwort: „minority world“) verbunden ist. Sie machen dies an einem für Deutschland re-
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
25
Typ 1b) Thematisierung des Konzeptes der Imperialen Lebensweise nach Brand und Wis-
sen Problemstellung
Quelle: ILA Kollektiv 2017
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
präsentativen Beispiel fest, dem automobilzentrierten Individualverkehr (Brand und Wissen
2017: 125 ff.). Mit seiner historischen Tiefe deckt das Konzept der Imperialen Lebensweise auch
einen Bereich ab, der sowohl im Geschichts- als auch Geographieunterricht oft unterbelichtet
bleibt: die Phase des Imperialismus und Kolonialismus, deren Folgen bis heute fortwirken (vgl.
Bauriedl 2019; Bendix und Mboro 2019). Drittens verweist das Konzept der Imperialen Le-
bensweise noch deutlicher darauf, dass Externalisierung als Lebensweise nicht nur über das
Habituelle (Alltagspraktiken, Wissen und Wünsche) verankert ist, wie Lessenich argumentiert,
sondern auch über spezifische Infrastrukturen (etwa die mehrspurigen Autobahnen der „Auto-
mobilgesellschaft“) und staatliche Institutionen (z.B. die Nicht-Besteuerung ökologisch schäd-
licher Konsumpraktiken). Viertens zeigen Brand und Wissen, dass viele der Strategien, die als
Lösungen zur Bekämpfung der globalen Klima- und Umweltkrise gelten – vom Handel mit CO2-
Zertifikaten, über E-Autos bis hin zum Konzept der Green Economy – Scheinlösungen sind, weil
sich mit ihnen nichts an der Grundarchitektur der Imperialen Lebensweise bzw. Externalisie-
rungsgesellschaft ändert.
Insgesamt bauen die Überlegungen sowohl von Lessenich als auch von Brand und Wissen auf
älteren Überlegungen zur ungleichen Beziehung zwischen dem Globalen Norden und dem
Globalen Süden auf, auch wenn dies nicht immer klar benannt wird.
Ziel: Schüler*innen können die einzelnen Bestandteile des Modells in ihrem Zusammenhang
erläutern. Sie können insbesondere darlegen, wie die Imperiale Lebensweise gesellschaftlich
verankert wird und dafür praktische Beispiele benennen.
Didaktische Impulse: a) Diskutieren Sie die Forderungen und Slogans von Friday’s for Future
durch die Brille des Modells der Imperialen Lebensweise und gehen Sie dabei insbesondere auf
den Aspekt der intergenerationalen Verlagerung von Kosten ein. B) Lassen Sie die Schüler*innen
Beispiele für die vier Anker des Modells erarbeiten und anschließend im Plenum vorstellen.
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
Bauriedl, S. (2019). Deutscher Kolonialismus. Bedingungen ungleicher Entwicklung in Ver-
gangenheit und Gegenwart. Geographische Rundschau, 71(5), 4–9. https://geodok.geogra-
phie.uni-erlangen.de/
Bendix, D. & Mboro, M. S. (2019). Der koloniale Ursprung und die koloniale Kontinuitäten von
Entwicklungspolitik. Geographische Rundschau, 71(5), 40–43. https://geodok.geographie.
uni-erlangen.de/
Brand, U. & Wissen, M. (2017). Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur
im globalen Kapitalismus. oekom verlag.
glokal e.V. (2025, 6. März). Connecting the Dots – (Hi)stories of Oppression and Resistance.
https://www.connecting-the-dots.org/
I.L.A.-Kollektiv. (2017). Einleitung: Die ganz alltägliche Katastrophe. https://aufkostenanderer.
org/portfolio/bildung-und-wissen/
YouTube. (2025, 6. März). Grüne Ökonomie vs. Imperiale Lebensweise: Welches Konzept führt
aus der Krise? https://www.youtube.com/watch?v=tudBc_x15Vg
26
Problemstellung: Am Beispiel der
Darstellungen lässt sich ein weit ver-
breitetes Grundproblem diskutieren,
nämlich, dass gängige Modelle von
Ökonomie oft mechanisch (A) bzw.
reduktionistisch (B) sind. Stoffflüs-
se und Akteurskonstellationen, die
Wirtschaftssysteme prägen und damit
zusammenhängende
Gesellschaft-
Umweltbeziehungen werden hier nur
unzureichend abgebildet. Mit ande-
ren Worten: Die Zusammenhänge
der Externalisierungsgesellschaft und
Imperialen Lebensweise werden ge-
rade durch populäre Bilder des Wirt-
schaftssystems als Maschine, aber
auch durch die weiterverbreitete Vor-
stellung von der Ökonomie als „ano-
nymer Markt“ oder als geschlossenes
System von Haushalten und Unter-
nehmen, verdeckt. Dem lassen sich Modelle gegenüberstellen, die wirtschaftliche Systeme und
deren externe Verflechtungen realistischer darstellen. Das Modell der Imperialen Lebensweise
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
27
Typ 1c) Unzulänglichkeit etablierter ökonomischer Modelle
Quelle: Gibson-Graham et al. 2013 (links); eigene Darstellung (rechts)
A) Die Ökonomie als Maschine
C) Modell der eingebetteten Ökonomie nach Raworth
B) Die Ökonomie als (nationaler) Kreislauf zwischen
Haushalten und Unternehmen
Quelle: verändert nach Raworth 2018
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
fällt in diese Kategorie ebenso wie das Modell der eingebetteten Ökonomie der britischen Öko-
nomin Kate Raworth.
Ziel: Schüler*innen verstehen die Unterschiede zwischen mechanisch-reduktionistischen Wirt-
schaftsmodellen und dem Modell der eingebetteten Ökonomie.
Didaktische Impulse: Die einzelnen Modelle werden auf Flipchart-Größe ohne Titel ausge-
druckt. Anschließend haben die Schüler*innen etwas Betrachtungszeit (Arbeitsauftrag: „Anbei
sehen Sie drei unterschiedliche Vorstellungen von ‚Wirtschaft‘. Welche Gedanken lösen diese
Modelle bei Ihnen als jemand aus, der an Nachhaltigkeitsfragen interessiert ist?“) und heften
an jedes Modell ihre Gedanken. Anschließend erfolgt eine Diskussion auf Basis der Zip-Notes.
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
Gibson-Graham, J. K., Cameron, J. & Healy, S. (2013). Take back the economy: An ethical guide
for transforming our communities. University of Minnesota Press.
Raworth, K. (2018). Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten
nicht zerstört (H. Freundl & S. Schmid, Übers.) (1. Auflage). Carl Hanser Verlag. http://www.
hanser-literaturverlage.de/9783446258457
28
Typ 2a) GAPMINDER: Interaktive Erforschung des Zusammenhangs zwischen BIP pro Kopf,
CO2-Emissionen pro Kopf und Externalisierung
Quelle: Gapminder 2025
Problemstellung: Am Beispiel der Plattform GAPMINDER können Sie sowohl wirtschaftsbe-
zogene als auch umweltbezogene und demographische Entwicklungsindikatoren miteinander
verschneiden. So lässt sich z.B. sichtbar machen, dass ein hohes Pro-Kopf-Einkommen auch
immer mit hohen CO2-Emissionen einhergeht:
Ziel: Schüler*innen erlernen einen Umgang mit der Plattform GAPMINDER und verstehen,
dass das BIP ein unzureichender Entwicklungsindikator ist. Ferner lernen Sie, in einzelne Län-
dern hineinzublicken, um Unterschiede innerhalb von Ländergruppen herauszuarbeiten, die
teilweise bei bestimmten Parametern ähnliche Werte aufweisen, dafür aber in Bezug auf an-
dere deutlich divergieren (wie kommen etwa die unterschiedlichen CO2-Werte für Schweden,
Deutschland und Australien zustande, die alle drei ähnliche BIP/Kopf-Werte aufweisen?). In
einem weiteren Schritt soll diskutieren werden, wie sich diese Darstellung mit Überlegungen
zur Externalisierung zusammenbringen lassen.
Didaktische Impulse: Praktisches Arbeiten mit der Plattform GAPMINDER + ergänzende In-
ternetrecherche zu Ländern.
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
Gapminder. (2025). Gapminder Tools. https://www.gapminder.org/tools/#$chart-type=bubbles&url=v2
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
29
Quelle: University of Leeds 2023
Typ 2b) Der Donut-Rechner
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Problemstellung: Auch wenn GAPMINDER eine tolle Plattform ist, so baut eine Visualisie-
rung anhand von nur drei Variablen immer noch auf einem reduktionistischen Modell von
Ökonomie auf.
Aufbauend auf Kate Raworth’s Überlegungen zur Donut-Ökonomie lassen sich unter Rückgriff
des Donut-Rechners holistischere Ländervergleiche zur Umweltbilanz bzw. sozioökonomi-
schen Bilanz einzelner Staaten anstellen. Anhand ihres Donut-Modells lassen sich unterschied-
liche Länder dahingehend vergleichen, ob diese mit ihrer Lebensweise unterschiedliche plane-
tare Grenzen (die sog. ökologische Decke) überschreiten und wie diese gleichzeitig im Hinblick
auf die Befriedigung sozialer Bedürfnisse abschneiden. Bei einem Vergleich Deutschland-Vi-
etnam wird z.B. deutlich, dass die Länder des Globalen Nordens zwar auf aggregierter Ebene
oftmals – aber nicht immer – viele soziale Grundbedürfnisse mehr als befriedigen, die sozialen
und ökologischen Kosten dieser Befriedigung aber eben externalisiert werden. Ein wichtiges
Ziel aus Raworth Sicht ist es, einen sicheren und gerechten Lebensraum für alle Menschen auf
dem Planeten zu schaffen, welcher die Externalisierung als Lebensweise hinter sich lässt.
Ziele: Die Schüler*innen lernen am Beispiel des Donuts-Konzepts, Grenzen von Modellen zu
diskutieren, die den Entwicklungsstand eines Landes ein- oder wenig-dimensional an monetä-
ren Kinnziffern wie dem BIP festmachen.
Didaktische Impulse: Erarbeitung des Donuts-Konzepts nach Kate Raworth; interaktives Aus-
probieren des Rechners; Auswahl eines aussagekräftigen Ländervergleichs, an dem bestimmte
grundlegende Probleme erläutert werden können.
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
DEAL. (2025). Doughnut Economics Action Lab. https://doughnuteconomics.org/
Raworth, K. (2018). Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten
nicht zerstört (H. Freundl & S. Schmid, Übers.) (1. Auflage). Carl Hanser Verlag. http://www.
hanser-literaturverlage.de/9783446258457
University of Leeds. (2023). Country Comparisons - A Good Life For All Within Planetary
Boundaries. https://goodlife.leeds.ac.uk/national-snapshots/countries/
Problemstellung: Das Problem der Externalisierung kann am Beispiel konkreter Produkte
oder anhand von Produktionszusammenhängen nachvollzogen werden. Ein Beispiel stellt die
Schnittblumenzucht am Lake Naivasha in Kenia dar, zu welcher der Geograph Andreas Gemäh-
lich mit seinem Team ein interessantes Tool entwickelt hat. Kenia ist ein wichtiger Exporteur von
Schnittblumen in die EU. Das Epizentrum der für Kenia wichtigen Schnittblumenindustrie ist
der Lake Naivasha. Von den dortigen Farmen stammen 95 % aller aus Kenia exportierten Schnitt-
blumen (Mekonnen et al. 2012). Im Jahr 2017 erzielte der Subsektor Exporterlöse von 82,2 Mrd.
kenianischen Shilling (820 Mio. US$). Dieses Tool kann mit der Betrachtung von Arbeiten kom-
biniert werden, die den Export von virtuellem Wasser aus fragilen Ökosystemen wie dem Lake
Naivasha problematisieren.
30
Typ 3a) Virtuelles Wasser und der ökologische Fußabdruck der Schnittblumenproduktion
am Lake Naivasha
Die Schnittblumen werden in der Regel von einigen wenigen Großfarmen und von zahlreichen
Kleinbauern*innen angebaut, exportiert und entweder über eine Blumenauktion in den Nie-
derlanden an den Großhandel oder direkt an Supermarktketten verkauft (Schamp 2008).
Während zahlreiche klassische Arbeiten diese Umweltproblematik nur am Rande erwähnen,
gab es in jüngerer Zeit Versuche, die ökologischen Folgen des Schnittblumenexports systema-
tisch aufzuarbeiten. Laut der Studie von Mekonnen et al. (2012: 3770 ff.) belief sich der Export
von virtuellem Wasser vom Lake Naivasha zwischen 1996 und 2005 auf 16 000 m3/Jahr. Eine
exportierte Rose verbraucht ca. 7 bis 13 l Wasser (eine Rose wiegt ca. 25 g).
Während auch andere landwirtschaftliche Betriebe sowie viele Kleinbäuer*innen für den Was-
serverbrauch am See verantwortlich sind, entfielen dennoch 98 % des Blauwasser-Fußabdrucks
(blaues Wasser ist das zur Produktion verwendete Oberflächen- oder Grundwasser) und 41 %
des totalen Wasserfußabdrucks auf die Schnittblumenindustrie. Die Exportdestinationen von
virtuellem Wasser aus der kenianischen Schnittblumenindustrie können Sie der Arbeit von Me-
konnen et al entnehmen. Während dies eine produktbezogene Analyse des Wasserfußabdrucks
darstellt, können Schüler*innen dieses Maß auch für sich persönlich errechnen. Hier hilft der
Water Footprint Calculator (siehe weiterführende „Literatur und Ressourcen“).
Ziele: Die Schüler*innen können Anhand eines ausgewählten Produktlebenszyklus - z.B. von
Schnittblumen - die Problematik der Externalisierung diskutieren. Sie erlernen insbesondere
auch die Fähigkeit, den Lebenszyklus eines Produktes und der an jedem involvierten Ort anfal-
lenden ökologischen Kosten zu visualisieren (z.B. über ein Product Mapping bzw. eine Wert-
schöpfungsketten-Mapping).
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
31
Quelle: Gemählich 2025
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Didaktische Impulse: Entsprechend des Workshops-Konzeptes „Die Welt durch die Blume“
(Ott et al. 2015), an dessen Erstellung ebenfalls Herr Gemählich beteiligt war, erarbeiten Sie
ein Konzept, das die Aspekte des ökologischen Fußabdruckes des Schnittblumenhandels in den
Vordergrund rückt.
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
Gemählich, A. (2025). Fair Roses. A Journey into the World of the Rose Trade. http://www.fair-
roses.org/en/
Mekonnen, M. M., Hoekstra, A. Y. & Becht, R. (2012). Mitigating the Water Footprint of Export
Cut Flowers from the Lake Naivasha Basin, Kenya. Water Resources Management, 26(13),
3725–3742. https://doi.org/10.1007/s11269-012-0099-9
Schamp, E. (2008). Globale Wertschöpfungsketten. Umbau von Nord-Süd-Beziehungen in der
Weltwirtschaft. Geographische Rundschau, 60(9), 4–11.
Ott, V., Gemählich, A., Hafner, R. & Kister, J. (2015). „Die Welt durch die Blume“: Grundlagenfor-
schung in Workshop und Vortrag multimodal vermittelt. https://leibniz-ifl.de/fileadmin/Re-
daktion/Forschung/Geovisualisierungen/Handreichungen_Vermittlungsr%C3%A4ume/
HR_Multimodaler_Workshop_und_Vortrag.pdf
Water Footprint Calculator. (2022, 20. Oktober). The Hidden Water in Everyday Products.
https://watercalculator.org/footprint/the-hidden-water-in-everyday-products/
32
Typ 3b) Offenlegung der Stoffflüsse und kritischen Punkte in globalen Lieferketten – das
Tool Trase
Quelle: trase.earth 2025
Problemstellung: Wie Ouma (2020: 506) darlegt: „Der Wert exportierter Güter und Dienstleis-
tungen war im Jahr 2013 300-mal höher als im Jahr 1950 (Wiedmann, 2016, S. 160). Die Aus-
weitung der Produktion und Bewegung von Gütern für den Welthandel ging mit massiven Um-
weltveränderungen einher. Dazu gehören der Verbrauch von Wasser und Land, die Emission
von Treibhausgasen wie Methan und CO2, sowie der Eintrag toxischer oder anderweitig pro-
blematischer Stoffe wie Schwermetalle oder Nitrate. Ein Viertel bis ein Drittel aller globalen
CO2-Emissionen, 20 % bis 25 % der globalen Landschaftsveränderungen und 35 % aller konsu-
mierten Energieressourcen werden dem internationalen Handel von Gütern und Dienstleis-
tungen zugerechnet. 22 % bis 30 % des global verbrauchten Wassers ist virtuelles Wasser (also
Bodenwasser und Oberflächenwasser sowie verunreinigtes Wasser), welches zur Erstellung von
Produkten und Dienstleistungen verbraucht wurde und dann über diese exportiert wird (ibid.,
S. 164–170). Der Nahrungsmittelsektor (inkl. Düngermittelindustrie) ist für 19 % bis 29 % der
globalen anthropogenen Treibhausgase verantwortlich. Auf die Primärproduktion entfallen da-
bei 80 % bis 86 % aller Emissionen des Nahrungsmittelsektors (…).
Deshalb lassen sich globale Warenketten auch als räumliche Redimensionierung von Mensch-
Umwelt-Verhältnissen denken. Der Stoffwechsel, welcher der Produktion und Reproduktion von
Gesellschaften zugrunde liegt, erreicht über globale Warenketten oft planetarische Ausmaße.
Dies ist an sich kein neuer Prozess (…), in Intensität und Maßstab aber beispiellos. Aufgrund der
sozialen, geographischen und polit-ökologischen Komplexität von Warenketten und der Distan-
zen zwischen Produktions- und Konsumtionsorten sind die ökologischen Folgen globalisierter
Produktion für Konsument*innen oft unsichtbar, oder aber werden schlichtweg ignoriert.“
Die Herausforderung besteht nun, die Verbindungen samt ihrer geographischen Fußabdrücke
methodisch sichtbar zu machen. Dies kann auf Produktebene passieren, aber eben auch auf
Ebene der gesamten Lieferkette, wodurch Produkte, Unternehmen und Beziehungen in den Fo-
kus rücken. Visuelle Darstellungen sind hier sehr wichtig:
„Visuelle Darstellungen können zur Veranschaulichung (als Anhang zu einem bestimmten Ar-
gument), zur Analyse (um den Nutzer*innen die Möglichkeit zu geben, Beziehungen und Phä-
nomene zu erforschen, die bisher unerforschlich waren) oder als visuelles Produkt verwendet
werden, das tatsächlich ein neues Argument transportiert (…). Die räumliche Visualisierung
geht zunehmend über die engen Grenzen der Geographie hinaus, da andere Disziplinen
‚räumlicher‘ werden (…)“ (Ouma 2024: 806, übersetzt, Hervorhebung d. Autor).
Ziele:
• Umgang mit interaktiver Software und Datensätzen, die das Thema „Externalisierung“ erfahr-
bar machen
• Erstellung eigener Visualisierungen zum Thema
• Verständnis dafür entwickeln, wie die geographischen Impacts von Konsumentscheidungen
auf der Ebene von Lieferketten gemessen werden können
Didaktische Impulse: Lassen Sie Schüler*innen mit dem Program Trase arbeiten. Führen
Sie dazu die Idee des Telecoupling ein: „Telecoupling bezieht sich auf die Verbindungen zwi-
schen geographisch getrennten Biomen und wirtschaftlichen Aktivitäten. Diese globalen
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
33
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Verbindungen zwischen menschlichen und natürlichen Systemen haben sowohl sozioökono-
mische, als auch ökologische Auswirkungen“ (Liu et al., 2015 in Galaz et al. 2018: 297, über-
setzt). Erarbeiten Sie ferner eine Problemstellung, die die folgenden Punkte umfasst:
• Problem: Weite Distanzen und vorherrschende ökonomische Ideologien (z.B. „der Markt“)
verschleiern den ökologischen (und sozialen) Fußabdruck von Waren/Gütern
• Geographische Komplexität von Telecoupling-Prozessen erschwert Verständnis der zugrun-
deliegenden Stoffflüsse und räumlich-sozialer Organisation
• „Markt“-Preise decken oft nicht die „wahren“ Kosten der Produktion ab (inklusive ökologi-
scher Schäden)
• Aber: Notwendigkeit die Folgen unserer Wirtschaftsweise zu verstehen, visualisieren und so-
mit politisch diskutierbar zu machen, da Externalisierung nicht ewig weitergehen kann und
zudem jetzt schon ethisch verwerflich ist
Trase ist eine gemeinnützige Initiative, die 2015 vom Stockholmer Umweltinstitut und Global
Canopy gegründet wurde, um Transparenz in die Abholzung von Wäldern und den Handel mit
Agrarrohstoffen zu bringen. Trase kombiniert Daten über die Produktion und den Handel von
Rohstoffen aus vielen verschiedenen Quellen mit einer einzigartigen Form der Materialfluss-
analyse, um Lieferketten abzubilden, die Verbrauchermärkte über Händler mit Produktionsre-
gionen verbinden.
Schüler*innen könnten sich zunächst die Methode von Trase erarbeiten und ausloten, wie
Trase zur Bearbeitung der Probleme oben beitragen kann. https://trase.earth/methodology/
supply-chains-methodology
In einem weiteren Schritt sollen die Schüler*innen Visualisierungen für unterschiedlichen Wa-
ren vornehmen und ihre Beobachtungen zu Akteuren, kritischen Punkten, Ressourcenflüssen
und geographischen Impacts festhalten und anschließend, samt der Visualisierung, als wissen-
schaftliches Poster präsentieren.
Eine Alternative könnte darin bestehen, mit dem Tool StoryMaps von Esri analog zu diesen bei-
den StoryMaps von Studierenden der Wirtschaftsgeographie an der Universität Bayreuth eine
eigene StoryMap anzufertigen:
https://storymaps.arcgis.com/stories/0e77f9b5af9c4b64830adc73e4a2c099
https://arcg.is/1j8a4L0
Weiterführende Literatur und Ressourcen:
Galaz, V., Crona, B., Dauriach, A., Scholtens, B. & Steffen, W. (2018). Finance and the Earth sys-
tem – Exploring the links between financial actors and non-linear changes in the climate system.
Global Environmental Change, 53, 296–302. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2018.09.008
Goldstein, B. & Newell, J. (2020). How to track corporations across space and time. Ecological
Economics, 169, 106492. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2019.106492
Ouma, S. (2024). Accounting for Capital in the Countryside: Toward a Visual Politics of the As-
set Form. The Professional Geographer, 76(6), 805–813. https://www.tandfonline.com/doi/
full/10.1080/00330124.2023.2223253
34
Ouma, S. (2020). Waren, Wissen und „Raum“: Die Dunklen Seiten globaler Lieferketten im Le-
bensmittelhandel. In N. Baur, L. Hering, E. Kulke & J. Fülling (Hrsg.), Waren - Wissen - Raum:
Interdependenz von Produktion, Markt und Konsum in Lebensmittelwarenketten (1. Auflage
2020, S. 486–516). Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH; Springer VS.
trase.earth. (2025). Trase - Insights and analysis on commodity trade sustainability - Trase.
https://trase.earth/
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
35
Typ 4) Individuelle Aspekte: der Ökologische Fußabdruck von Individuen bzw. Ländern
Quelle: Global Footprint Network 2025
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Problemzusammenhang: Der Ökologische Fußabdruck ist ein Maß dafür, wie viel Fläche an
biologisch produktivem Land und Wasser ein Individuum, eine Bevölkerung oder eine Aktivität
benötigt, um alle von ihr verbrauchten Ressourcen zu produzieren und die von ihr erzeugten
Abfälle zu absorbieren, unter Verwendung der vorherrschenden Technologie und Ressourcen-
managementpraktiken. Der Ökologische Fußabdruck wird normalerweise in globalen Hektar
gemessen. Da der Handel global ist, umfasst der Fußabdruck einer Person, eines Haushalts ei-
ner Stadt oder eines Landes Land- oder Meeresflächen in der ganzen Welt. Ohne weitere Spe-
zifizierung bezieht sich der Ecological Footprint im Allgemeinen auf den Ökologischen Fußab-
druck des Konsums. Der Ecological Footprint wird oft in der Kurzform Footprint genannt.
Ziele:
• Möglichkeiten und Grenzen der Maßzahl des Ökologischen Fußabdrucks erarbeiten
• Erarbeitung zentraler Komponenten des Konzepts (z.B. „Globale Hektar, Berechnung, Earth
Overshoot).
• Erarbeitung eigener (interaktiver) Visualierungen auf Basis der Fußabdruck-Idee
Didaktische Impulse: Lassen Sie bitte die Schüler*innen folgendes Video anschauen:
Bitte lassen Sie die Schüler*innen folgende Aufgaben bearbeiten:
a) Erklären Sie kurz das Konzept des Ökologischen Fußabdrucks
b) Berechnen Sie Ihren eigenen Fußabdruck und halten fest, welche Gedanken durch die
Ergebnisse dieser Berechnung in Ihnen erzeugt werden
36
Ökologischer Fußabdruck – einfach erklärt
Quelle: Geographie - simpleclub (2023)
c) Erklären Sie kurz das Unterkonzept „Globale Hektar“ und welche Rolle es bei der Berech-
nung des Ökologische Fußabdruckes spielt. Bitte geben Sie auch die Quellen dazu an, falls
Sie weitere Recherchen angestellt haben.
Danach werden die Konzepte im Plenum diskutiert.
Des Weiteren sollen die Schüler*innen die Grenzen des Konzeptes diskutieren. Hier kann es
hilfreich sein, eine Recherche zu kritischen Perspektiven auf Varianten des Ökologischen Fuß-
abdruckes durchzuführen.
Eine Alternative könnte darin bestehen, mit dem Tool StoryMaps von Esri analog zu dieser
StoryMap von Studierenden der Wirtschaftsgeographie an der Universität Bayreuth eine eigene
StoryMap anzufertigen:
https://storymaps.arcgis.com/stories/8e754b1e830046af99648dba2fa3ba51
Auch ein Projekt, das mit dem verwandten Konzept des Earth Overshoot Day arbeitet, ist mög-
lich. Die Seite zum Earth Overshoot Day offeriert auch Ressourcen für den Unterricht.
Weitere Literatur und Ressourcen:
Geographie - simpleclub. (2023). Ökologischer Fußabdruck - einfach erklärt. https://www.
youtube.com/watch?v=OYF2v7seDEE
Earth Overshoot Day. (2024). Past Earth Overshoot Days - #MoveTheDate of Earth Overshoot
Day. https://www.overshootday.org/newsroom/past-earth-overshoot-days/
Galli, A., Wiedmann, T., Ercin, E., Knoblauch, D., Ewing, B. & Giljum, S. (2012). Integra-
ting Ecological, Carbon and Water footprint into a “Footprint Family” of indicators: Defini-
tion and role in tracking human pressure on the planet. Ecological Indicators, 16, 100–112.
https://doi.org/10.1016/j.ecolind.2011.06.017
Global Footprint Network. (2025). How many planets does it take to sustain your lifestyle?
https://www.footprintcalculator.org/home/de
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
37
Quelle: Earth Overshoot Day (2024)
Ouma
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
38
Autor:
Prof. Dr. Stefan Ouma
Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie
E-Mail: stefan.ouma@uni-bayreuth.de
1 Einleitung
Die Geschichte des lateinamerikanischen
Kontinents ist aufs Engste mit Dynamiken der
Ressourcenextraktion verbunden. Schon die
frühe Kolonisation Lateinamerikas durch die
Spanier seit dem 16. Jahrhundert war geprägt
durch die Suche nach und Extraktion von
Edelmetallen. Das enorme Wachstum der
Stadt Potosí, die in der Hochzeit des Silber-
abbaus als eine der größten Städte der Welt
galt, steht stellvertretend für die Bedeutung
der kolonialwirtschaftlichen Rohstoffextrak-
tion in Lateinamerika. Es waren nicht zuletzt
diese Ausbeutungsdynamiken, die den Kon-
tinent über Jahrhunderte prägten und über
koloniale Arbeitsverhältnisse dramatische
Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung
hatten, die dazu führten, dass lateinameri-
kanische Intellektuelle ab der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts zu führenden Kritikern
der Abhängigkeit des Kontinents von Primär-
güterexporten wurden. Im ersten Teil dieses
Aufsatzes werde ich zwei zentrale Ansätze der
Entwicklungstheorie (Dependenztheorie und
Post-Development) in den Blick nehmen und
der Frage nachgehen, wie diese das Verhältnis
von Ressourcenextraktionsdynamiken und
„Entwicklung 1“ in Südamerika konzeptionell
fassen und bewerten. Im zweiten Teil des Auf-
satzes werde ich dann der Frage nachgehen,
wie sich Dynamiken der Primärgüterextrak-
tion sowie des Primärgüterexports seit den
1960er Jahren in Lateinamerika verändert ha-
ben. Dabei zeichne ich einen Wandel in der
polit-ökonomischen Rahmung von Ressour-
cenextraktionsdynamiken vom Washington
Consensus (ca. 1980er und 1990er Jahren)
über den Commodity Consensus (ca. 2000er
Jahre bis Mitte der 2010er Jahre) hin zum De-
karbonisierungskonsensus nach. Wie ich
in der Conclusio darlege, ist es vor allem vor
dem Hintergrund des aktuellen Dekarboni-
sierungskonsensus, der mit einem starken
Anstieg eines vermeintlich grünen Exktrakti-
vismus in Lateinamerika für die sozial-ökolo-
gische Transformation der Wirtschaft (primär
des Globalen Nordens) einhergeht, ganz ent-
scheidend, diese Gewachsenheit von globa-
len Abhängigkeits- und Ungleichheitsverhält-
nissen nicht aus den Augen zu verlieren.
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 39-49
39
Globaler Wandel und Ressourcenextraktion in
Lateinamerika
Gerhard Rainer
1 Jüngere Arbeiten verwenden den Begriff der Entwicklung aufgrund der ihm innewohnenden problematischen Konnotationen, auf die
ich in diesem Aufsatz an späterer Stelle zurückkommen werde, kaum noch. Auch die Unterscheidung zwischen Entwicklungsländern und
Industrieländern, die bis in die 1990er Jahre sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in der Zivilgesellschaft völlig selbstverständlich
war, wird heute aufgrund der Problematik, die mit dem Begriff der Entwicklung verbunden ist, abgelehnt. Ich werde daher in diesem Aufsatz
von Globalem Norden und Globalem Süden sprechen. Da ich mich hier jedoch auf historische Debatten innerhalb der Entwicklungsforschung
beziehe und in dieser Zeit der verwendete Begriff, der der Entwicklung war, gebe ich diesen hier wie damals verwendet wieder.
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
2 Ressourcenextraktion in Lateinamerika
und die Entwicklungstheorie: Von der De-
pendenztheorie zum Postdevelopment
Lateinamerikanische Theoretiker*innen präg-
ten insbesondere die dependenztheoretische,
vom Marxismus inspirierte Strömung inner-
halb der sogenannten Entwicklungsforschung.
Kritik am vorherrschenden entwicklungspoli-
tischen Paradigma der Modernisierung ge-
wann ab den 1950er Jahren an Bedeutung,
auch, weil das modernisierungstheoretische
Versprechen einer nachholenden Entwick-
lung sich auf dem lateinamerikanischen
Kontinent nicht zeigte. Zentrale Argumenta-
tionslinien, die die abhängige Position Latein-
amerikas als Perpetuierung kolonialer Ab-
hängigkeiten und damit verbunden als Folge
der Rolle des Kontinents als Rohstofflieferant
(Peripherie) für das globalen Zentrum (die
Industrieländer) kritisierten, kamen aus den
lateinamerikanischen Ländern selbst
2. Das
wohl bekannteste Werk, das vor diesem Hin-
tergrund genannt werden muss, ist Eduardo
Galeano's Las venas abiertas de América La-
tina (1972) – in deutscher Übersetzung „Die
Offenen Adern Lateinamerikas“ (2007).
Während in den 1960er bis 1980er Jahren
also die Position Lateinamerikas als Primär-
güterlieferant in einem ungleichen globalen
Weltsystem kritisiert wurde, verschiebt sich
diese Kritik ungefähr ab den 1990er Jahren und
verstärkt ab den 2000er Jahren. Nicht mehr
die Abhängigkeit (spanisch dependencia) La-
teinamerikas von der Primärgüternachfrage
in den sogenannten Industrieländern, die in
dependenztheoretischer Perspektive die ei-
genständige Entwicklung des lateinamerika-
nischen Kontinents verhindert und damit zu
einer Perpetuierung globaler Hierarchien und
Ungleichheiten führt, stand im Zentrum der
Kritik.
3 Post-Development
Mit dem Aufkommen des Postkolonialismus
und vor allem der Post-Development-Ansätze
war es vielmehr der Begriff der Entwicklung an
sich, der in die Kritik geriet. Alleine schon über
die Verwendung des Begriffs, so die Argumen-
tation namhafter Vertreter*innen des Post-
Development, werden die eurozentrischen
Weltanschauungen und Weltordnungen per-
petuiert und zementiert. Die Unterscheidung
zwischen Industrieländern auf der einen Sei-
te und Entwicklungsländern auf der anderen,
die suggeriert, dass Entwicklungsländer eine
Entwicklung durchlaufen sollen und müssen,
die sie dann auf die Ebene der Industrieländer
hebt, ist wohl das eindrücklichste Beispiel für
diese eurozentristische Argumentation. Ist die
„Entwicklung“ der Industriestaaten wirklich
so erstrebenswert (wenn bspw. soziale und
ökologische Kosten und Ungleichheiten mit-
betrachtet werden)?
Während dependenztheoretische Arbei-
ten eine Abkopplung vom Weltsystem und
eine stärker eigenbestimmte Ent-wicklung
forderten, wird von Theoretiker*innen des
Post-Development nicht mehr eine solche
alternative Entwicklung, sondern eine Al-
ternative zur Entwicklung gefordert. Für ei-
nen der namhaftesten lateinamerikanischen
Theoretiker*innen des Post-Development,
den gebürtigen Kolumbianer Arturo Escobar,
ist Entwicklung „a discourse of Western origin
40
2 Für eine tiefgehende deutschsprachige Einführung in die Geschichte und die zentralen Überlegungen der Dependenztheorie siehe Franke
& Kumitz 2023. Das Handbuch Entwicklungsforschung, in dem dieser Beitrag erschienen ist, bietet einen sehr guten Überblick über zentrale
theoretische Ansätze sowie thematische Fokussierungen der Entwicklungsforschung. Für eine einführende, aktuelle Perspektive auf die
Geographische Entwicklungsforschung ist der Beitrag von Benedikt Korf und Eberhardt Rothfuß – „Nach der Entwicklungsgeographie“ –
publiziert im Sammelwerk Humangeographie kompakt, sehr zu empfehlen (Korf & Rothfuss 2016).
that operated as a powerful mechanism for
the cultural, social, and economic production
of the Third World” (Escobar 2015). Als einer
der Vorreiter*innen des Post-Development
hatte Escobar schon 1995 kritisiert, dass der
Begriff der Entwicklung vornehmlich dazu
diene, die „Dritte Welt“ als ko-konstitutives
Andere der „Ersten Welt“ herzustellen und
damit automatisch die Notwendigkeit einer
Entwicklung hin zu den Idealen der „Ersten
Welt“ (bspw. Wachstum, Fortschritt, Rationa-
lität) vorgebe. Die Probleme, die mit Entwick-
lung, Wachstum und Fortschritt im Globalen
Norden einhergehen, werden dabei systema-
tisch ausgeblendet und die eigentlich zentrale
Frage – nämlich jene, wie gutes Leben ausse-
hen kann und soll – wird damit notwendiger-
weise global mit Entwicklung beantwortet.
Die Kritik des Post-Development hat in La-
teinamerika sowohl in der Wissenschaft als
auch in der Zivilgesellschaft zu einer Hin-
wendung zu buen vivir-Debatten (gutes Le-
ben auf Spanisch) geführt, die zunehmend
auch in Austausch mit wachstumskritischen
Ansätzen des Globalen Nordens wie bspw.
Postwachstumsdebatten stehen (Escobar
2015; für eine tiefgehende Darstellung der
Postwachstumsdebatten innerhalb der Geo-
graphie siehe Lange et al. 2020). In der Folge
werden wir nun die wirtschaftliche Entwick-
lung Lateinamerikas seit den 1960er Jahren
nachzeichnen und damit der Frage nachge-
hen, inwiefern sich die sektorale Wirtschafts-
struktur
der
lateinamerikanischen
Län-
der, insbesondere mit Blick auf die Bedeutung
von Primärgüterexporten, verändert hat.
4 Die Entwicklung der Ressourcenextraktion
in Lateinamerika seit den 1960er Jahren
In vielen lateinamerikanischen Ländern führ-
te die dependenztheoretische Kritik in den
1960er und 1970er Jahren zu einer Strategie
der teilweisen Abkopplung vom Weltmarkt
und der Einführung importsubstituierender
Politiken. Ziel war es, über den Aufbau eigener
Industrien die Abhängigkeit von Primärgü-
terexporten zu durchbrechen. Um die Indus-
trialisierung in den 1960er und 1970er Jahren
voranzutreiben, hatten viele lateinamerika-
nische Länder hohe Kreditsummen aufge-
nommen. Infolge der krisenhaften Entwick-
lung der Weltwirtschaft in den 1980er Jahren
führte dies dazu, dass diese Schulden von
den lateinamerikanischen Volkswirtschaften
kaum mehr beglichen werden konnten. Die
dadurch nötig gewordenen Strukturanpas-
sungsprogramme, die von internationalen
Kreditgebern als Bedingung für die weitere
Vergabe von Krediten eingefordert wurden
und damit vielfach den einzigen Ausweg aus
einem drohenden Staatsbankrott darstellten,
führten dazu, dass die Volkswirtschaften nur
geringe Wachstumsraten erzielen konnten.
Die Dekade der 1980er Jahre wird deshalb
vielfach auch als das verlorene Jahrzehnt be-
zeichnet. Die von Seiten internationaler Ins-
titutionen (IWF, Weltbank) geforderten Struk-
turanpassungsmaßnahmen sahen primär die
Reduktion öffentlicher Ausgaben (bspw. Ab-
bau von Subventionen, Reduktion von Sozi-
alausgaben) und die Liberalisierung der Han-
delspolitik vor. Diese politisch-ökonomische
Ausrichtung vertiefte sich in der nachfolgen-
den Dekade.
5 Der Washington Consensus
Auf globaler Ebene sind die ausgehenden
1980er Jahre und die 1990er Jahre durch die
Einführung neoliberaler Politiken geprägt.
Diese ökonomische Phase wird vielfach als
Zeit des „Washington Consensus“ (Hafner
et al. 2016; Bringel & Svampa 2023) bezeich-
net und ist gekennzeichnet durch die Libera-
lisierung externer Kapitalinvestitionen, Dere-
gulierung der Wirtschaft und Privatisierung
staatlicher Unternehmen und öffentlicher
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
41
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Güter. Das wohl emblematischste Beispiel
der Durchsetzung neoliberaler Politiken in
Lateinamerika ist Argentinien unter Präsident
Meném (Präsidentschaft von 1989-1999), das
genau jene eben genannten politisch-öko-
nomischen Maßnahmen setzte und die Ein-
bindung in internationale Märkte zusätzlich
durch die Bindung des Peso an den US-ame-
rikanischen Dollar mit Umrechnungskurs 1:1
versuchte zu forcieren. Am Beispiel Argenti-
niens lässt sich zudem sehr gut zeigen, dass
die neoliberale politisch-ökonomische Aus-
richtung zu einer Stärkung von Primärgüter-
extraktion und -export führte und zudem die
Abhängigkeit von großen transnationalen
Unternehmen vertiefte.
Beispielsweise wurde unter der Präsident-
schaft von Carlos Meném die Bergbaugesetz-
gebung in Argentinien verändert, um transna-
tionale Bergbaukonzerne ins Land zu holen.
Durch Deregulierung waren bestimmte bis
dahin strategische Rohstoffe nicht mehr für
staatliche Unternehmen reserviert. Argenti-
nien ist im Gegensatz zu seinen Nachbarlän-
dern Bolivien und Chile zudem kein Land, in
dem der Bergbau traditionell eine wichtige
Rolle spielte. Die massive Zunahme von Berg-
bauprojekten – umgesetzt durch große trans-
nationale Bergbaukonzerne – fällt daher erst
in die Regierungszeit von Carlos Meném. Das
Paradebeispiel für die neoliberale Bergbau-
politik Argentiniens der 1990er Jahre ist das
Projekt Bajo La Alumbrera in der nordwest-
argentinischen Provinz Catamarca, das nach
jahrzehntelangen Versuchen 1994 realisiert
wurde und das erste Bergbau-Megaprojekt im
Land darstellt (Paolasso et al. 2013).
1996 war Argentinien zudem eines der
ersten Länder weltweit, das den Anbau von
gentechnisch manipuliertem Soja und Mais
erlaubte. Gleichzeitig führte dies dazu, dass
der globale Agrobusinesskonzern Monsan-
to, der die Patente für gentechnisch manipu-
lierte Sojabohnen hält, die gegenüber dem
Herbizid roundup ready (Glyphosat) resis-
tent sind, eine zentrale Rolle in der argentini-
schen Landwirtschaft einzunehmen begann
(Tittor 2021, 315). Tittor zeichnet zudem
nach, dass in den 1990er Jahren transnationa-
le Unternehmen die Kontrolle über die argen-
tinische Landwirtschaft übernommen haben,
die Wertschöpfungskette von einigen wenigen
Unternehmen kontrolliert wird und die Ver-
flechtung mit anderen Wirtschaftssektoren
sehr gering blieb. Also auch in der Landwirt-
schaft wird mit den neoliberalen Reformen
die Internationalisierung vorangetrieben und
es lassen sich massive Konzentrationsprozes-
se beobachten.
6 Der Commodity Consensus
Mit Blick auf die politisch-ökonomische Aus-
richtung stellen die 2000er Jahre in Latein-
amerika eine Wende dar. In Ländern wie Ar-
gentinien, Brasilien, Bolivien und Venezuela
kommen linksgerichtete Regierungen an die
Macht, die (zumindest diskursiv) eine starke
Abwendung von den neoliberalen Politiken
der 1990er Jahre forcieren. Weltwirtschaft-
lich sind die 2000er Jahre vor allem durch ei-
nen Boom der Primärgüterpreise geprägt, der
durch eine sehr hohe Nachfrage nach Rohstof-
fen angetrieben wird. Vor diesem Hintergrund
sprechen Bury & Bebbington (2013) dann
auch von einem „extractive super cycle“ und
vor allem für Lateinamerika, das ja historisch
die Rolle als zentraler Rohstofflieferant für die
Weltwirtschaft einnimmt, bedeutet dies einen
wirtschaftlichen Boom. Die politisch-ökono-
mische Rahmung der Ressourcenextraktion
in den lateinamerikanischen Ländern unter-
scheidet sich in dieser Dekade je nachdem,
ob links- oder eher rechtsgerichtete Regierun-
gen an der Macht sind. Mit Blick auf die Län-
der, die von eher rechtsgerichteten Regierun-
gen geführt werden (bspw. Kolumbien oder
42
Chile), lässt sich eine Kontinuität der poli-
tisch-ökonomischen Rahmung der Ressour-
cenextraktion feststellen.
Der Bruch mit der neoliberalen Politikaus-
richtung durch die linksgerichteten Regie-
rungen äußerst sich demgegenüber in einer
neuen polit-ökonomischen Rahmung der Pri-
märgüterextraktion. Steuern auf Primärgüter-
exporte werden von den linken Regierungen
stark angehoben und vor dem Hintergrund
steigender Preise von Primärgütern auf den
Weltmärkten (sowie steigender Nachfrage)
nehmen daher die Staatseinnahmen deutlich
zu. Diese Einnahmen wurden von den linken
Regierungen genutzt, um staatliche Ausgaben
und hierbei vor allem Sozialprogramme mas-
siv auszubauen. Als emblematisches Beispiel
für diesen Wandel kann hier wieder Argentini-
en angeführt werden. In der Zeit der neolibe-
ralen Politikausrichtung hatte Carlos Menem
Anfang der 1990er Jahre die Exportsteuern für
unverarbeitete Sojabohnen auf vier Prozent
reduziert und für weiterverarbeitete Sojaboh-
nen komplett gestrichen (Dorn & Hafner
2018). Die Steuern auf Soja sind für Argenti-
nien ein ökonomisch sehr wichtiger Faktor, da
die Bohne eines der wichtigsten Exportgüter
darstellt.
Nach dem Linksruck Anfang der 2000er Jah-
re vollzog die Regierung von Nestor Kirchner
daher einen tiefgreifenden Wandel. Die Steu-
ern auf den Export von unverarbeiteten Soja-
bohnen wurden zuerst auf 24% (2002-2006),
dann auf 28% (2007) und schließlich auf 35%
(2008-2015) angehoben (Dorn & Hafner
2018: 20). Auch die Steuern für weiterverarbei-
tete Sojabohnen wurden stark angehoben und
lagen in den Jahren 2008-2015 bei 32%. Die
massive Anhebung der Steuern tat dem star-
ken Ausbau der Sojaanbaufläche in Argentini-
en jedoch keinen Abbruch. Während 1992/93
die Anbaufläche bei knapp über 5 Millionen
Hektar lag, vervierfachte sich die Fläche bis
2014/15 auf fast 20 Millionen Hektar (siehe
auch Coy et al. 2017). Die sich daraus erge-
benden Staatseinnahmen verwendete die ar-
gentinische Regierung primär für den Ausbau
staatlicher Unterstützungen ärmerer Bevölke-
rungsgruppen, wobei in dieser Zeit über soge-
nannte "planes sociales" (Sozialpläne) in Kraft
traten (Dorn & Hafner 2018, 16). Aber auch
in Brasilien lässt sich dies sehr gut nachzeich-
nen. Während der ersten Regierungszeit von
Lula da Silva (2003-2011) wurden beispiels-
weise das bolsa familia-Programm sowie das
Programm fome zero (zu Deutsch „kein Hun-
ger“) eingeführt, um ärmere Bevölkerungs-
gruppen finanziell zu unterstützen und auch
in Brasilien wurden diese Programme stark
durch Steuern auf Rohstoffexporte finanziert.
Zudem kam es in lateinamerikanischen Län-
dern zur (Wieder-)Verstaatlichung von Unter-
nehmen, wobei mit Blick auf Primärgüterex-
traktion hier vor allem nationale Ölkonzerne
zu nennen sind.
Diskursiv gingen vor allem die ecuadoria-
nische und die bolivianische Regierung so-
gar noch einen Schritt weiter. Ziel der links-
gerichteten Regierungen in diesen Ländern
war es zumindest auf dem Papier, mittelfris-
tig Ressourcenextraktion auf ein notwendi-
ges Minimum zu beschränken. Hier lassen
sich Einflüsse des Postdevelopment-Denkens
nachzeichnen. Die wirtschaftliche Neuorien-
tierung sollte nicht mehr Wachstum, sondern
buen vivir – gutes Leben – zum Ziel haben. Die
Umstrukturierung der Wirtschaft, um die Ab-
hängigkeit von Rohstoffexporten zu reduzie-
ren, sollte jedoch auch in Ecuador und Boli-
vien zuerst über die in den 2000er Jahren sehr
hohen Einnahmen aus Primärgüterexporten
finanziert werden. Der Plan ging jedoch nicht
auf, die wirtschaftliche Abhängigkeit von Pri-
märgüterexporten konnte nie abgelegt wer-
den. Vor allem mit Blick auf das Verhältnis
zwischen sozialen Bewegungen und nationa-
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
43
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
ler Regierung zeigte sich in den linksregierten
lateinamerikanischen Ländern ein tiefgreifen-
der Wandel. Viele der linken Politiker*innen –
bspw. in Ecuador, Bolivien und auch Brasilien
– entstammen ursprünglich Gewerkschaften
und sozialen Bewegungen und damit sind in
gewisser Weise diese selbst in die Regierun-
gen gekommen. Widerstand gegen extrakti-
vistische Projekte und vor allem gegen deren
sozial-ökologische Folgen wurde dadurch,
und aufgrund der Tatsache, dass die staatli-
chen Einnahmen nun zu einem bedeutenden
Anteil an ärmere Bevölkerungsgruppen um-
verteilt wurden, zunehmend komplexer. Die-
ses Modell der Generierung staatlicher Ein-
nahmen über Rohstoffexport (vor allem über
Steuern, aber selbstverständlich auch über
(rück-)verstaatlichte Unternehmen) und de-
ren Nutzung für die Finanzierung von Sozial-
programmen, die insbesondere ärmeren Be-
völkerungsschichten zugute kommen sollten,
wird in Lateinamerika meist unter dem Begriff
des Neoextraktivismus (Burchardt & Dietz
2014; Hafner et al. 2016; Svampa 2019) und
teilweise auch unter dem Begriff Neostruk-
turalismus (Berndt & Bernhold 2018) oder
Neodesarrollismo (Wylde 2011) diskutiert.
Die Politik der linken lateinamerikanischen
Regierungen unterscheidet sich mit Blick auf
die Dynamiken der Ressourcenextraktion je-
doch nicht von denen in Ländern mit rechtsge-
richteten Regierungen. Das diskursive Framing
ist zwar anders und die politökonomische Ein-
bettung der Ressourcenextraktion in die natio-
nalen Wirtschaften unterscheidet sich; in fast
allen lateinamerikanischen Ländern kommt
es jedoch zu einem Bedeutungsgewinn der
Primärgüterexporte (siehe Hafner et al. 2016
für eine Darstellung der Entwicklung der Pri-
märgüterexporte von 1995 bis 2016). Deshalb
sprechen Autor*innen wie beispielsweise die
argentinische Soziologin Maristella Svampa
von der Phase des Commodity Consenus,
der die vorhergehende Phase des Washington
Consensus ablöst.
7 Der Dekarbonisierungskonsensus
Spätestens ab der Mitte der 2010er Jahre lässt
sich ein neuerlicher Wandel in der polit-
ökonomischen und diskursiven Einbettung
von Primärgüterexportdynamiken in La-
teinamerika feststellen. Dorn et al. (2022)
sprechen von einer Transition hin zu einem
„Klimawandelkonsensus“ während Bringel
& Svampa (2023) von einem „Dekarbonisie-
rungskonsensus“ sprechen. Auch wenn hier
unterschiedliche Begriffe verwendet werden,
so sind die Grundgedanken dennoch die glei-
chen. Durch die Probleme, die mit dem Kli-
mawandel (und vor allem der Beschleunigung
des globalen Temperaturanstiegs als auch der
starken Zunahme von Wetterextremen) auf-
geworfen werden, wurde die Notwendigkeit
einer Transformation unserer Wirtschaftssys-
teme immer deutlicher und dies schlägt sich
in einem globalen politischen Umdenken
wieder, den Bringel & Svampa (2023, 52) fol-
gendermaßen beschreiben: „In den letzten
Jahren hat die sozial-ökologische Transforma-
tion aufgehört, ein auf Aktivistengruppen und
Wissenschaftler beschränktes Thema zu sein,
und ist in den Mittelpunkt der aktuellen politi-
schen und wirtschaftlichen Agenden gerückt“.
Besonders emblematisch zeigt sich dies an
Programmen wie dem Green New Deal in
den USA oder dem European Green Deal der
Europäischen Kommission, die das Ziel ver-
folgen, die Emission von Treibhausgasen auf
null zu reduzieren und dafür massive Inves-
titionsanreize setzen. Auch der Ausbau der
Bioökonomie (bspw. über die Förderung von
Agrotreibstoffen) spielt für das Erreichen der
ambitionierten Klimaziele eine wichtige Rolle.
Für die gewünschte Transformation hin zu
einem post-fossilen Wirtschaftssystem wird
allerdings nur sehr wenig an den Grundfesten
44
unseres Wirtschaftssystems (bspw. Fokussie-
rung auf Wirtschaftswachstum) geschraubt.
Vielmehr werden technologische Lösungen
forciert, die zumindest diskursiv Wachstum-
sorientierung und massive Umstrukturierung
der Wirtschaft nicht nur vereinbar erschei-
nen lassen, sondern sogar die ökonomischen
Potentiale dieser spezifischen Form der
Transformation hervorheben 3. Für die Um-
setzung dieser technologischen Lösungen
(bspw. Umstellung von Verbrennermotoren
auf Elektromotoren; Erhöhung des Anteils
von Biodiesel im Vergleich zu konventionel-
lem Diesel) braucht es jedoch Ressourcen.
Ein Großteil dieser Ressourcen wird im Glo-
balen Süden und hier insbesondere auch in
Südamerika gewonnen. Die weltweit größten
Vorkommen von Lithium, ein Rohstoff, der
insbesondere für die Batterieproduktion und
damit für Elektroautos von entscheidender
Bedeutung ist, befinden sich beispielsweise
im sogenannten Lithiumdreieck in Argentini-
en, Chile und Bolivien.
Das enorme Wachstum der Sojaananbau-
flächen in Argentinien haben wir bereits in
den Blick genommen. Für Brasilien lässt sich
ein noch stärkeres Wachstum nachzeichnen:
Von wenigen Millionen Tonnen Sojaernte An-
fang der 1980er wurde Brasilien zum global
größten Sojaproduzenten und hat die USA
als zweitgrößten Produzenten mit 163 Milli-
onen Tonnen Jahresernte im Jahr 2023/24 im
Vergleich zu 122,7 Millionen Tonnen inzwi-
schen ganz klar überholt (USDA Foreign Ag-
ricultural Services 2023; siehe auch Coy et al.
2017). Auch in anderen südamerikanischen
Ländern, wie beispielsweise Kolumbien, Pa-
raguay und Bolivien hat der Sojaanbau in die-
sem Zeitraum stark an Bedeutung gewonnen
(Backhouse et al. 2022). Die Probleme, die
mit dem massiven Wachstum der Sojaanbau-
flächen verbunden sind – insbesondere die
Abholzung von Primärwäldern, der massive
Einsatz von Agrochemikalien, der sich auf die
Gesundheit der in der Nähe der Anbauflä-
chen wohnenden Bevölkerung auswirkt – sind
Gegenstand gesellschaftlicher Debatten und
haben zu zivilgesellschaftlichem Widerstand
geführt. Gleichzeitig wurde jedoch die Bio-
ökonomie von der OECD im Jahre 2009 als
zentrale Strategie für die Transformation der
Weltwirtschaft aus dem fossilen Zeitalter aus-
gerufen (Backhouse et al. 2021), und Soja
spielt für den Ausbau der Bioökonomie als ein
sogenanntes flexcrop (ein Agrarrohstoff, der
sowohl als Nahrungsmittel, als Futtermittel als
auch als Treibstoff verwendet werden kann)
eine ganz entscheidende Rolle. Für welche
Nutzung Soja oder andere flexcrops wie bei-
spielsweise Zuckerrohr (Nahrungsmittel oder
Ethanolproduktion) oder Mais (Nahrungs-
mittel, Futtermittel, Ethanol) schlussendlich
herangezogen werden, hängt ganz entschei-
dend von Weltmarktpreisschwankungen ab.
Die Tatsache, dass diese Agrarrohstoffe un-
terschiedlich einsetzbar sind, führt jedenfalls
dazu, dass sie für Finanzinvestoren interessant
sind. Mit Blick auf die diskursive Einbettung
der Sojawirtschaft lässt sich seit den 2010er
ein tiefgreifender Wandel feststellen. Wie
Anne Tittor am Beispiel von Argentinien zeigt,
wird das Narrativ der Bioökonomie jetzt vom
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
45
3 Aktuell befasst sich eine Vielzahl an wissenschaftlichen Arbeiten mit der Frage, ob grünes Wachstum möglich ist. Wie bspw. Hickel & Kallis
(2020) zeigen, bauen viele nationale und internationale politische Programme, wie bspw. die sustainable development goals, auf der Green
Growth Theorie auf, die besagt, dass es möglich ist, nationales Wirtschaftswachstum vollkommen von CO2 Emissionsausstoß zu entkoppeln.
Hickel & Kallis (2020) argumentieren jedoch, dass es keinerlei empirische Evidenz für die Green Growth Theory gibt. Sie argumentieren
daher, dass grünes Wachstum sehr wahrscheinlich ein fehlgeleitetes Ziel ist, und dass politische Entscheidungsträger alternative Strategien
vorantreiben sollten.
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
globalisierten Agrobusiness und dem Bio-
technologiesektor genutzt, um Sojaproduk-
tion als essentiellen Teil der Transformation
der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit neu
zu framen. Tittor spricht vor diesem Hinter-
grund von einer „extractive bioeconomy“. Die
Umweltprobleme und sozialen Ungleichhei-
ten, die durch das stetige Wachstum der Soja-
wirtschaft vertieft werden, werden dabei unter
den Tisch gekehrt. In Tittors’ Worten (2021:
324): „In Argentina, bioeconomy is framed as
meaning further intensification of agro-indus-
trial production—including GMOs and the
immense use of pesticides—combined with
strengthening industrial upgrading. The same
people and institutions that have supported
soybean expansion over the last few decades
also advocate bioeconomy.”
Ganz ähnlich verhält es sich im Falle der
Lithiumextraktion. Der Abbau von Lithium
in den Salzpfannen der hochandinen Puna-
region wird stark von transnationalen Berg-
baukonzernen vorangetrieben. In Argentini-
en wird sowohl auf nationaler Ebene als auch
auf Ebene der Provinzen Catamarca, Salta
und insbesondere Jujuy, in denen die Lager-
stätten liegen, der Lithiumabbau diskursiv als
zentraler Bestandteil der globalen sozial-öko-
logischen Transformationen geframt und die
Potentiale für Regionalentwicklung in stark
peripheren Gebieten hervorgehoben. Die regi-
onalwirtschaftlichen Effekte sind, nicht zuletzt
aufgrund der Tatsache, dass der Abbau in den
Händen
transnationaler
Bergbaukonzerne
liegt und die Gewinne damit ins Ausland ab-
fließen, stark begrenzt. Vor allem die massiven
sozial-ökologischen Probleme, die mit dem
Lithiumabbau in der Puna in Verbindung ste-
hen, werden von sozialen Bewegungen stark
kritisiert. Die Puna ist gekennzeichnet durch
einen hohen Anteil an indigener Bevölkerung,
extrem geringe jährliche Niederschlagsmen-
gen und aufgrund der Höhenlage (die Salz-
pfannen liegen auf über 3000 Metern und viele
sogar auf über 4000 Metern Seehöhe) extre-
me Temperaturschwankungen. Aufgrund des
großen Wasserbedarfs für die Lithiumextrak-
tion in einer Region, die durch Wasserarmut
gekennzeichnet ist, sind Konflikte um diese
Ressource vorprogrammiert. Vor allem die
indigene Bevölkerung der Puna, die von den
Bergbauprojekten betroffen ist, die in ihren
Territorien vorangetrieben werden, formiert
sich stark gegen diese Projekte. Aufgrund der
globalen und nationalen diskursiven Rah-
mungen der Lithiumextraktion ist dies jedoch
schwierig. Denn Bergbau wird nicht mehr nur
als vereinbar mit den Herausforderungen des
Klimawandels angesehen, sondern als essen-
zieller Baustein, um den Klimawandel einzu-
dämmen (Dorn 2022). Wie Voskoboynik &
Andreucci (2022, 4) es ausdrücken: „Lithium
discourses reproduce imaginaries of prosperi-
ty and modernisation long attached to oil and
mineral wealth, while at the same time intro-
ducing a novel association of mineral exploita-
tion with high-tech industries, ‘green jobs’ and
climate-friendly extraction.
Vor dem eben dargestellten Hintergrund
sprechen neuere Arbeiten zu extraktivisti-
schen Dynamiken in Südamerika vielfach von
„grünem Exkraktivismus“ (bspw. Dorn et
al. 2022; Voskoboynik & Andreucci 2022)
oder, noch kritischer, von grünem Koloni-
alismus (Dorn 2022; Zografos & Robbins
2020). Denn wir sind (wieder) in einer Phase,
in der Primärgüterextraktion und -export aus
den Ländern des Globalen Südens einen ent-
scheidenden Beitrag zur Transformationen
der Wirtschaft des Globalen Nordens leistet,
während die (ökologischen und sozialen Kos-
ten) primär der Globale Süden zahlen muss
und auch die wirtschaftlichen Gewinne aus
dem Boom der „grünen Wirtschaft“ zum al-
lergrößten Teil im Globalen Norden generiert
werden. Zografos & Robbins (2020) spre-
46
chen vor diesem Hintergrund davon, dass die
globale Transformation (die, um das klarzu-
stellen, primär eine Transformation der Wirt-
schaft des Globalen Nordens ist) die Gefahr
mit sich bringt, dass „green sacrifice zones“ im
Globalen Süden entstehen.
8 Conclusio
Während die Debatte um Entwicklung in Süd-
amerika durch jahrzehntelange akademische
Kritik am Primärgüterexportmodell gekenn-
zeichnet ist, habe ich gezeigt, dass die Abhän-
gigkeit der lateinamerikanischen Länder vom
Primärgüterexport keinesfalls abgenommen
hat. Im Gegenteil, seit den 1990er Jahren lässt
sich ganz klar eine (Re-)Primarisierung der
südamerikanischen Volkswirtschaften nach-
weisen (siehe Hafner et al. 2016). Die polit-
ökonomische Rahmung und die diskursive Le-
gitimierung des Primärgüterexportmodells hat
sich zwar über die Jahrzehnte hinweg verän-
dert und teilweise zeigen sich auch zwischen
den lateinamerikanischen Ländern erheb-
liche Unterschiede. Ich habe beispielsweise
herausgearbeitet, dass sich in der Phase des
Commodity Consensus die polit-ökonomi-
sche Rahmung des Primärgüterexportmodells
zwischen Ländern mit linken und rechten Re-
gierungen deutlich unterscheidet. Aber selbst
hier lässt sich zeigen, dass Primärgüterexpor-
te in beiden Ländergruppen an Bedeutung
gewonnen haben. Diese Geschichte der Res-
sourcenextraktionsdynamiken in Südamerika
im Blick zu behalten, halte ich vor dem Hinter-
grund aktueller globaler Debatten um eine so-
zial-ökologische Transformation unseres Wirt-
schaftssystems für entscheidend. Ein Blick auf
Südamerika zeigt deutlich, dass diese Debat-
ten nicht nur mit Blick auf den Globalen Nor-
den (auch wenn hier ein Großteil der Emissio-
nen ausgestoßen wird) geführt werden sollen
und dürfen. Denn – wie Arbeiten eindrücklich
gezeigt haben – laufen wir Gefahr, die Dekar-
bonisierung des Globalen Nordens mit einer
neuen Form des „grünen Exktraktivismus“
oder „grünen Kolonialismus“ voranzutreiben,
der die Schaffung von „green sacrifice zones“
(Zografos & Robbins 2020) ignoriert oder
(implizit) in Kauf nimmt. Die derzeit propa-
gierte Form der sozial-ökologischen Transfor-
mation (technologische Lösung der mit dem
Klimawandel verbundenen Probleme über
massive vermeintlich „grüne“ Investitionen
wie bspw. Elektromobilität und Bioökonomie)
führt unausweichlich zu einem enormen Be-
darf an „grünen“ Rohstoffen aus Südamerika
(Lithium, unterschiedliche Metalle aber eben
auch Agrartreibstoffe aus landwirtschaftlicher
Produktion). Die Probleme die mit diesem ver-
meintlich „grünen Extraktivismus“ verbunden
sind (ökologische Probleme, gesundheitliche
Folgen, Vertiefung sozial-ökologischer Un-
gleichheiten, Zunahme sozial-ökologischer
Konflikte), dürfen in den Debatten um die so-
zial-ökologische Transformation unserer Ge-
sellschaft auch und gerade im Globalen Nor-
den auf keinen Fall übersehen werden. Sonst
laufen wir Gefahr, dass die grüne Transforma-
tion mit „grünem Kolonialismus“ (Zografos
& Robbins 2020) verbunden bleibt.
Rainer
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
49
Autor:
Prof. Dr. Gerhard Rainer
Universität Passau, Lehrstuhl für Humangeographie
E-Mail: gerhard.rainer@uni-passau.de
„Individual science fiction stories may seem as
trivial as ever to the blinder critics and philoso-
phers of today - but the core of science fiction,
its essence has become crucial to our salvati-
on if we are to be saved at all“ (Isaac Asimov
1978, 7).
Mit diesem Zitat möchte der berühmte Sci-
ence-Fiction-Autor Isaac Asimov (1920-1992)
nicht behaupten, dass das literarische Genre
„Science-Fiction“ als solches die Welt direkt
retten könne. Vielmehr meint er, dass die zen-
trale, wertvollste Botschaft von Science-Fic-
tion von Entscheidungsträgerinnen und -trä-
gern übernommen und verinnerlicht werden
müsse, nämlich, dass die Welt zunehmend
prominent von unablässiger Veränderung ge-
kennzeichnet ist. „No sensible decision can be
made any longer without taking into account
not only the world as it is, but the world as it
will be – and naturally this means that there
must be an accurate perception of the world as
it will be” (Asimov 1978, 7).
Science-Fiction liefert nicht immer – sogar
eher selten - ein vollständiges, akkurates Bild
darüber, wie die Welt in der Zukunft ausse-
hen wird. Die Geographen Rob Kitchin und
James Kneale sind daher etwas vorsichtiger
in ihrer Darstellung dessen, was Science-
Fiction anbieten kann: Science-Fiction-Er-
zählungen sollten nicht „as predictors of fu-
ture spatialities but rather as cognitive spaces
that provide sites to contemplate possible fu-
tures given current trends“ gesehen werden
(Kitchin & Kneale 2001, 31).
Trotzdem ist es ein wesentliches Ziel vieler
Science-Fiction-Autorinnen und -autoren –
besonders, wenn sie „hard“ Science-Fiction
mit Fokus auf die nähere Zukunft praktizie-
ren – das weitere Zusammenspiel aktueller
Entwicklungen plausibel und möglichst wis-
senschaftsbasiert vorauszudenken und fort-
zuschreiben. Anders als Fantasie-Fiction,
Science-Fiction „domesticates the implausi-
bility“ spekulativer Welten durch die Anwen-
dung wissenschaftlicher bzw. technologischer
Rationalität (Kitchin & Kneale 2001, 21).
Aus geographischer Perspektive ist be-
sonders interessant, wie sich geographische
Phänomene und Prozesse wie wirtschaftli-
che Globalisierung, Geopolitik, Klimawandel
oder andere Entwicklungen künftig entfalten,
einander verstärken bzw. blockieren und zu
ganz neuen geographischen Konstellationen
führen könnten (Kitchin & Kneale 2005).
Dies alles glaubhaft weiterzudenken ist ein
hoch komplexes Unterfangen. Die Ausein-
andersetzung mit der Komplexität dieser Er-
scheinungen ist längst auch eine zentrale Auf-
gabe der Geographie, der Geographiedidaktik
und auch des Schulfaches Geographie.
Im Folgenden werden erst kurze Defini-
tionen rund um das Genre Science-Fiction,
„Cli-Fi“ (climate fiction) und zum Begriff
„critical worldbuilding“ (Martin & Sneegas
2020, 15) gegeben. Letzterer wird mithilfe des
„TPSN“-Schemas von Jessop, Brenner und
Jones (2008) konkretisiert, um die geographi-
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 51-66
51
Science fiction und Gesellschaft-Umwelt-Verhältnisse
in zwei Romanen von Kim Stanley Robinson
Matthew Hannah
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
sche Dimensionen von critical worldbuilding
klar zu machen. Anschließend werden die
Werke des Autors Kim Stanley Robinson vor-
gestellt und eingeordnet.
Der Hauptteil des Kapitels besteht aus nä-
heren Darstellungen zweier seiner Romane:
Das Ministerium für die Zukunft (Robinson
2021) und 2312 (Robinson 2013). Beide Bü-
cher bieten unterschiedliche Antworten auf
die Frage, ob in den kommenden Jahrzehn-
ten bzw. Jahrhunderten die Menschheit den
Klima- und Umweltwandel in den Griff be-
kommen kann. Beide Antworten sind eng ver-
bunden mit Fortschreibungen von wichtigen
geographischen Prozessen und Spannungen.
Nach den ausführlichen Zusammenfassungen
zu beiden Büchern werden anhand der vier
Dimensionen des TPSN-Schemas besonders
wirtschaftsgeographische und geopolitische
Entwicklungen in beiden Erzählungen kurz
reflektiert. Das Kapitel schließt mit einigen
Überlegungen zum Verhältnis zwischen Kim
Stanley Robinsons fiktiven Welten und der
Problematik der „planetarischen Grenzen“.
1 Science-Fiction, Cli-Fi und critical world-
building
Allgemein lässt sich das Hauptziel von Sci-
ence-Fiction als die „imagination of possible
future worlds, thereby responding to the politi-
cal, social, economic, or cultural challenges of
the times in which they are written” beschrei-
ben (Hannah & Mayer 2020, 191). Wie die
eingangs zitierte Bemerkung von Asimov klar-
macht, sind die Herausforderungen und die
neuen Möglichkeiten, die im Zentrum der Sci-
ence-Fiction-Erzählungen stehen, oft techno-
logischer bzw. naturwissenschaftlicher Natur.
Wichtig bei dieser allgemeinen Definition
ist die Verbindung zwischen der imaginierten
Zukunft einer erfundenen „secondary world“
und der jeweiligen Gegenwart oder „primary
world“, in der die Story entsteht (Kneale
2003). Diese Verbindung kann lockerer oder
enger sein, je nachdem, (a) wie nah oder fern
die imaginierte Zukunft zeitlich verortet wird,
und (b) inwiefern sich die Autorinnen und
Autoren das Ziel setzen, die Plausibilität der
von ihnen entworfenen künftigen Entwick-
lungen in gesichertem, aktuellem Detailwis-
sen zu gegenwärtigen technologischen, po-
litischen, ökonomischen, oder kulturellen
Trends und Prozessen zu verankern. Dabei
muss eine Erzählung nicht unbedingt “realis-
tisch” sein, um Auswirkungen in der gegen-
wärtigen Welt (der „primary world“) zu haben
(Kneale 2003). Gerade Differenzen zwischen
“secondary” und “primary” Welten können
handlungsstiftend sein, so wie James Kneale
in einem Buchkapitel zum Thema „reading
novels as geographical research“ schreibt, “in
encouraging readers to think about the diffe-
rences between their world and the fictional
worlds of utopic, dystopic or non-realist fic-
tion, these visions can spark political action”
(Kneale 2003, 40).
Tendenziell macht „near-future“ und soge-
nannte „hard“ Science-Fiction einen höheren
Anspruch an Realismus und Glaubhaftigkeit
geltend. „Hard“ wird generell als ein Label für
Erzählungen verwendet, die ein relativ hohes
Niveau an technologischer bzw. naturwis-
senschaftlicher Expertise voraussetzen und
diese Wissensbasis möglichst exakt und feh-
lerfrei in der Erzählung wiedergeben (West-
fahl 1993). Obwohl sozialwissenschaftliche
Expertise ursprünglich nicht als Kriterium für
„Härte“ gesehen wurde, sind die Romane von
Kim Stanley Robinson – besonders aufgrund
seiner ausgesprochenen Expertise in der
Volkswirtschaftslehre – auch gute Indikatoren
für die Berücksichtigung in diesem Genre.
Neuerdings ist ein thematisches Subgenre
der Science-Fiction identifiziert worden, das
als „Cli-Fi“ (also „Climate fiction“) bezeich-
net wird (Leikam & Leyda 2017; Martin &
52
Sneegas 2020). Cli-Fi kann als „a cultural
response to mostly scientific and policy dis-
courses that offers a way of exploring drama-
tic social change through the perspectives of
individual and social group experiences by
way of fictional narrative“ definiert werden
(Whiteley,Chiang & Einsiedel 2016, 28).
Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass eine
Vielzahl an Stories in den letzten Jahrzehnten
geschrieben worden sind, die sich hauptsäch-
lich mit zukünftigen Szenarien im Themenbe-
reich Klimawandel bzw. -krise auseinander-
setzen (ebd.). Die weiter unten diskutierten
Texte von Kim Stanley Robinson lassen sich
dieser Kategorie thematisch zuordnen.
Wie mögliche künftige Kontexte für mensch-
liches Handeln konzipiert werden, lässt sich
mithilfe des Begriffs „critical worldbuilding“
analysieren (Martin & Sneegas 2020). Cri-
tical worldbuilding bedeutet die imaginäre
Konstruktion einer kohärenten Welt, in der
geographische, soziale, kulturelle und ande-
re Systeme und Prozesse zusammengedacht
werden; in Cli-Fi liegt der Schwerpunkt auf
„imagining alternative environments and
counterfactual human-environment relations
in a warming world“ (Martin & Sneegas
2020, 17, 16). Critical worldbuilding ist in-
härent räumlich, wie Rob Kitchin und James
Kneale festhalten (Kitchin & Kneale 2001,
21). Sie ist “kritisch”, weil sie zumindest impli-
zit dem Ziel folgt, gegenwärtige Akteure dazu
zu motivieren, aktuelle Missstände zu beseiti-
gen und damit Weichen zu stellen, die in die
Richtung einer besseren Zukunft führen.
In genau welchem Sinne critical worldbuil-
ding räumlich ist, lässt sich unterschiedlich
auslegen. Hier ist es nützlich, das „TPSN“-
Schema von Jessop, Brenner und Jones her-
anzuziehen (Jessop, Brenner & Jones 2008).
In einem viel zitierten Aufsatz fassen die Au-
toren humangeographische Forschungen der
letzten Jahrzehnte unter vier Kernbegriffen
zusammen: „territory“ (die Aufteilung von
Raum in Einheiten durch Grenzziehung und
anderen Prozessen), „place“ (die Signifikanz
von lokalen Orten als Konzentrationspunkte
für Bedeutung und Symbolismus oder z.B.
wirtschaftliche Funktionen), „scale“ (kons-
truierte Hierarchien von Maßstabsebenen,
die Phänomene von unterschiedlicher Grö-
ße bzw. Reichweite vereinfacht darstellen)
und „network“ (also Verbindungen – oft über
Grenzen hinweg – die Interaktionen und Flüs-
sen aller Art ermöglichen und gestalten).
Diese vier Begriffe werden unten als Ras-
ter dienen, um die geographische Beschaf-
fenheit von zwei künftigen, von Kim Stanley
Robinson erfundenen Welten zu vergleichen.
Was im Vergleich klar wird ist, dass die vier
geographischen Aspekte nicht voneinander
unabhängig sind. Scale-Hierarchien sind mit
Netzwerken oft eng verbunden, zum Beispiel
in der Kategorie der „Weltstädte“ (Gerhard
2018). Scale-Hierarchien strukturieren auch
territoriale Systeme wie Nationalstaaten
(Bund, Land, Kreis, Kommune). Places wiede-
rum sind Anker- oder Knotenpunkte für Ter-
ritorien und scale-Hierarchien (Hauptstädte)
und Netzwerke (Hafenstädte). Die Zusam-
menhänge zwischen diesen geographischen
Gegebenheiten sind in places von individu-
ellen Menschen erlebbar gemacht, wie zum
Beispiel in Form der urbanen Atmosphären
der kulturellen Diversität in einer Weltstadt.
Gerade diese Zusammenwirkungen verschie-
ben sich zwischen den zwei imaginierten
Welten, die hier zur Diskussion stehen.
2 Die Werke von Kim Stanley Robinson
Laut Robert Markley muss Kim Stanley Ro-
binson zu einem der bedeutendsten Schrift-
stellerinnen und Schriftsteller des frühen
21. Jahrhunderts gezählt werden. Robinson
„has become not only an eloquent voice for
the significance of science fiction but an im-
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
53
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
portant cultural commentator who has hel-
ped move the genre to the forefront of debates
about literature’s role in an ecologically and
politically troubled world” (Markley 2019,
1). Robinson hat bereits eine Reihe von Aus-
zeichnungen für seine Werke erhalten, zehn
davon (einschließlich der prestigeträchtigs-
ten Hugo und Nebula Awards) allein für die in
den 1990er Jahren erschienene Mars-Trilogie
(Robinson 2015a; 2015b; 2016). 2018 erhielt
er für sein Lebenswerk den Arthur C. Clarke
Award for Imagination in Service to Society.
In der Mars-Trilogie entwirft er eine Erzäh-
lung der künftigen Kolonisierung und Besiede-
lung des Mars´, die detailliertes Wissen aus der
Planetologie mit plausiblen Weiterentwicklun-
gen in der Robotik, in der genetischen Verlän-
gerung der menschlichen Lebenserwartung
und in anderen naturwissenschaftlichen und
technologischen Bereichen mit sozialpsycho-
logischen, wirtschaftswissenschaftlichen und
geo- bzw. astropolitischen Prozessen auf be-
eindruckende Weise zusammen denkt. Diese
äußerst breite, solide und aktuelle Kompetenz
in den Natur- wie in den Sozial- und Kulturwis-
senschaften zieht sich als Alleinstellungsmerk-
mal durch alle Werke Robinsons hindurch.
Andere viel diskutierte Bücher von Ro-
binson sind seine „Science in the Capital“-
Serie, die von einer Klimakatastrophe in der
nahen Zukunft in der US-amerikanischen
Hauptstadt Washington, DC, erzählt (Ro-
binson 2004; 2005; 2007); New York 2140, wo
die Großstadt und ihre Bevölkerung mit den
Auswirkungen eines massiven Meeresspie-
gelanstiegs umgehen muss, der die südliche
Hälfte von Manhattan in einer Art Venedig
verwandelt (Robinson 2018); Aurora (Robin-
son 2015c), das einen gescheiterten Koloni-
sierungsversuch jenseits des Sonnensystems
erzählt sowie die alternative Weltgeschichte
The Years of Rice and Salt (2002). Im letztge-
nannten Buch tötet die mittelalterliche Pest
nicht 30-50% der damaligen europäischen
Bevölkerung, sondern im Grunde alle Euro-
päerinnen und Europäer, mit Ausnahme eini-
ger Iren. Daraufhin wird die alternative – wie
die tatsächliche - Weltgeschichte von Prozes-
sen wie Kolonisierung, technologischen und
naturwissenschaftlichen Innovationen, geo-
politischen Weltmachtspannungen und kul-
turellem Imperialismus geprägt, nur eben in
anderen Formen und mit anderen regionalen
und kulturellen Hauptakteuren und Schwer-
punkten (Kneale 2010).
Viele von Robinsons Büchern befassen
sich mit Gesellschaft-Umwelt-Verhältnissen.
Besonders seitdem sich ein internationaler
wissenschaftlicher Konsens zur Dringlichkeit
der Problematik des vom Menschen gemach-
ten Klimawandels gebildet hat, spielen Er-
derwärmung, Biodiversitätsverlust und ver-
wandte Themen in seinen Erzählungen eine
große Rolle.
Der Fokus in diesem Beitrag wird auf zwei
Romane gelegt, die zwei unterschiedliche
Antworten auf die Frage geben, ob die Men-
schen auf der Erde in den kommenden Jahr-
zehnten einen Weg finden können, auf nach-
haltigere Lebensformen, Wirtschaftssysteme
und technologische Entwicklungen umzu-
steigen und damit eine Zukunft innerhalb
der „planetarischen Grenzen“ (Steffen et al
2015) zu gestalten vermag.
Das Ministerium für die Zukunft (Robinson
2020, dt.2021; im weiteren Verlauf MfZ) stellt
einen zwar schwierigen, aber doch eher op-
timistischen Pfad in Richtung globale Nach-
haltigkeit für die kommenden Jahrzehnte dar.
2312 (2012, dt. 2013) - obwohl nicht durch-
gehend dystopisch - skizziert eine etwas fer-
nere Zukunft, in der sich die ökologische und
soziopolitische Situation auf der Erde noch
weiter verschlechtert hat, in der aber eine
Kolonisierung des Sonnensystems schon im
Gang ist, die zumindest die Möglichkeit dafür
54
eröffnet, dass die Erde doch von außen geret-
tet werden könnte. Obwohl 2312 acht Jahre
vor MfZ veröffentlicht worden ist, werden die
zwei Bücher in umgekehrter Reihenfolge dis-
kutiert, also nach der chronologischen Rei-
henfolge der darin entworfenen „secondary
worlds“. Ein Vergleich der beiden Szenarien
kann uns heute dabei helfen, einige kritische
Aspekte des komplizierten Zusammenspiels
zwischen technologischen, wirtschaftsgeo-
graphischen, geopolitischen, kulturellen und
sozialen Entwicklungen zu identifizieren, die
sich als für die Zukunft vermutlich besonders
wichtig herausstellen werden.
3 Das Ministerium für die Zukunft
Ausgangspunkt für die Handlung im MfZ ist
eine extreme Hitzewelle in Indien im Sommer
2025, in dem die Temperatur dauerhaft ober-
halb der für Menschen überlebbaren Grenze
geblieben ist. Millionen sterben, aber Frank
May, ein US-amerikanischer Mitarbeiter in
der Entwicklungshilfe vor Ort überlebt knapp,
während alle um ihn herum sterben. Die Er-
fahrung traumatisiert ihn permanent und ra-
dikalisiert ihn zugleich.
Kurz vor der Hitzewelle, im Januar 2025,
wird aufgrund der schleppenden und zögern-
den Schritte der Länder, die das Übereinkom-
men von Paris 2015 zu Maßnahmen gegen
ungezügelten Klimawandel unterzeichnet
haben, vom Artikel 16 Absatz 4 sowie Artikel
18 Gebrauch gemacht und ein „Nebenorgan“
geschaffen, was bald als „das Ministerium für
die Zukunft“ bekannt wird. Die Aufgabe des
Ministeriums ist es, die im Übereinkommen
von Paris prinzipiell schon zugestimmten
Ziele und Maßnahmen voranzutreiben und
darauf zu achten, dass sich die Länder mög-
lichst an ihre Verpflichtungen halten. Als Lei-
terin wird Mary Murphy, eine erfahrene Di-
plomatin, genannt. Sie rekrutiert einen Stab
aus Expertinnen und Experten aus allen re-
levanten Bereichen (Wirtschaftswissenschaft,
Geoengineering, Klimatologie, internationa-
les Recht, computer science). Der Sitz des Mi-
nisteriums ist in Zürich.
Grundprämisse der Handlung ist, dass der
weltweite Schock wegen des Massensterbens
in Indien ein Gelegenheitsfenster eröffnet
hat, in dem das MfZ tatsächlich die Chan-
ce nützen könnte, „business as usual“ in der
Weltwirtschaft und in der Geopolitik zu ver-
ändern. Das Ministerium ist aber längst nicht
der einzige Akteur, der Konsequenzen aus
der Hitzewelle zieht. In Indien selbst vollzieht
sich relativ schnell eine radikale Transforma-
tion, die Veränderungen in vielen Bereichen
miteinschließt. Neben einer unilateralen
Entscheidung, mithilfe der indischen Luft-
waffe ein Programm für das Wolkensäen zu
initiieren, um die unmittelbare Gefahr einer
erneuten tödlichen Hitzewelle abzuwenden,
wird eine Umgestaltung der Landwirtschaft in
Richtung Nachhaltigkeit und regionaler Suffi-
zienz angestoßen. Gleichzeitig formiert sich
eine extremistische Gruppe, die „Children of
Kali“, die Sabotage und Anschläge auf um-
weltschädliche Industrieanlagen, die Flug-
zeuge der Reichen, große Containerschiffe
und dergleichen verüben.
Die Frage der Legitimität der Gesetzesbrü-
che oder sogar von Gewalt im Kampf gegen die
Umweltzerstörung zieht sich durch die Erzäh-
lung. Mary Murphy lehnt solche Aktivitäten
zunächst pauschal ab. Relativ früh in der Story
aber wird sie in Zürich von Frank May kurz-
fristig entführt und als Geisel in ihrer Woh-
nung gehalten. Frank lebt seit der indischen
Hitzewelle am Rande zur Geisteskrankheit. Er
versucht vergeblich, sich den Children of Kali
anzuschließen und wird mittlerweile von der
internationalen Polizei wegen Mord an einem
arroganten reichen Mann in Italien gesucht.
Frank möchte Mary nicht töten, sondern
sie verzweifelt dazu ermahnen, radikalere
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
55
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Schritte zum Schutz der Umwelt zu unter-
nehmen. Mary wird nach der Entführung von
eidgenössischen Sicherheitskräften in einen
geheimen Unterschlupf gebracht. Nachdem
Frank eine Weile später verhaftet wird, fängt
sie zur eigenen Überraschung an, ihn regel-
mäßig im Gefängnis zu besuchen. Frank wird
praktisch zu ihrem Gewissen: Er verkörpert
die ungeschminkte und kaum auszuhaltende
Ernsthaftigkeit der Situation. Robinson sugge-
riert damit, dass eine Wut an der Grenze zum
Wahnsinn anhand der schleppenden Reak-
tion auf Klimawandel eigentlich moralisch
rational wäre, sowie die Bereitschaft, alles im
eigenen Leben aufs Spiel zu setzen, um „busi-
ness as usual“ zu durchbrechen. Als Mary von
ihrem engen Mitarbeiter und Stellvertreter
Badim erfährt, dass er eigentlich schon eine
geheime „black ops“-Abteilung innerhalb des
MfZ etabliert hat, findet sie sich trotz großer
Bauchschmerzen damit ab. Sie bittet Badim
nur darum, dass die Geheimorganisation
kein Menschenleben nimmt und dass er ihr
ansonsten keine Details berichtet.
Geheime Akteure – ob es die Children of
Kali, MfZ-black ops“ oder andere sind, ist oft
unklar – bilden eine der Kräfte, die im Zu-
sammenspiel unterschiedlicher Entwicklun-
gen über die folgenden paar Jahrzehnte Mit-
verursacher allgemeiner Veränderung sind.
Einige illegale Aktionen haben wenig Auswir-
kungen, zum Beispiel als eine unbekannte,
aber gut organisierte Gruppe den berühm-
ten Urlaubs- und Tagungsort Davos umzin-
gelt, von der Außenwelt abriegelt und das
während der dort regelmäßig stattfindenden
Weltwirtschaftskonferenz. Die Delegierten
werden einem Programm der Umerziehung
unterzogen, wo sie tagelang Informations-
veranstaltungen darüber mitlauschen müs-
sen, wie der globale Kapitalismus und die Or-
ganisationen, die ihn vertreten, die Umwelt
zerstören und die Kluft zwischen Reich und
Arm immer tiefer werden lassen. Die neoli-
berale-kapitalistische Ideologie, nach der die
unfreiwillig Teilnehmenden in Davos ihre Tä-
tigkeiten und die Welt verstehen, bleibt aber
in der Lage – hier ist Robinson sehr realistisch
– Ausreden und Strategien zum `Vernünfteln`
bereitzustellen, um jedwede kurzfristigen
Gewissensbisse, die aufgetaucht sein mögen,
schnell auszuräumen.
In der Konsequenz ist der Gesamteffekt
der nur zum Teil koordinierten Anschläge auf
die Reisegewohnheiten der Mächtigen, auf
die fossile brennstoffbasierte internationa-
le Produktion und Warenflüsse, wichtiger. In
Robinsons Erzählung haben diese Anschläge
den kumulativen, marktrationalen Effekt, dass
diese Wirtschaftszweige zu immer riskante-
ren, weniger attraktiven Investitionen werden.
Dies führt allmählich zu solchen Veränderun-
gen wie der Entwicklung von umweltfreund-
licheren – z.B windgetriebenen – Modi des
Gütertransports. Als ausgewiesener Kenner
der Dynamiken der kapitalistischen Weltwirt-
schaft weiß Robinson, dass eine Erzählung, in
der die Exzesse dieser Weltwirtschaft einfach
per staatlichem Dekret oder durch bessere
Argumente gestoppt oder umgelenkt werden
könnte, unrealistisch wäre. Vielmehr stellt er
Prozesse vor, in denen die Rahmenbedingun-
gen der Wertschöpfung allmählich in eine
umweltfreundlichere Richtung verschoben
werden können, so dass das, was als vernünf-
tige, gewinnbringende Investition erscheint,
sich auch entsprechend verschiebt.
Hauptbeispiel für diese Logik ist – in der
Handlung des Romans der wichtigste Erfolg
von Mary Murphy – nach langer Überzeu-
gungsarbeit bei den Direktorinnen und Direk-
toren der größten Zentralbanken der Welt –
die Etablierung einer zweiten Weltwährung,
der „Carboncoins“. Die Scheine werden nur
als Investition in umweltfreundliche Maß-
nahmen von Ländern oder Organisationen
56
in Umlauf gebracht. Da sie durch die größten
Zentralbanken verbürgt und mit Blockchain-
Technik gegen Fälschung oder Abzweigung
in nicht genehmigte Investitionen geschützt
sind, ist die Währung relativ sicher gegen Spe-
kulation und Missbrauch.
In den ersten Jahren bleiben Carboncoins
eher ein Randphänomen. Aber mit der Zeit,
besonders nachdem Investitionen in fossile
Brennstoffe und umweltschädliche Indust-
rien weniger sicher werden und die Welt mit
anderen Krisen zu kämpfen hat, fangen sie an,
als sichere Anlage attraktiver zu werden. Eini-
ge Länder bekommen Carboncoins für grüne
Projekte, wie Saudi-Arabien für den Ausstieg
aus der Ölwirtschaft oder Indien für eine Rei-
he von Projekten. Diese Transaktionen verlei-
hen der Währung kumulativ die notwendige
Vertrauenswürdigkeit, um sich neben dem
US-Dollar als zweite seriöse Weltwährung zu
behaupten. Die Schwerpunkte der weltum-
spannenden Finanzwirtschaft verändern sich
also sowohl inhaltlich als auch geographisch.
Naturereignisse und -katastrophen spie-
len ebenfalls eine wichtige Rolle als Treiber
der Handlung und Motivation der Akteurin-
nen und Akteure. Weitere Hitzewellen, wie-
derholte „atmosphärische Flüsse“, die z.B.
Los Angeles, mit Ausnahme der berühmten
hochgestellten Autobahnen, unter Wasser
stehen lassen, gigantische Eisschelfe, die von
der Antarktis wegbrechen u.v.m. unterstrei-
chen die Dringlichkeit einer Transformati-
on. Gegen manche solcher Ereignisse wird
mit weitreichenden Maßnahmen im Bereich
Geoengineering experimentiert. Wolkensä-
en kommt trotz Unsicherheit über mögliche
Nebenwirkungen zum Einsatz, die Techno-
logie und Erfahrung der Erdölindustrie und
die Atomkraftwerke von U-Booten werden für
riesige Projekte in der Antarktis angeworben.
Eine Idee eines russischen Milliardärs, große
Mengen Seewasser von den Küsten der Ant-
arktis auf das Zentrum des Eiskontinents
hochzupumpen und dort frieren zu lassen,
um gegen den Anstieg des Meeresspiegels zu
wirken, wird als zu teuer und sowieso aus-
sichtslos aufgegeben. Nach einem techni-
schen Lernprozess zeigen dagegen Versuche,
das Wasser unterhalb der größten Gletscher
der Welt durch Bohrlöcher zur Oberfläche
auszupumpen, um die Gletscher wieder vom
Boden bremsen zu lassen, Erfolge. In Grön-
land wird mitten auf der Mammutinsel der
Versuch unternommen, durch Erdverlage-
rung und unterstützt durch synthetische Ma-
terialien, ein paar wichtige Ausflusspunkte am
Rande der großen Eisbecken zu blockieren,
um die rasante Abkühlung des Nordatlantiks
zu verhindern. Generell wird Geoengineering
als Mittel ausprobiert, um die Auswirkungen
der Erderwärmung zu bremsen und damit
Zeit für Adaption zu gewinnen.
Neben solchen großen Maßnahmen und
Projekten arbeiten unzählige lokale Akteure
und Akteurinnen in allen relevanten Berei-
chen an Experimenten zum Biodiversitäts-
erhalt in einer nachhaltigen Landwirtschaft.
Obwohl meist miteinander nicht koordiniert,
fangen sie in ihrer Summe an, in den 2030er
und 2040er Jahren messbare Wirkungen zu
zeigen. Die Arbeit des MfZ und der anderen
Projekte werden aber von den Profiteuren
des etablierten Systems – von den Ölfirmen,
Agrarkonglomeraten und Ländern, die über
große Erdöl- oder Gasreserven verfügen –
nicht einfach lautlos hingenommen. Das Kai-
serreich schlägt im Roman durchaus zurück.
Die Expertin für internationales Recht am Mi-
nisterium, Tatjana, wird in Russland ermor-
det, Mary Murphy gerät selbst in Gefahr und
entkommt einem Attentat in den Alpen nur
knapp. Schließlich wird die Schweiz selbst
als Heimatland für das Ministerium sowie für
andere Organisationen, die eine große Trans-
formation anstreben, von einem schattigen
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
57
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Bündnis von Akteuren angegriffen.
Die Schweiz, wo Kim Stanley Robinson
selbst gewohnt hat, und speziell Zürich, spie-
len als symbolische Orte eine besondere Rolle
im Roman. Mary Murphy verliebt sich in Zü-
rich, nicht zuletzt, weil die Stadt für sie zumin-
dest zum Teil eine gerechtere, umweltfreund-
lichere Zukunft verkörpert. Sie schwimmt
regelmäßig im Zürichsee, was auch jetzt in
der Realität möglich ist, was aber in den meis-
ten Großstädten der Welt wegen der Wasser-
qualität nicht denkbar wäre. Zürich ist auch
eine ungewöhnlich integrierte Stadt, ohne
stark segregierte Nachbarschaften. Dies spie-
gelt sich im Roman in der Situation der vielen
Geflüchteten, die in Zürich wohnen, wider.
Sie sind Teil des öffentlichen Lebens, werden
eher wohlwollend von der Stadtpolizei be-
handelt, und gegen Ende des Romans werden
sie von einer Initiative der eidgenössischen
Regierung bei der Gründung von Geschäften
großflächig unterstützt.
Generell wird die Schweiz im Roman zu ei-
nem Vorbild für den ganzen wohlhabenden
Globalen Norden und Zürich zu einem Vor-
bild für eine gewünschte Art der Urbanität
und urbaner „sense of place“ (Agnew 2011).
Beides sollte in einer gerechteren Welt für alle
Stadtbewohner zugänglich sein. So reflektiert
Mary anlässlich eines Besuchs bei Frank: „So
typisch für die Schweizer, das alte Gefängnis
in der Innenstadt zu behalten. Warum sollte
ein Viertel wertvoller sein als ein anderes?
Der Sinn einer Stadt war doch, dass die ganze
Gesellschaft zusammengewürfelt wurde und
trotzdem funktionierte. Der Alltag als Impro-
visation in einem Ballungszentrum…“ (Ro-
binson 2021, 431).
Durch ihre Diplomatie, ihre Neutralität,
die Unterstützung der vielen gemeinnützigen
Organisationen, die hier ihre Hauptquartiere
haben und durch die soeben erwähnte sehr
großzügige Unterstützung für Geflüchtete
aus aller Welt, zeigt die Schweiz in Robinsons
Darstellung, wie sich der Globalen Norden
am besten verhalten würde, wenn alle reichen
Länder eine Verantwortung für die Welt, in
Proporz zu ihrer wirtschaftlichen und politi-
schen Macht, freiwillig übernehmen würden.
Trotz aller anhaltenden und neuen Probleme
und trotz gezielten Widerstandes, gelingt es
dem Ministerium und Mitstreitenden auf al-
len Ebenen um die Mitte des 21. Jahrhunderts,
den bisherigen Anstieg der Treibhausgaskon-
zentrationen in der Atmosphäre aufzuhalten
und allmählich umzukehren. Gleichzeitig
und befeuert von diesem großen Erfolg, etab-
liert sich langsam eine neue globale „Gefühls-
struktur“, also eine allgemeine Grundstim-
mung oder Grundhaltung der Menschen. Auf
diesen Begriff, der ursprünglich vom Kultur-
kritiker Raymond Williams stammt (Williams
1977, 128-135), kommt Robinson in MfZ wie-
derholt zurück. Durch die Veränderungen,
die im Roman geschildert werden, wird ein
neuer Sinn für die Verbundenheit der Men-
schen mit der natürlichen Umwelt und ein
neuer Optimismus entwickelt, der die vorher
weit verbreitete Mischung aus Pessimismus,
Hilflosigkeit, Alternativlosigkeit und Zynis-
mus allmählich ablöst. Dies stellt Robinson
offensichtlich als die zweite wichtige Errun-
genschaft im Roman dar.
4 2312
Anders als in MfZ wird die Menschheit in
2312 dem Klimawandel und verwandten so-
zio-ökonomsichen Problemen auf Erde nicht
so schnell Herr. Die Handlung 300 Jahre in der
Zukunft wird rückblickend von einer künftigen
Historikerin in einer interessanten Periodisie-
rung gerahmt: das „Zeitalter des Zauderns“
(2005-2060… „verschwendete Jahre“); „die
Krise“ (2060-2130), in der Umweltkatastro-
phen eine Höhepunkt erreichen; „die Kehrt-
wende“ (2130-2160), wo Turbulenzen auf der
58
Erde gleichzeitig mit den ersten intensiven
Kolonisierungsprozessen im Sonnensystem
einhergehen; „das Accelerando“ (2160-2220),
wo schnelle Fortschritte im Terraforming und
in der Kolonisierung gemacht werden; „das
Ritardando“ (2220-2270), wo eine Verlang-
samung und eine partielle Entnetzung un-
ter den Raumsiedlungen zu verzeichnen ist
sowie „die Balkanisierung“ (2270-2320), ein
Zeitalter des „[k]alten Krieg[s] um die Kont-
rolle des Sonnensystems“ (Robinson 2013,
262-264).
Obwohl die Lage auf der Erde weiterhin
schlimm ist, sind, wie in der Periodisierung
klar wird, Teile des Sonnensystems entwe-
der schon kolonisiert worden (Mars, Merkur,
einige Monde von Saturn und Jupiter) oder
sind gerade dabei, für Menschen erlebbar
gemacht und kolonisiert zu werden (Venus).
Viele Asteroiden sind bereits von Robotern
ausgehöhlt und in Terrarien verwandelt wor-
den, in denen die ganze Bandbreite irdischer
Ökosysteme – nicht zuletzt landwirtschaftli-
che - reproduziert worden sind. Manche sind
auch mit Treibwerken versehen worden und
erfüllen eine zweite Funktion als Transporter
zwischen den Planeten. Trotz der Fortschritte
in der Treibkrafttechnologie dauert es immer
noch Wochen, um zwischen den Planeten zu
reisen. Aus den landwirtschaftlich gestalteten
Terrarien wird das Lebensmitteldefizit auf der
Erde wettgemacht.
Die Zahl an Menschen, die ihre Leben nicht
hauptsächlich auf der Erde verbringen, ist im
24. Jahrhundert immer noch im Vergleich zur
Erdbevölkerung sehr gering. Die physischen
und biologischen Bedingungen (niedrige
Schwerkraft bis vollständige Schwerelosig-
keit, Bakterienarmut, andere Sonnenlichtin-
tensität als auf der Erde) führen dazu, dass
sich die sogenannte „Raumer“ physisch an-
ders entwickeln. Es wird von der Entstehung
einer neuen menschlichen Spezies – homo
sapiens celestis – gesprochen. Es stellt sich
trotz dieser Unterschiede heraus, dass Raum-
er unbedingt regelmäßig zur Erde, zur evolu-
tionären Wiege, zurückkehren müssen, wenn
sie Erkrankung und einen frühen Tod ver-
meiden wollen. Ihre Aufenthalte auf der Erde
sind wortwörtlich anstrengend, weil die Mus-
kulatur der Raumer i.d.R. nicht an die hohe
Schwerkraft gewöhnt ist.
Eine zentrale Spannung im Roman bildet
der Unterschied zwischen den Lebensreali-
täten und -kontexten auf der Erde und in den
außerirdischen Siedlungen. Die Vorausset-
zungen des außerirdischen Lebens sind groß-
flächige und starke Terraforming-Projekte,
die Schaffung künstlicher Lebensräume und
überhaupt das Experimentieren mit Lebens-
formen. Naturwissenschaftliches und techno-
logisches Know-how spielen dabei eine zent-
rale Rolle. Raumer blicken oft frustriert auf die
festgefahrenen Verhältnisse auf der Erde, wo
die Bevölkerungsdichte, die äußerst prekären
ökologischen Bedingungen, die vom Privatei-
gentum dominierten Besitzverhältnisse und
die traditionellen Rechtssysteme zusammen
scheinbar jede große Veränderung ausschlie-
ßen oder im Keim ersticken. Ihrerseits sehen
viele Erdbewohnerinnen und -bewohner die
Raumer als privilegierte Außenseiter, deren
wohlgemeinte Einmischung in den Angele-
genheiten auf der Erde nicht willkommen ist.
Der experimentelle Geist der Raumer wird
im Roman von dem Hauptcharakter Swan
er Hong verkörpert. Swan ist eine Raumerin,
die auf dem Merkur in der Stadt „Terminator“
aufgewachsen ist. Terminator ist eine der in-
teressantesten Erfindungen von Kim Stanley
Robinson. Die Stadt umkreist den Merkur auf
mächtigen Gleisen. Sie wird dadurch voran-
getrieben, dass die extreme Hitze der Sonne,
die immer gerade hinter Terminator über den
Horizont kommt, die Gleise expandieren lässt.
Da der Merkur nur langsam rotiert, findet die-
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
59
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
ses Treiben ungefähr in menschlicher Laufge-
schwindigkeit statt. Dies ermöglicht es man-
chem Einwohner, auf Gehwegen außerhalb
von Terminator neben den Gleisen in Raum-
anzug etwas zurückzubleiben, um sich einige
Augenblicke dem vollen direkten Sonnenlicht
auszusetzen. Die Anzüge der Bewohner kön-
nen die Strahlung nur kurzfristig aushalten,
aber die wenigen Augenblicke des Merkuri-
schen Sonnenaufgangs gelten als zentraler Ri-
tus der sogenannten „Sonnenanbeter“:
„… ein orangefarbenes Flackern [springt]
wie ein Delfin über den Horizont und das
Blut in ihren Adern [fließt] schneller. Dann
flattern weitere bunte Banner, lecken em-
por, bilden Bögen und Schleifen, lösen sich
von der Oberfläche und schweben frei in den
Himmel empor. … Ihre Visiere haben sich be-
reits verdunkelt und polarisiert, um ihre Au-
gen zu schützen. … Dann erscheint ein Stück
der Photosphäre, der eigentlichen Oberfläche
der Sonne, zunächst zögerlich flackernd, wird
dann breiter und rinnt nord- und südwärts…
Immer weiter verbreitet sich die Sonne, über
jedes normale Maß hinaus, bis einem sehr
deutlich wird, dass man ganz nahe bei einem
Stern auf einem winzigen Kieselstein steht.
Zeit, sich umzudrehen und zu laufen!“ (Ro-
binson 2013, 12)
Swan ist Anhängerin nicht nur dieser Form
von Extremerlebnissen, sondern sie experi-
mentiert ständig mit ihren eigenen Grenzen.
Sie hat sich eine KI-Qube“ (einen Quanten-
rechner) namens Pauline im Nacken implan-
tieren lassen. Pauline, mit der Swan ständig
hadert, wird selbst zu einem wichtigen Ne-
bencharakter in der Erzählung. Swan hat
auch außerirdische Lebewesen – Mikroorga-
nismen, die auf dem Saturnmond Encedelus
entdeckt worden sind – zu sich genommen,
mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf ihre
eigene Biochemie und Persönlichkeit. Durch
Vogel-Gene hat sie ihre Stimmbänder eben-
falls verändert. Sie ist im Sonnensystem be-
kannt geworden, sowohl als Gestalterin vieler
Terrarien als auch als Landschaftskünstle-
rin (mehrere ihrer sogenannte „Goldswor-
thys“ hat sie in den Verbrannten Landschaf-
ten Merkurs installiert). Kurz, Swan ist eine
Künstlerpersönlichkeit, die nicht immer auf
die Lesenden oder auf andere Charaktere in
der „sekundären Welt“ des Romans sympa-
thisch wirkt.
Zwei Ausgangspunkte für die Handlung
sind wichtig. Erst stirbt Alex, die Oma von
Swan. Alex war eine wichtige interplanetare
Diplomatin und Politikerin, die insgeheim mit
wenigen anderen Mitstreiterinnen und Mit-
streitern an einem Plan für die Erde gearbeitet
hat. Alex und ihre Weggefährten waren aber
überzeugt, dass die übliche Kommunikation
über Qubes nicht sicher sei. Alex hatte einige
Informationen für Swan hinterlassen, die sie
zu Alliierten in einem Faraday-Käfig auf Io,
dem innersten Mond von Jupiter, persönlich
bringen sollte. Swan wird von Wahram, einem
interplanetaren Diplomaten, Inspektor Ge-
nette, einem Polizeiermittler und Wang, dem
Betreuer des mächtigsten Qubes im Sonnen-
system in die Situation eingeweiht. Verdäch-
tige Aktivitäten von manchen Qubes wurden
festgestellt, die auf neue, von Menschen un-
abhängige Projekte hinweisen. Inspektor Ge-
nette untersucht Fälle von Sabotage, die da-
mit in Verbindungen stehen könnten.
Zurück auf dem Merkur, trifft sich Swan mit
Wahram und nimmt ihn auf einen „Sonnen-
gang“ neben Terminator mit. Während sie
aber draußen sind, ereignet sich eine große
Explosion, die die Gleise zerstört, was das To-
desurteil für die Stadt ist. Swan und Wahram
müssen sich in den Tunnel retten, der neben
den Gleisen den Merkur umkreist. Sie werden
später durch eine Suchmannschaft geborgen.
Es stellt sich heraus, dass dieser Angriff tat-
sächlich von KIs geplant und gesteuert wor-
60
den war. Swan begleitet Genette und Wahram
durch das Sonnensystem auf der Suche nach
den Spuren der Tat. Im Laufe dessen verlie-
ben sich Swan und Wahram ineinander.
Viele Kapitel im Roman bilden eine Bühne
für Robinsons beeindruckendes Detailwissen
über die physische Beschaffenheit der Plane-
ten und ihrer Monde. Robinson bietet mitrei-
ßende Visionen davon an, wie die Ringe des
Saturns aus der Nähe erlebbar wären, oder
welchen Bedingungen ein Raumschiff in der
äußeren Atmosphäre des Gasriesen Jupiter
ausgesetzt wäre.
Genauso beeindruckend sind aber auch
seine Vorstellungen davon, welche künfti-
gen ökonomischen und geopolitischen Ent-
wicklungen plausibel sein könnten. In wirt-
schaftsgeographischer Hinsicht ist Robinsons
Sonnensystem ein komplexes Geflecht. Der
irdische Kapitalismus hat zwar in manchen
Teilen des Sonnensystems überlebt, er hat
aber Konkurrenz bekommen, am vorder-
gründigsten in der Form des „Mondragon-
Bundes“ - ein Zusammenschluss von Mars-
und unterschiedlichen anderen Siedlungen,
die ihre Produktions- und Finanzsysteme
anders organisiert haben. Diese Entwicklung
resultiert aus der Tatsache, dass die frühes-
ten Kolonisierungsphasen (auf dem Mars)
überhaupt nicht kapitalistisch, sondern von
Nationalstaaten und über kollektive Wissen-
schaftsprojekte finanziert worden sind. Wie
beim tatsächlichen, namensgebenden Mond-
ragon-Kollektiv in Spanien (Freundlich et al.
2009) können sich diese Siedlungen erfolg-
reich behaupten, weil Innovation, Produktivi-
tät und Koordination doch nicht nur im Kapi-
talismus ausreichend gewährleistet sind.
Unter den Projekten von Wahram, die von
Swan mitgestaltet werden, ist die Konzeption
eines Dreieckshandels zwischen Merkur, den
„Vulkanoiden“, kleinen (von Robinson erfun-
dene) Asteroiden zwischen Merkur und der
Sonne, und den Monden von Saturn. Dabei
sollen die Vulkanoiden über riesige, segelarti-
ge Lichtkollektoren und mächtige Laser Son-
nenlicht zu den Saturnmonden exportieren,
wo das Licht ebenfalls durch riesige Spiegel
verteilt wird. Als Gegenleistung erhält Merkur
die Minerale und andere Rohstoffe aus den
Saturnmonden, die für den Wiederaufbau
von Terminator nötig sind, und die Vulkanoi-
den verdienen Geld.
Die interplanetarische Wirtschaftsgeogra-
phie ist – wie auf Erde – eigentlich von der
Geopolitik untrennbar. Die geopolitische
Lage im Sonnensystem ist in Robinsons Dar-
stellung noch komplizierter als auf der Erde,
weil die Akteurinnen und Akteure und ihre
Beziehungen untereinander ebenfalls kom-
plizierter sind. Individuelle Planeten wie
Merkur, Zusammenschlüsse von Monden wie
beim Saturn oder auch Netzwerke sind alle
im Spiel. Wie sich diese Akteure zu den im-
mer noch sehr einflussreichen Nationalstaa-
ten auf Erde verhalten, ist ebenfalls variabel.
Venus ist hierfür ein wichtiges Beispiel: Venus
befindet sich mitten in einem Terraforming-
Projekt mit extremsten Eingriffen in die At-
mosphäre, das hauptsächlich von der chine-
sischen Regierung auf Erde gesteuert wird,
obwohl unterschiedliche Fraktionen auf Ve-
nus miteinander in Konkurrenz stehen.
Die Handlung in 2312 gipfelt in zwei Erfol-
gen für Swan, Wahram, Genette und Wang.
Erstens werden konspirative Aktivitäten sei-
tens unabhängig gewordener KIs entdeckt,
die zum einen die Zerstörung des riesigen
Sonnenschirmes über Venus und zum ande-
ren längerfristig den Bau und das Einschleu-
sen von Androiden mit KI-Gehirnen unter
Menschen erzielte. Der Angriff auf Venus
kann mithilfe von Pauline gerade noch abge-
wendet werden. Die KI-Androiden existieren
schon in Versuchsexemplaren und befinden
sich gerade in einem kollektiven Lernprozess,
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
61
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
um ihr Verhalten so gut an das „natürliche
Menschliche“ anzupassen, sodass sie nicht
mehr zu erkennen sind. Inspektor Genette
lässt diese Prototypen verhaften und in ein
superschnelles Raumschiff eingeschweißt,
aus dem Sonnensystem hinausschicken.
Der zweite Erfolg besteht in der Ausführung
des Plans von Alex, die im Grunde eine „Re-
naturierung der Erde“ zum Ziel hatte. Millio-
nen von Tieren werden von den vielen Terra-
rien in Landungsblasen auf die Erdoberfläche
geschickt, wo sie dann anfangen, die zum Teil
leblosen oder ausgestorbenen Ökosysteme
wiederzubeleben. Die (noch nicht detailliert
dargestellte) Hoffnung ist, dass eine so in
Gang gesetzte ökologische Heilung der Erde
auch einen wirtschaftlichen und politischen
Heileffekt haben wird. Als Epilog zur Erzäh-
lung heiraten Swan und Wahram auf Mars.
5 Imagined geographies in MfZ und 2312
Viele geographische Themen sind schon ex-
plizit in der obigen Zusammenfassung ange-
sprochen worden. Aber es lohnt sich, etwas
systematischer darüber nachzudenken, wel-
che geographische Komponente des TPSN-
Schemas eine Rolle gespielt haben in Kim
Stanley Robinsons „critical worldbuilding“.
Am offensichtlichsten sind vielleicht die
kontrastierenden Darstellungen der scale-
Verhältnisse. Wir sind gewöhnt, mit konventi-
onellen scale-Hierarchien zu arbeiten, deren
höchste Maßstabsebene „das Globale“ oder
„das Internationale“ ist. In MfZ bleibt diese
konventionelle Hierarchie weitgehend un-
angetastet. Es ist tatsächlich interessant, dass
der außerirdische Raum im Grunde über-
haupt nicht erwähnt wird, obwohl schon jetzt
die Umlaufbahnen im erdnahen Raum für
das irdische Leben nicht wegzudenken sind.
In 2312 sieht das konventionelle scale-System
ganz anders aus, nachdem eine höhere, inter-
planetare Maßstabsebene entsteht (Hannah
& Mayer 2020). Die Erde bleibt das Zentrum
des menschlichen Lebens, ist aber nicht mehr
dessen höchste Ebene. Das schafft eine viel
kompliziertere „politics of scale“ (ebd.).
Ähnlich verhält es sich bei der Frage nach
politischen Territorien. In MfZ bleiben die in-
ternational anerkannten Staatengrenzen die
Basis für Geopolitik. Welche Staaten welche
Rollen haben, verändert sich, aber nicht der
grundlegende Rahmen. Zu einem gewissen
Grad bewegt sich das finanzielle und institu-
tionelle System, das stückweise vom Ministe-
rium, von den kooperierenden Zentralban-
ken und anderen Akteuren aufgestellt wird, in
Richtung Weltregierung. Aber es erhält nicht
im Rahmen des Romans eine Verfügungsge-
walt, die die Entscheidungen von Nationalre-
gierungen überstimmen könnte.
Der globale Kapitalismus bleibt in MfZ
ebenfalls als Wirtschaftssystem dominant,
nur dessen Rahmen werden signifikant in
eine umweltfreundlichere Richtung verscho-
ben. Insofern bleibt die Erzählung in den
tradierten Bahnen der historisch-geographi-
schen Entwicklung des Kapitalismus seit sei-
nem Entstehen vor 300-400 Jahren: Diese Ent-
wicklung ist nie „natürlich“ gewesen, sondern
immer von den jeweiligen institutionellen
und politischen Rahmenbedingungen we-
sentlich mitgestaltet worden. Wie der relativ
reine Liberalismus des 19. Jahrhundert oder
das eher Keynesianische System Mitte des
20. Jahrhundert passt sich der von Robinson
ausgedachte globale Kapitalismus Mitte des
21. Jahrhunderts – wenn auch zögerlich - den
gegebenen Bedingungen an.
In 2312, wie zum Teil schon ausgeführt,
bringt der Sprung über die Erde hinaus stär-
kere politische und wirtschaftliche Verände-
rungen. Sowohl Nationalstaaten als auch das
kapitalistische Wirtschaftssystem bleiben er-
halten, verlieren aber beide ihre dominanten
Positionen. Das Ergebnis ist ein wesentlich
62
komplizierteres Gebilde, was in mancherlei
Hinsicht vielleicht eher dem wirtschaftlichen
und politischen Flickenteppich von Europa
im feudalen Mittelalter ähnelt. Was auf jeden
Fall in der Handlung von beiden Romanen
prominenter geworden ist, sind institutionel-
le Systeme, die auf Kooperation und nicht auf
Konkurrenz orientiert sind. Für Kim Stanley
Robinson ist das ein Schlüssel zur Frage, wie
eine nachhaltigere, gerechtere Welt gebaut
werden könnte.
Netzwerke sind in beiden Erzählungen
auch wichtig, umso mehr aber in 2312, wo
Kommunikation, Reisen und Handel eine
neue Dimension erreichen, und wo die Be-
völkerung der Erde nur über eine interplane-
tarische „spatial division of labor“ (räumliche
Arbeitsteilung) einigermaßen gut versorgt
werden kann. Mit der Ausdehnung der Netz-
werke geht eine Ausdehnung der Abhängig-
keitsverhältnisse einher. Der vierte Begriff aus
dem TPSN-Schema, „place“, wird am deut-
lichsten in der Darstellung von Zürich und
der Schweiz in MfZ illustriert. Zürich bündelt
viele persönliche Bedeutungen für Mary Mur-
phy, für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
ter, sowie für Frank May. Zürich ist aber auch
wichtig für ihre Hauptquartierfunktion. Die
Schweiz insgesamt ist wie oben ausgeführt,
für ihre symbolische Rolle als Modell oder
Vorbild für die Übernahme der Verantwor-
tung seitens der reichen Welt wichtig.
In 2312 gibt es zwei interessante Verschie-
bungen in der Bedeutung von places. Auf
der Ebene der wirtschaftsgeographischen
Funktion stellen die Handvoll „spaceport“-
Städte, in denen riesige Raumaufzüge Güter
und Menschen zu den Raumschiffen und he-
runter zur Erdoberfläche befördern, eine In-
tensivierung der lang bekannten Wichtigkeit
der Hafenstädte im historischen Zeitalter der
Segelschiffe oder der Standorte von internati-
onalen Flughäfen heutzutage dar. Historisch
wie auch in der imaginierten Zukunft werden
solche Städte durch die Flüsse, die durch sie
fließen, automatisch zu reichen Knotenpunk-
ten. Robinson entfaltet diesen Teil seiner Vi-
sion nicht ausführlich, die kurze Darstellung
von Quito (einer der spaceport-Städten) ist
aber sehr suggestiv.
Auf der Hauptebene der Signifikanz von
places als Fokus für erlebte Bedeutung wird
die Erde selbst, gerade durch die Schaffung
von einer übergeordneten Maßstabsebene
zum wichtigsten place. Place, ob als Schwer-
punkt der erlebten Bedeutung oder als Kno-
tenpunkt in Netzwerken (wie zum Beispiel
„Weltstädte“ (Gerhard 2018)) werden übli-
cherweise als „lokale“ Standorte innerhalb
geographisch größerer Gebilde oder Systeme
verstanden. Zu einem lokalen Standort konn-
te die Erde erst werden, als sie nicht mehr den
größten Kontext bildete. Die Erde als place mit
erlebter Bedeutung wird am prägnantesten in
Swans körperlicher Erfahrung des Rückkeh-
rers geschildert:
„Einfach nur draußen in der freien Luft zu
sein, unter dem Himmel, im Wind – das war
es, was sie an der Erde am meisten liebte. …
Das Blau selbst war eine komplexe Farbe, von
geringer Bandbreite, aber innerhalb dieser
Bandbreite unendlich vielfältig. Es war ein
berauschender Anblick, den man regelrecht
aufsaugen konnte – man tat das unweigerlich,
man atmete ihn ein. Der Wind trieb ihn einem
in die Lungen! Atmen und sich berauschen, o
ja, von allen Fesseln befreit, kaum bekleidet
auf der nackten Oberfläche eines Planeten
liegen und seine Atmosphäre trinken wie ein
Lebenselixir, in der Brust spüren, wie sie ei-
nem am Leben hielt!“ (Robinson 2013, 102-
103)
6 Schlusswort
Die zwei Romane von Kim Stanley Robinson
können im Grunde als zwei Antworten auf
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
63
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
die Problematik der „planetarischen Gren-
zen“ gelesen werden (Steffen et al. 2015). Wir
denken an diese Problematik häufig mittels
der bekannten Berechnungen über die eige-
ne Lebensführung, wodurch wir uns im Kla-
ren darüber werden sollen, „wieviel Erden“
unsere jeweilige Lebensweise in Anspruch
nehmen würde, wenn alle Menschen genau
wie wir lebten. Das Ministerium für die Zu-
kunft ist unter anderem eine Vision davon,
wie wir es vollbringen könnten, nur eine Erde
in Anspruch nehmen zu müssen. 2312 sug-
geriert aber, dass eine realistische Alternative
dazu nicht die abstrakte Idee von „mehreren
Erden“ wäre, sondern eher „eine Erde plus
Teile des Sonnensystems“. In diesem Sinne
stellt das Szenario in 2312 ein Versagen dar:
Die Menschheit schafft es nicht, innerhalb
der planetarischen Grenzen zu leben.
Dieser eher starke Entweder-oder-Kontrast
ist an sich nicht wirklich haltbar. Wie oben er-
wähnt, haben wir jetzt schon erdnahe Räume
für Satelliten, für wissenschaftliche Teleskope
und bald auch für den privaten Tourismus im
Visier. Der Mond wird jetzt zum Ziel nicht nur
für wissenschaftliche Projekte, sondern auch
prospektiv für die Gewinnung von Minerali-
en (McKie 2024). Neben den vier traditionel-
len Waffengattungen (Armee, Kriegsmarine,
Marineinfanterie und Luftwaffe) hat die USA
vor einigen Jahren eine sogenannte „Space
Force“ etabliert (USSF 2024). Die NASA hat
schon ein Projekt mit dem ultimativen Ziel
ins Leben gerufen, bemannte Missionen auf
den Mars zu schicken (NASA 2024).
Die Überschreitung planetarischer Gren-
zen in Richtung Sonnensystem und Welt-
all ist schon im Gang, und wird vermutlich
noch weiterverfolgt, auch wenn menschliche
Gesellschaften die Erderwärmung und an-
dere Umweltprobleme in den Griff bekom-
men. Deswegen gibt es bereits eine lebhafte
Diskussion zu Aspekten der menschlichen
Auseinandersetzungen mit Räumen jen-
seits der Erde in der Humangeographie (u.a.
MacDonald 2007; Klinger 2021a, 2021b;
Sammler & Lynch 2021). Wie sich die schon
existierende Raumfahrtinfrastruktur auf irdi-
sche Umweltverhältnisse auswirkt (Klinger
2021b), oder wie private, staatliche und zivil-
gesellschaftliche Interessen anhand der ak-
tuellen Entwicklung von Raumhäfen Fragen
des künftigen Zugangs zum Weltall aufwer-
fen (Sammler & Lynch 2021), sind also nicht
mehr nur Zukunftsfragen.
Eine zentrale Spannung, die sich durch die
Romane von Kim Stanley Robinson hindurch
zieht, ist die zwischen den öffentlichen bzw.
kooperativ und privat-kapitalistisch, gewin-
norientierten Grundlagen für weitere Ent-
wicklungen auf oder jenseits der Erde. Diese
Spannung wird ebenfalls schon in der human-
geographischen Literatur diskutiert. Zwei Mo-
delle oder Blaupausen für den menschlichen
Umgang mit außerirdischen Räumen kön-
nen jetzt schon auf Erde identifiziert werden:
die Arktis und die Antarktis (Pyne 2007). Die
Antarktis, wo die menschliche Präsenz bisher
hauptsächlich wissenschaftlich orientiert und
von internationaler Kooperation statt Kon-
kurrenz gekennzeichnet und weitgehend frei
von rücksichtsloser Ressourcenausbeutung
gehalten worden ist, wäre die eine Variante.
Der Umgang mit der Arktis, die derzeit geopo-
litisch und wirtschaftsgeographisch durch das
sich beschleunigende Wegschmelzen des Ei-
ses betroffen ist, ist nominell auch durch inter-
nationale Abkommen geregelt. Aber die An-
rainerstaaten und auch China verhalten sich
im Norden viel aggressiver in der Suche nach
Zugang zu Transportwegen und Ressourcen.
Es ist zu vermuten, dass dieser Wettbewerbs-
impuls nur mit Mühe in Schach gehalten wer-
den kann (Hickman 2019).
Was auf jeden Fall sehr plausibel scheint,
wenn wir die von Kim Stanley Robinson be-
64
triebene critical worldbuilding ernst nehmen,
ist, dass eine künftig wachsende Präsenz von
menschlichen Gesellschaften im außerirdi-
schen Raum von einer komplexen Pluralität
wirtschaftlicher Systeme, geopolitischer Dy-
namiken und kultureller Entwicklungen ge-
kennzeichnet sein wird. Es ist auch klar, dass
solche Entwicklungen fundamental durch
politische und institutionelle Entscheidun-
gen gestaltet werden können.
Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
65
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Hannah
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
66
Autor:
Prof. Dr. Matthew G. Hannah
Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Kulturgeographie
E-Mail: matthew.hannah@uni-bayreuth.de
1 Einleitung
Durch die zunehmend bedrohlichen Folgen
multipler ökologischer und gesellschaftlicher
Krisen geraten rezente Landnutzungsmuster
immer stärker in den Blick von Wissenschaft
und Praxis (vgl. WBGU 2020). So setzen bspw.
die vom Menschen gemachten Klimaverän-
derungen die Land- und Forstwirtschaft unter
erheblichen Anpassungsdruck. Gleichzeitig
verschärfen die derzeitigen Formen der Land-
nutzung den Klimawandel und andere ökolo-
gische Krisen wie Artensterben und Schadstof-
feintrag in Böden, Gewässer und Trinkwasser
in erheblichem Ausmaß. Insbesondere die
industrielle Landwirtschaft auf großen ausge-
räumten und entwässerten Ackerflächen und
die industrielle Futtermittel- und Tierproduk-
tion verursachen erhebliche Anteile der glo-
balen Treibhausgasemissionen und tragen zur
Degradation von Böden bei. Landnutzungsän-
derung wie die Rodung der Wälder – insbeson-
dere der Regenwälder –, die Trockenlegung
der Moore und Erschließung für landwirt-
schaftliche Produktion sowie die zunehmende
Flächenversiegelung durch die Siedlungsent-
wicklung beschleunigen nicht nur die Erder-
wärmung, sondern auch den Verlust von Bio-
diversität und das Artensterben. Land- und
Forstwirtschaft sind einerseits unmittelbare
Verursacher der Überschreitung vielfältiger
ökologischer Belastungsgrenzen andererseits
auch direkt Leidtragende der Folgen. Klima-
wandel und Biodiversitätsverlust (wie bspw.
das Insektensterben und die Verluste an Be-
stäubern) beeinträchtigen die Produktivität
der wirtschaftlichen Landnutzung. Zuneh-
mende Extremwetterereignisse wie Dürre, Hit-
ze, starke Winde, Starkregenereignisse, Über-
schwemmungen und zunehmende Wildfeuer
verringern bzw. zerstören die Erträge.
In der Landnutzung liegen aber zugleich
auch viele Potenziale zur Begegnung der öko-
logischen Krisen. Naturbasierte Lösungen
bspw. durch humusaufbauende Landwirt-
schaft, Aufforstung oder die Wiedervernässung
von Mooren tragen durch einen allgemeinen
Biomasse-Aufbau zur CO2-Speicherung und
zur dauerhaften Bindung von Treibhausgas-
(THG)-Emissionen bei. Land- und Forstwirt-
schaft können Flächen für nachwachsende
Rohstoffe und für den Ausbau der erneuerba-
ren Energien bereitstellen. Veränderte Formen
der Landnutzung können somit zur Dekarbo-
nisierung der Gesellschaft und zur Stabilisie-
rung der Ökosysteme beitragen. Eine erfolgrei-
che Bekämpfung der multiplen ökologischen
Krisen erfordert jedoch grundlegend verän-
derte Muster in der Landnutzung und der da-
hinterliegenden ökonomischen und gesell-
schaftlichen Funktionslogiken (WBGU 2020).
2 Steigender Handlungsdruck durch das
Überschreiten planetarer Leitplanken
Die Erdsystemforschung identifiziert neun pla-
netare Grenzen, die für den Fortbestand der
menschlichen Zivilisation von Bedeutung sind.
Die Arbeiten zur Planetary Boundaries Sci-
ence (PBScience), ein Projekt rund um das
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 67-98
67
Landnutzung im Klimawandel – Herausforderungen
und Lösungsansätze
Manfred Miosga
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
68
Der aktuelle Stand der neun Systeme und Prozesse mit Planetaren Grenzen. Daten aus dem
Planetary Health Check 2024. In dieser Darstellung repräsentiert die Länge der „Tortenstücke“
den aktuellen Zustand in Bezug auf die Planetare Grenze (grüne Linie) und die Hochrisikolinie
(orangene Linie). Ein weiches Auslaufen der Länge deutet den Unsicherheitsbereich an. Schraf-
fierung bedeutet, dass jenseits der planetaren Grenze keine quantitative Bestimmung des aktu-
ellen Zustands möglich ist.
Abbildung 1: Planetare Grenzen – Ein sicherer Handlungsraum für die Menschheit. Quelle: PIK
Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/planetare-
grenzen)
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
(PIK), zeigen: sechs der neun identifizierten
planetaren Leitplanken (Planetary Bounda-
ries – PBs) sind überschritten und stellen ein
bedrohliches Risiko dar (Caesar et.al. 2024:8;
www.planetaryhealthcheck.org; eigenen Über-
setzung mithilfe von DeepL.com):
Klimawandel: Die CO2-Konzentration in der
Atmosphäre ist auf dem höchsten Stand seit 15
Millionen Jahren, und der globale Strahlungs-
antrieb steigt weiter an, mit einem anhalten-
den Erwärmungstrend, der sich seit dem spä-
ten 20. Jahrhundert noch beschleunigt hat.
Die globalen Durchschnittstemperaturen sind
heute höher als jemals zuvor seit dem Entste-
hen menschlicher Zivilisationen auf der Erde.
Veränderung der Integrität der Biosphäre:
Der weltweite Verlust an genetischer Vielfalt
und der Verlust der funktionalen Integrität
(…) überschreiten beide die sicheren Werte
und beschleunigen sich, insbesondere in Re-
gionen mit intensiver Landnutzung. Der enor-
me Rückgang der Integrität der Biosphäre gibt
Anlass zur Sorge, dass die Biosphäre der Erde
an Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähig-
keit und ihrer Fähigkeit verliert, verschiedene
Belastungen zu mildern, einschließlich derje-
nigen, die durch die Überschreitung anderer
PBs entstehen.
Veränderung des Landsystems: Infolge der
Landnutzung und zunehmend auch aufgrund
des Klimawandels sind die globalen und re-
gionalen Waldbestände in den letzten Jahr-
zehnten in allen wichtigen Waldbiomen stetig
zurückgegangen. Die meisten Regionen be-
finden sich bereits in der Hochrisikozone, weit
über ihren sicheren Grenzen, während einige
Gebiete erst kürzlich die sicheren Werte über-
schritten haben (z. B. das gemäßigte und tro-
pische Amerika).
Veränderungen im Süßwasserbereich: Die
lokalen Abweichungen bei den Abflussmen-
gen und der Bodenfeuchte haben seit dem
späten 19. Jahrhundert erheblich zugenom-
men und ihre jeweiligen PBs zu Beginn des 20.
Jahrhunderts überschritten. Die zunehmende
Variabilität und Instabilität der globalen Süß-
wasser- und Landwassersysteme geben Anlass
zu wachsender Sorge um die Wasserressour-
cenbewirtschaftung und die Umweltstabilität.
Veränderung der biogeochemischen Flüsse:
Der Einsatz von Phosphor und Stickstoff in
der Landwirtschaft hat die sicheren Grenz-
werte überschritten und zu erheblichen
ökologischen Veränderungen geführt. Die
Überschreitung dieser Grenze hat zu schwer-
wiegenden Umweltauswirkungen wie Wasser-
verschmutzung, Eutrophierung, schädlichen
Algenblüten und „toten Zonen” in Süßwasser-
und Meeresökosystemen geführt. (…)
Einführung neuartiger Stoffe: Die weltweite
Einführung neuartiger Stoffe – wie syntheti-
sche Chemikalien, Kunststoffe und genetisch
veränderte Organismen – ist enorm, doch
ein erheblicher Teil dieser Stoffe ist hinsicht-
lich ihrer Auswirkungen auf die Umwelt noch
nicht getestet worden. (…) Neue Stoffe kön-
nen wichtige Prozesse des Erdsystems stören
(z. B. haben FCKW die Ozonschicht erheblich
geschädigt), Ökosysteme schädigen (z. B. ha-
ben Pestizide zu einem erheblichen Rückgang
der Insekten- und Bestäuberpopulationen
geführt) und zu langfristigen, möglicherwei-
se irreversiblen Veränderungen der Umwelt
führen, einschließlich der Kontamination von
Böden und Gewässern und der Veränderung
natürlicher Lebensräume.
Mit Ausnahme des Klimawandels, der vor al-
lem durch die Treibhausgasemissionen aus
der Verbrennung fossiler Energieträger ver-
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
69
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
ursacht wird, werden die Überschreitungen
der PBs sehr intensiv durch die derzeit domi-
nanten Formen der Land- und Forstwirtschaft
beeinflusst. Es liegt auf der Hand, dass diese
Muster und die dahinterstehenden Logiken
der Landnutzung verändert werden müssen,
um eine weitere Eskalation der planetaren
Krisen zu vermeiden. Dabei finden sich viele
Lösungsansätze, die ebenfalls auf die Nutzung
von Landflächen angewiesen sind und zu sich
verschärfenden Nutzungskonflikten führen.
3 Landnutzung unter Transformationsdruck
Die aktuellen Formen der Landnutzung und
die daraus resultierenden Landnutzungsmus-
ter geraten mit zunehmender Krisendynamik
unter erheblichen Transformationsdruck. So-
wohl die Ursachenvermeidung als auch wich-
tige Lösungsansätze für die unterschiedlichen
multiplen Krisen steigern den Druck auf eine
Veränderung der Landnutzung und lösen
neue Nutzungsansprüche aus, die auf der ver-
bleibenden verfügbaren Fläche realisiert wer-
den wollen.
So macht der Erhalt und die Wiederher-
stellung von Biodiversität es notwendig, ver-
mehrt Flächen für Naturschutz und Wildnis
zur Verfügung zu stellen. Sie müssen aus einer
intensiven und artenarmen Nutzung in eine
Nutzungsform überführt werden, die eine Re-
generation der Ökosysteme ermöglicht. Um
die Treibhausgaskonzentration in der Erdat-
mosphäre wieder auf ein deutlich verträgli-
ches Niveau zu reduzieren, ist eine möglichst
vollständige Dekarbonisierung unserer Ge-
sellschaft sowie ein Ausbau von THG-Senken
zum Entzug von CO2 aus der Atmosphäre
erforderlich. Das bedeutet, dass zum einen
70
Abbildung 2: Multiple Krisen – zunehmende Konflikte um Fläche, Landnutzung und Landschafts-
gestaltung. Quelle: eigener Entwurf
fossile Energieträger komplett durch erneu-
erbare ersetzt werden müssen und zwar in
möglichst kurzer Zeit. Dafür ist die Beschleu-
nigung des Ausbaus der Photovoltaik und der
Windenergie erforderlich. Große Photovolta-
ikanlagen in der freien Fläche sind dabei die
wirtschaftlichste Nutzungsform der Sonnen-
strahlung zur direkten Stromerzeugung. Dazu
werden Flächen benötigt, die bisher in der
Regel landwirtschaftlich genutzt werden oder
als Konversionsflächen ehemaliger gewerbli-
cher, militärischer oder industrieller Nutzung
zur Verfügung stehen. Zudem benötigt der
Ausbau der Windenergie an Land ebenfalls
zusätzliche Flächen auf landwirtschaftlichen
Grund oder in den Forsten.
Um die Treibhausgaskonzentration in der
Atmosphäre zu verringern und die Speicher-
kapazität von Kohlenstoff in der Landschaft
wieder zu erhöhen, sind darüber hinaus Koh-
lenstoff bindende Nutzungsformen sowie der
Ausbau von Senken erforderlich. Solche Koh-
lenstoffsenken sind beispielsweise aufgeforste-
te Wälder, wiedervernässte Moore, sowie ande-
re Formen einer CO2 bindenden Landnutzung,
wie eine humusaufbauende bodenverbessern-
de Landwirtschaft. Auch diese Flächen sind in
der Regel bisher intensiv landwirtschaftlich
genutzt, verlieren durch eine extensivere und
ökologischere Nutzung an Ertragskraft oder
werden in der Folge einer Umwidmung (Moor-
flächen, Aufforstung) der Nahrungsmittelpro-
duktion entzogen. Um die Folgen des Klima-
wandels wie Starkregenereignisse Stürme und
Dürren abzumildern, muss zudem die Physi-
ognomie der Landschaft verändert und diese
wieder „rauer“ gemacht werden. Damit Was-
ser in der Landschaft gehalten und Abflussge-
schwindigkeiten auf natürliche Weise verrin-
gert werden kann, müssen Strukturelemente
in die Landschaft zurückgebracht werden wie
Hecken, Waldstreifen oder andere Gehölze
und Drainagen rückgebaut werden. Um die
Verdunstungsintensität zu verringern können
auf landwirtschaftlichen Flächen Baumzeilen
gepflanzt werden, die Schatten spenden. Um
Winderosion gering zu halten, können eben-
falls wieder Elemente in die Landschaft hin-
zugefügt werden, die deren Rauigkeit erhö-
hen und die Windgeschwindigkeit über Land
bremsen. Auch diese Maßnahmen führen zu
einer Verringerung der landwirtschaftlichen
Nutzfläche und zur Veränderung der Nutz-
barkeiten.
Wenn darüber hinaus die Nahrungsmittel-
produktion auch aus gesundheitlichen Grün-
den auf umweltverträgliche Formen umgestellt
werden soll, bedeutet auch dies eine geringere
Flächenproduktivität und einen zusätzlichen
Flächenbedarf, sofern die gleiche Produkti-
onsmenge erzeugt werden soll Die durch den
fortschreitenden Klimawandel bedingten Ver-
änderungen der hydrologischen Verhältnisse
machen es notwendig, verstärkt in Maßnah-
men und Infrastrukturen für ein aktives Was-
sermanagement zu investieren. Ziel ist es,
Wasser länger in der Landschaft zu halten, die
Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen zu
sichern und eine ausreichende Grundwasser-
neubildung zu gewährleisten, um die Trink-
wasserversorgung langfristig sicherzustellen.
Um die Risiken der extraktiven Wirtschafts-
weise zu verringern und Abhängigkeiten von
Rohstoffimporten zu verringern, versucht man
auf regenerative Rohstoffe zu setzen und die
Bioökonomie auszubauen. Sollen Grundstoffe
für die chemische Industrie, die Bauindustrie
oder andere Materialien, die bisher durch die
Entnahme von Ressourcen erzeugt werden,
nun durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt
werden, sind dafür zusätzliche Anbauflächen
erforderlich. Auch dadurch entsteht Druck auf
Landnutzung und Fläche.
Nicht zuletzt erfordert die Transformati-
on zu einer klimaneutralen und nachhalti-
gen Wirtschaftsweise einen Umbau der dafür
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
71
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
erforderlichen Infrastruktur wie z.B. Batte-
riegroßspeicher, Umspannwerke und Über-
tragungs- und Verteilnetze für erneuerbaren
Strom oder den weiteren Ausbau der Fahrrad-
wege und Schieneninfrastruktur im Rahmen
der Mobilitätswende. Auch dies kann mit ei-
nem erhöhten Flächenbedarf einhergehen.
Ebenso führt der Umbau der Wirtschaft hin zu
geschlossenen Stoff- und Materialkreisläufen
sowie eine Re-Regionalisierung von Produk-
tionsketten – mit dem Ziel, die Abhängigkeit
von globalisierten Lieferketten zu verringern
und die Resilienz gegenüber internationalen
Instabilitäten zu steigern – zunächst zu einem
zusätzlichen Flächenanspruch für Industrie
und Gewerbe. Nicht zuletzt wird es aufgrund
des bestehenden Wohnraummangels eine an-
haltende Nachfrage nach Flächen für eine zu-
sätzliche Wohnsiedlungsentwicklung geben,
wenngleich hier das Ziel einer Flächenkreis-
laufwirtschaft mit einem Nettonull-Flächen-
verbrauch ausgegeben wird.
Die Reaktion auf die Krisen im Sinne einer
Anpassung an nicht mehr vermeidbare Kri-
senfolgen einerseits und die verschiedenen
Lösungsansätze zur Bekämpfung der Krisen-
ursachen andererseits haben also eines ge-
meinsam: sie wirken sich auf die Form der
Nutzung von Flächen aus und erzeugen neue
Nutzungskonflikte.
4 Anspruchsbereiche und Herausforde-
rungen
Bisher fehlen allerdings Ansätze, die Flächen-
bedarfe und –wirkungen sektorenübergreifend
zu bilanzieren und zum Ausgleich zu bringen.
Daher soll im Folgenden versucht werden, ei-
nige einzelnen Anspruchsbereiche und ihre
Flächenwirkungen genauer zu betrachten
und Lösungsansätze in ihrer Wirksamkeit und
ihrer Interdependenzen zu diskutieren. Dabei
werden Mehrgewinnstrategien aufgespürt,
die positive Verknüpfungen ermöglichen und
Wirkungsprinzipien herausgestellt. Eine ge-
nauere quantitative Bilanzierung kann dabei
jedoch nicht geleistet werden.
4.1 Energiewende und Dekarbonisierung
Das
Mehrgewinn-Potenzial
der
Umstel-
lung der energetischen Basis unsere Gesell-
schaftsformation und ihrer Wirtschaftswei-
se ist vielfältig und tiefgreifend. Damit wird
die Energiewende zu einem Schlüsselfeld
der Transformation und Krisenbewältigung.
Die rasche Beendigung der Nutzung fossiler
Energieträger ist der wirksamste Hebel zur
Reduzierung der Treibhausgasmissionen und
damit zur Eindämmung der Erderwärmung
und Begrenzung der katastrophalen Wirkun-
gen der vom Menschen verursachten Klima-
veränderungen. Die Umstellung auf erneu-
erbare Energieträger und die Ausschöpfung
heimischer Potenziale reduziert zudem geo-
politische und ökonomische Abhängigkeiten
von den Exporteuren der fossilen Energieträ-
ger Öl, Kohle und Gas oder auch Uran. Vor
dem Hintergrund des verheerenden Überfalls
Russlands auf die Ukraine und der Abhängig-
keit von russischen Gaslieferungen wurden
die Erneuerbaren zurecht auch als „Freiheits-
energien“ (so Christian Lindner, ehemaliger
Bundesfinanzminister im deutschen Bun-
destag; Bundesregierung 2022) bezeichnet.
Die Substitution von fossilen Importen durch
erneuerbare Eigenproduktion führt zu einem
massiven Umlenken von Geldflüssen, die die
heimische Wirtschaft stabilisieren und ihre
Resilienz steigern können. In Deutschland
werden fossile Brennstoffe zu 95% impor-
tiert, wodurch Ausgaben in Höhe von durch-
schnittlich 81 Mrd. € pro Jahr entstehen, die
2022 durch die Energiepreiskrise aufgrund
des russischen Überfalls auf die Ukraine auf
über 140 Mrd. € empor schnellten (vgl. Rode
2025). Mittelfristig lassen sich diese Ausgaben
durch Elektrifizierung und die Umstellung
72
auf erneuerbare Energien massiv reduzieren
und die Wertschöpfung weitgehend im Land
halten. Zudem ermöglicht eine dezentra-
le Nutzung erneuerbarer Energien und eine
breite Streuung der Erzeuger eine vielfälti-
ge Energiewirtschaft, die nicht von wenigen
Konzernen dominiert und gesteuert wird.
Dies verringert weiterhin Abhängigkeiten von
wenigen Unternehmen. Die dezentrale Er-
zeugung erneuerbarer Energien in der Hand
lokaler Unternehmen ermöglicht es, regionale
Wertschöpfungseffekte zu erzielen, die ins-
besondere in strukturschwachen peripheren
Regionen von Bedeutung sind und unterstützt
dabei, strukturelle wirtschaftliche Disparitä-
ten im Inland zu verringern. Eine dezentrale,
von den Bürger:innen und den Kommunen
getragene Energiewirtschaft kann die ökono-
mische und soziale Resilienz der Gesellschaft
steigern und trägt gleichzeitig zur Eindäm-
mung energierohstoffgetriebener globaler Ri-
siken und Großkrisen bei.
Die Herausforderung der raschen Redu-
zierung von Treibhausgasemissionen aus der
Verbrennung fossiler Energieträger liegt dabei
vor allem in der Notwendigkeit, die Ausbauge-
schwindigkeit von Anlagen zur Erzeugung er-
neuerbarer Energien massiv zu erhöhen und
zu einem exponentiellen Wachstum zu ge-
langen. Wirksamer Klimaschutz erfordert die
schnellstmögliche Dekarbonisierung. Schon
heute ist die Treibhausgaskonzentration in
der Erdatmosphäre so hoch, dass eine Bei-
behaltung des Niveaus katastrophale Folgen
haben würde. Für Bayern hat die Forschungs-
stelle für Energiewirtschaft die notwendige
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
73
Ausbauziel bis 2040
Ein klimaneutrales Bayern im Jahr 2040 hat
unter anderem:
Ausbaugeschwindigkeit pro Woche
Eine Woche in Bayern von 2022 bis 2040:
…Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von
etwa 80 GW errichtet
Installation von PV-Anlagen auf 160 Fußballfel-
dern und auf ca. 1000 Wohngebäuden
…Windkraftanlagen mit einer Leistung von etwa
13 GW gebaut
2 neue 5 MW Windkraftanlagen werden in Be-
trieb genommen
…2,4 Millionen Heizenergieanlagen auf regene-
rative Wärme umgestellt
2300 fossile Heizanlagen werden durch regenera-
tive Anlagen ersetzt (plus notwendiger Wärme-
netzausbau)
...1,2 Mio Wohngebäude zusätzlich zu 2021 ener-
getisch saniert
1.250 Wohngebäuder werden energetisch saniert
…Großbatteriespeicher mit einer Kapazität von
15 GWh angeschlossen
3 Großbatteriespeicher (jeweils ca. 2 Schiffscon-
tainer) mit einer Kapazität von insgesamt 15
MWh werden installiert
…werden keine PKW mehr mit fossilen Antrieben
betrieben
8.600 PKW mit fossilen Antrieben werden durch
alternative Antriebe ersetzt.
…Wasserstoffelektrolyseure mit einer Leistung
von 5 GW errichtet
3 neue Elektrolyseure mit einer Leistung von ins-
gesamt 5 MW werden installiert (ca. 5 Container)
1.000 neue Umspannwerke ans Netz gebracht
1 Umspannwerk wird errichtet
Tabelle 1: Bayernplan für Klimaneutralität bis 2040. Quelle: Forschungsstelle für Energiewirt-
schaft e. V., eigene Zusammenstellung; (https://www.ffe.de/veroeffentlichungen/bayernplan-fuer-
klimaneutralitaet-2040-energiewende-jetzt/)
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Ausbaudynamik zur Erfüllung des bayerischen
Klimaschutzgesetzes, das eine Treibhausgas-
neutralität bis 2040 vorsieht, plastisch zusam-
mengefasst (siehe Tabelle 1).
Für das Bundesland wird ein Flächenbe-
darf von über 100.000 ha alleine für Solar- und
Windenergie benannt. Dabei unterscheiden
sich die Erträge je landwirtschaftlicher Ver-
lustfläche – als der Fläche, die für klassische
landwirtschaftliche Produktion zugunsten der
energetischen Nutzung verloren geht – erheb-
lich. Während je ha und Jahr mit Mais als Ener-
giepflanze 26 Tsd. Kilowattstunden erzeugt
werden können, sind es mit Freiflächenphoto-
voltaikanlagen bereits 0,7 Mio. kWh je ha und
Jahr und mit 2 MW-Windenergieanlagen etwa
18 Mio kWh pro ha und Jahr. So können bei
einem durchschnittlichen Stromverbrauch
von 3.100 kWh/Haushalt/Jahr je Hektar Bio-
gasmais im Mittel sieben Haushalte pro Jahr
versorgt werden. Bei PV-Freiflächenanlagen
steigt die Anzahl auf 230 und bei Windener-
gieanlagen auf etwa 6.000 Haushalte (vgl.
Böhm 2023: 16).
Die zunehmende Nachfrage nach landwirt-
schaftlicher Fläche zur energetischen Nut-
zung führt zu einem Anstieg der Kauf- und
Pachtpreise für Landwirtschaftsflächen. So ist
der durchschnittliche Kaufwert je ha veräu-
ßerter Fläche der landwirtschaftlichen Nut-
zung von knapp 10.000€ im Jahr 2006 (Statis-
tisches Bundesamt, Fachserie 3, Reihe 2.4,
2020) auf über 33.500€ im Jahr 2023 gestiegen
(Destatis Genesis Datenbank; Code: 61521-
0001; Abfrage am 03.06.2025). Dies führt zu
einem Verdrängungsdruck insbesondere auf
bäuerlich geprägte Formen der Nahrungsmit-
telproduktion. Derzeit ist die Nachfrage nach
Flächen für Freiflächen-Photovoltaikanlagen
besonders dynamisch. Die Intensität der Flä-
chenkonkurrenz zur Nahrungsmittelproduk-
tion wird jedoch vor allem durch die zukünf-
tige Rolle der energetischen Nutzung von
Biomasse bestimmt, denn die Erzeugung von
Energiepflanzen zur Produktion von Biogas
ist enorm flächenbeanspruchend und im Ver-
gleich zu Photovoltaik und Windenergie bezo-
gen auf die Fläche sehr ineffizient.
Eine weitere Herausforderung besteht in
der gesellschaftlichen Akzeptanz der Energie-
wende. Diese wird nicht nur als vermeintlich
teuer diskreditiert, was weniger am Energie-
träger liegt, sondern vielmehr an politischen
Rahmensetzungen. Insbesondere die Eingrif-
fe in das Landschaftsbild stehen zunehmend
in der Kritik. So gibt es mittlerweile sehr häu-
fig Proteste und Einwände am Bau von Wind-
energieanlagen an Land und von Freiflächen-
photovoltaikanlagen, und das, obwohl erst ein
geringer Teil des notwendigen Zubaus reali-
siert oder in Vorbereitung sind (für Bayern vgl.
www.energieatlas.bayern.de).
4.2 Biodiversität und Artensterben
Seit den 1970er Jahren beobachtet und analy-
siert der World Wildlife Fund gemeinsam mit
der Zoologischen Gesellschaft London die
Bestände einer wachsenden Zahl ausgewähl-
ter Tiergruppen und zeichnet damit ein Bild
der Artenvielfalt auf dem Planeten (vgl. WWF
2024; www.wwf.de/living-planet-report). Seit-
her misst der Living Planet Index (LPI) des
WWF, der jährlich in Zusammenarbeit mit
dem Institut für Zoologie der renommierten
Zoological Societey of London (ZSL) erstellt
wird, nach wissenschaftlichen Standards die
Veränderungen globaler Biodiversität. Aktuell
werden 35.000 globale Populationen von 5.500
Wirbeltierarten, also Säugetiere, Vögel, Fische,
Amphibien und Reptilien beobachtet, um den
Gesundheitszustand von Ökosystemen zu er-
kennen und zu verstehen. Der Living Planet
Index zeigt über 50 Jahre hinweg einen alar-
mierenden und beschleunigten Rückgang der
erfassten Bestände um 73 Prozent und weist
sowohl einen schlechten Zustand der Bio-
74
diversität als auch eine geschwächte Wider-
standsfähigkeit der Ökosysteme gegenüber
menschlichen Einflüssen aus.
Gezeigt werden damit graduelle Verände-
rungen bis hin zu völligen Zerstörungen der
Habitate von Tierarten in Folge einer nicht
nachhaltigen Landwirtschaft und Holzein-
schlag, durch Verkehrswegebau, Flächenver-
brauch für Wohn- und Gewerbegebiete, in
der Folge der Errichtung von Energieanlagen
(insbesondere neue Stauseen und Wasser-
kraftwerke) und Bergbautätigkeiten. Flüsse
und Bäche werden begradigt und aufgestaut,
Meereslebensräume durch Baggerarbeiten
und Grundschleppnetzfischerei beeinträch-
tigt. Zudem sind eine Übernutzung durch Fi-
scherei inklusive Beifang, Jagd und Wilderei
die Ursache. Im Rahmen der zunehmenden
Erderwärmung werden Arten gezwungen, ihr
angestammten Habitate zu verlassen um sich
andere Lebensräume zu suchen. Eingetra-
gene Schadstoffe und Gifte wie Pestizide, Öl
oder Chemikalien, kontaminieren die Nah-
rung oder beeinträchtigen die Reproduktions-
fähigkeit und verringern Überlebenschancen.
Invasive Arten verdrängen angestammte Po-
pulationen, und Krankheiten nehmen zu. In
Westeuropa und auch in Deutschland hat ein
großer Teil der Reduzierung der Artenvielfalt
insbesondere durch eine Intensivierung und
Mechanisierung der Landwirtschaft und eine
umfassende Flurbereinigung schon vor den
1970er Jahren stattgefunden und wird durch
den LPI nicht mehr erfasst.
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
75
Abbildung 3: Living Planet Index des WWF. Quelle: WWF – 2024. Living Planet Report (2024: 6)
(www.wwf.de/living-planet-report);© WWF International
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Die große Herausforderung besteht nun darin,
den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen und
eine Phase der Regeneration der Ökosphäre
einzuleiten. Denn eine hohe Biodiversität ist
für den Fortbestand der menschlichen Zivi-
lisation enorm wichtig. „Ohne die Vielfalt der
Lebensformen wäre unser menschliches Dasein
nicht denkbar … . Biologische Vielfalt sichert
direkt und indirekt unser Überleben. Sie steuert
Wetter und Klima, produziert Sauerstoff und
reinigt Wasser, versorgt uns mit Nahrung, Bau-
stoffen und mit vielen anderen elementaren
Gütern. Unsere Gesellschaften und Volkswirt-
schaften stützen sich auf das Funktionieren die-
ser „Fabrik des Lebens“.“ (WWF 2024: 5). Nicht
zuletzt erzeugen vielfältige Landschaften mit
einer reichhaltigen Biodiversität und struktu-
rellen Vielfalt auch ein Gefühl der Heimat, der
Identität und Zugehörigkeit für die dort leben-
den Menschen und sind als touritsiches Ziel
interessant.
Auch für Deutschland ist seit langem ein
Rückgang natürlicher Lebensräume und eine
Gefährdung der Biodiversität festzuhalten.
Hierzulande sind nur noch neun Prozent aller
Binnengewässer in einem guten bis sehr gu-
ten ökologischen Zustand. In den letzten 150
Jahren wurden viele Flüsse begradigt, durch
Stauwehre ihrer Dynamik beraubt, von den
Überschwemmungsflächen abgetrennt und
durch Schadstoffeinträge verschmutzt. 98 Pro-
zent aller Moore wurden trockengelegt und
zu Landwirtschaftsflächen umfunktioniert,
wodurch nicht nur eine hochspezialisierte
Tier- und Pflanzenwelt verloren ging, son-
dern auch Wasser- und Kohlenstoffspeicher.
Die Flurneuordnung hat über Jahrzehnte Pro-
duktionsflächen zusammengelegt, entwässert
und von Gehölzstrukturen befreit und große,
leichter zu bewirtschaftende aber eintönige
Strukturen geschaffen. Die wesentlichen Trei-
ber für Veränderungen von Landökosystemen
sind die intensivierte und sich flächenmä-
ßig ausdehnende Landwirtschaft. Dabei wird
auf einem Großteil der Flächen Futter für die
Viehzucht angebaut. Zudem schwindet die
Vielfalt der genutzten Kultursorten, Land-
schaftselemente wie Hecken und Kleingewäs-
sern gehen verloren und der hohe Einsatz von
Pflanzenschutz- und Düngemitteln belastet,
Böden, Gewässer, Flora und Fauna (Leopol-
dina o.J.; https://interaktiv.leopoldina.org/
biodiversitaetsfakten/chapter/15-antworten-
auf-15-fragen-zur-biodiversitaet/).
Auf der Weltnaturkonferenz in Montreal
hat die internationale Staatengemeinschaft
daher eine neue globale Vereinbarung zum
Schutz der Natur getroffen, das sog. „Kun-
ming-Montreal Global Biodiversity Frame-
work“ (vgl. BMUV 2022). Als grundlegende
Vision wird formuliert, dass im Jahr 2050
der Mensch vollkommen im Einklang mit
der Natur leben und bis 2030 der Verlust der
biologischen Vielfalt gestoppt und der Trend
umgekehrt werden soll. Bis 2030 sollen min-
destens 30 Prozent der weltweiten Land- und
Meeresfläche unter effektiven Schutz gestellt
werden, vor allem Gebiete mit hoher biolo-
gischer Vielfalt, die besonders schützenswert
sind. Davon soll ein Drittel unter strengem
Schutz stehen, also 10 Prozent der Flächen
insgesamt. 30 Prozent der geschädigten Öko-
systeme an Land und im Meer sollen bis 2030
renaturiert werden und der Eintrag von Dün-
gemittelüberschüssen in die Umwelt und die
Risiken durch Pestizide und sehr gefährliche
Chemikalien halbiert werden. Außerdem soll
z.B. die Lebensmittelverschwendung halbiert
werden, ebenso wie die Verbreitung invasiver
Arten. Die Land-, und Waldwirtschaft sowie
die Fischerei und andere Nutzungsformen
der Ökosysteme sind auf nachhaltige Nut-
zungsweisen umzustellen.
Ein Blick auf die Flächennutzung in
Deutschland zeigt, dass mit Stand 12/2022
jedoch nur etwa 4,1% der Landfläche als Na-
76
turschutzgebet ausgewiesen sind und damit
stark geschützt (vgl. https://www.bfn.de/na-
turschutzgebiete). Bezieht man die Watten-
meere mit ein sind es 6,5% des Staatsgebietes.
Dabei beträgt die durchschnittliche Größe
eines Naturschutzgebietes rund 300 ha wobei
knapp 60 % aller Naturschutzgebiete kleiner
als 50 ha und damit oft nicht ausreichend ab-
gepuffert sind gegen negative Außenfaktoren
wie Entwässerung und Eutrophierung. Nur
ca. 15 % umfassen eine Fläche von über 200
ha. Das größte Defizit besteht in Deutsch-
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
77
Abbildung 4: Ziele und Maßnahmen des Kunming-Montreal-Global-Biodiversity-Framework.
Quelle: WWF – 2024. Living Planet Report (2024: 16) (www.wwf.de/living-planet-report);© WWF
International)
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
land bei Wildnisgebieten, in denen die Natur
sich selbst überlassen bleibt. Ihr Flächenan-
teil liegt derzeit bei nur 0,6 Prozent (Leopol-
dina o.J.). Damit ist Deutschland noch weit
weg von den in Montreal vereinbarten Zielen.
Um diese Ziele zu erreichen, ist es nicht nur
notwendig, größerer und besser gemanag-
te Schutzgebiete auszuweisen und gestörte
Ökosysteme zu renaturieren indem sie bspw.
aus der bisherigen Nutzung herausgenom-
men werden und die Schutzzwecke der öko-
nomischen Nutzung übergeordnet werden.
Vielmehr ist eine Umstellung auf stärker
pflanzenbasierte Ernährungsmuster eben-
so erforderlich wie eine Ökologisierung der
Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei
(s. Szenario 1 in der Abbildung).
Jedenfalls geht von der Umsetzung einer
wirksamen Strategie zur Biodiversitätssiche-
rung ein erheblicher Druck auf eine Verände-
rung der bestehenden Flächennutzungen aus.
Schließlich sind die Flächen außerhalb der
Nationalparks und der engen Schutzzonen der
Naturschutzgebiete alle in irgendeiner Form
land- oder forstwirtschaftlich genutzt, und der
ökonomische Nutzungszweck dominiert die
Form der Landnutzung. Soll dieser Nutzungs-
zweck nun zugunsten einer Ökologisierung
und nachhaltigen Nutzung verändert werden
und die Sicherung der Biodiversität den erfor-
derlichen Stellenwert erhalten, müssen Wege
gefunden werden, wie die geeigneten Flächen
mobilisiert und wie wirtschaftliche Einbußen
kompensiert werden können. Gesellschaftlich
erwünschte Nutzungsänderungen gehen im-
mer mit einem Eingriff in die Verfügungsrech-
te über das Eigentum einher und erfordern
Ausgleichsleistungen.
Dabei können Ökologisierungs- und Bio-
diversitätsstrategien durchaus Mehrgewinn-
potenziale beinhalten. So bieten neu ge-
pflanzte Hecken nicht nur Lebensraum für
78
Abbildung 5: Szenarien künftiger Biodiversitätsentwicklung. Quelle: Leopoldina.org. https://
interaktiv.leopoldina.org/biodiversitaetsfakten/chapter/wie-koennen-wir-den-verlust-biologi-
scher-vielfalt-stoppen/.
zahlreiche Arten, sie tragen auch wirksam
zum Klimaschutz bei und mildern die Folgen
der Erderhitzung ab. Hecken bringen Struk-
tur in ausgeräumte Landschaften, steigern
die ästhetische Qualität und die touristische
Attraktivität. Sie brechen den Wind und min-
dern Erosion (Zöls-Biber 2024). In Trocken-
perioden wird der Wasserverlust des Bodens
verzögert, an heißen Tagen geht von ihnen
eine kühlende Wirkung aus. Aus dem Laub
der Sträucher entsteht außerdem Humus, der
die Bodenqualität verbessert, und der He-
ckenschnitt kann als biogene Energiequelle
genutzt werden (Hackschnitzel). Gleiches gilt
für Agroforstsysteme, die Baumpflanzungen
auf Ackerflächen vorsehen. Werden Nutzbäu-
me (Nüsse, Obst) gepflanzt, kann zudem die
Frucht genutzt werden. Die Berechnungen
von Einnahmeverlusten und des Aufwandes
für Gemeinwohlleistungen sowie der Kom-
pensation stellen allerdings eine komplexe
Herausforderung dar.
4.3 Landwirtschaft und Nahrungsmittel-
produktion
Die Verbindungen zwischen der Sicherung der
Biodiversität und der Landwirtschaft liegen auf
der Hand. Fläche, die für andere Nutzungen
gewonnen werden will, muss einer anderen
Nutzung enthoben werden und das ist in der
Regel eine landwirtschaftliche. In Deutsch-
land werden 16,6 Mio. ha der Gesamtfläche
landwirtschaftlich genutzt. 83% dieser Fläche
wird für Futter- und Nahrungsmittel verwen-
det (FNR 2025). Dies setzt sich zusammen aus
60% für die Produktion von Futtermittel, 23%
für die direkte pflanzliche Nahrungsmittel-
herstellung und 13% für Energiepflanzen. Der
Anteil ökologisch bewirtschafteten Fläche an
der gesamten landwirtschaftlichen Nutzflä-
che beträgt dabei 11,2 % und ist von dem Ziel
der Bundesregierung, den Flächen-Anteil der
Öko-Landwirtschaft bis 2023 auf 30% zu stei-
gern noch weit entfernt (vgl. UBA 2024a).
Die Landwirtschaft trägt in Deutschland
mit etwa 7,6 % zu den Treibhausgasemissio-
nen bei. Diese entstehen neben dem Einsatz
fossiler Energieträger („Agrardiesel“) vor al-
lem durch Düngung und Viehhaltung. Das
Ernährungssystem insgesamt – also inklusive
Logistik, Weiterverarbeitung und Vertrieb –
wird für bis zu 30 % aller globaler Treibhaus-
gasemissionen verantwortlich gemacht. Zu-
dem gehen 70 % Verlust der terrestrischen
Biodiversität und 50 % des Verlusts der Biodi-
versität in Flüssen und Seen sowie die Degra-
dation von mehr als der Hälfte der landwirt-
schaftlich genutzten Böden auf das Konto der
Art der landwirtschaftlichen Nutzung (Drä-
ger de Teran und Suckow 2022). Neben der
hochglobalisierten, industrialisierten, hoch
mechanisierten, effizienten und produktivis-
tischen Form der Landbewirtschaftung ist der
sehr hohe Konsum von Fleisch und anderen
tierischen Lebensmittel die Ursache, der zu-
dem auch gesundheitliche Probleme mit sich
bringt. Auch ist zu berücksichtigen, dass die
fleischbasierte Ernährungsweise zu erhebli-
chen „virtuellen Landimporten“ führt. Damit
ist gemeint, dass in erheblichem Umfang Fut-
termittel importiert werden und damit Anbau-
flächen insbesondere in Ländern des Globa-
len Südens für unsere Ernährung beansprucht
werden. Diese Flächen sind 3 mal so hoch wie
der Flächenanspruch in Deutschland. Dabei
handelt es sich oft um intensiv bewirtschaf-
tete Monokulturen. Der Import von Rind-
fleisch, Soja und Palmöl aus einigen wenigen
Ländern in Lateinamerika und Südostasien
sind Beispiele hierfür. Damit wird ein jährli-
cher Verlust von hunderttausenden Hektar
Wald in Verbindung gebracht (Leopoldina o.J.:
https://interaktiv.leopoldina.org/biodiver-
sitaetsfakten/chapter/welchen-einfluss-ha-
ben-wir-auf-den-biodiversitaetsverlust-in-
anderen-teilen-der-welt/). Damit hat unser
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
79
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Konsum hier in Deutschland über diese inter-
nationalen Handelsketten deutliche negative
Folgen für die Biodiversität in Ländern des
Globalen Südens.
Die Herausforderung besteht nun darin,
eine Form der Landwirtschaft zu entwickeln,
die möglichst klimapositive Effekte erzielt,
Treibhausgase bindet sowie Bodenqualität
und Biodiversität wiederherstellt. Darüber
hinaus sollte sie gleichzeitig eine preisgünsti-
ge, sichere und gesunde Ernährung gewähr-
leisten und für angemessene Einkommen
und vergrößerte Entscheidungssouveränität
bei den Erzeuger:innen sorgen. Zudem muss
diese Form der Nahrungsmittelproduktion
die Möglichkeit eröffnen, für diese Ziele den
Flächenbedarf im Inland wie im Ausland zu
reduzieren, und so Flächen für die Auswei-
tung von Schutzflächen für den Erhalt der Ar-
tenvielfalt, für CO2- Bindung und für die Her-
stellung nachwachsender Rohstoffe für die
Umstellung der stofflichen Basis der Indust-
rieproduktion (s.u.) bereitstellen zu können.
Zu berücksichtigen ist auch, dass eine ökolo-
gische Landwirtschaft zudem zu einer gerin-
geren Flächenproduktivität führt.
80
Abbildung 6: Flächennutzung in Deutschland. Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe
e. V. (FNR) (https://mediathek.fnr.de/flachennutzung-in-deutschland.html).
Eine Umstellung des aktuellen Ernährungsstils
erscheint daher zunehmend unumgänglich.
In Deutschland würde ein weniger fleischba-
sierter, flexitarischer Ernährungsstil bedeuten,
dass bereits, dass etwa 18% weniger Fläche be-
ansprucht würde als beim aktuellen Status Quo
(Dräger de Teran und Brendel 2022: 33).
Eine Umstellung auf eine pflanzenbasierte Er-
nährungsweise – gemäß den gesundheitlichen
Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission –
würde den Flächenbedarf auf etwas mehr als
die Hälfte gegenüber heute senken.
Ein weiteres Potenzial für die Mobilisierung
von Flächen für alternative Nutzungen liegt
in der Verringerung der Produktion von Ener-
giepflanzen, die 13% der Anbaufläche ausma-
chen und vor allem durch Intensivlandwirt-
schaft geprägt sind (Mais für Biogasanlagen).
Damit ist jedoch eine Veränderung der Ener-
giewendestrategie verbunden, die darauf ab-
zielt, die Flächen der intensiven Biomassepro-
duktion zur direkten Stromerzeugung durch
Windkraft- und Photovoltaikanlagen zu nut-
zen, durch den Ausbau von Speichern, die
Grundlastfähigkeit der Biogasanlagen zu er-
setzen und durch den Ausbau der E-Mobilität
und der Wärmepumpen die Bedeutung von
biogenen Heiz- und Treibstoffen im Verkehr
und bei der Gebäudewärme zu reduzieren.
4.4 Bioökonomie und Siedlungsentwicklung
In der Definition der Bundesregierung um-
fasst die Bioökonomie die Erzeugung, Er-
schließung und Nutzung biologischer Res-
sourcen, Prozesse und Systeme, um Produkte,
Verfahren und Dienstleistungen in allen wirt-
schaftlichen Sektoren im Rahmen eines zu-
kunftsfähigen Wirtschafts-systems bereitzu-
stellen (Bundesregierung 2020: 10).
Nicht zuletzt während der Corona-Pan-
demie und durch den russischen Überfall
auf die Ukraine sind die Abhängigkeiten der
deutschen Industrieproduktion von funkti-
onierenden Lieferketten deutlich geworden.
Etwa 80% der Rohstoffentnahme zu indus-
triellen Zwecken in Deutschland entfällt auf
nichtnachwachsende Rohstoffe. Die Impor-
tabhängigkeit der deutschen Industrie ist im-
mens. Dies führt einerseits in Krisenzeiten
zu einer hohen Verwundbarkeit der deut-
schen Wirtschaft, andererseits übersteigt
der Ressourcenbedarf der Lebensweise in
Deutschland die Reproduktionskapazitäten
der Ökosysteme um ein Vielfaches. Würden
weltweit alle Menschen so konsumieren wie
wir, wäre die Reproduktionskapazität der
Biosphäre bereits Anfang Mai erschöpft (der
landesspezifische Überlastungstagliegt für
Deutschland im Jahr 2025 am 3. Mai; vgl.
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
81
Tabelle 2: Flächenbedarfe für unterschiedliche Ernährungsstile in Deutschland im Vergleich.
Quelle: Dräger de Teran und Brendel 2022: 33.
Flächenbedarf für unsere derzeitige Ernährung in Deutschland im Vergleich zur flexitarischen,
vegetarischen und veganen Ernährungsweise nach den EAT-Lancet-Empfehlungen in Quadratmeter
pro Person und Millionen Hektar (incl. Differenz zur derzeitigen Ernährungsweise)
Derzeitige
Ernährungsweise
Flexitarische
Ernährungsweise
Vegetarische
Ernährungsweise
Vegane
Ernährungsweise
Pro Person in qm
(Differenz)
2.022
1.658
(-364)
1.098
(-924)
1.030
(-992)
Insg. in Mio. ha
(Differenz)
16,61
13,63
(-2,99)
9,03
(-7,59)
8,47
(-8,15)
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
https://overshoot.footprintnetwork.org/news-
room/country-overshoot-days/).
Die Herausforderung liegt darin, den Res-
sourcenbedarf auf regenerative, nachwach-
sende Rohstoffe zu verlagern und innerhalb
der Reproduktionskapazitäten und Belastbar-
keitsgrenzen der Ökosysteme bzw. des Erd-
systems zu bleiben. Dabei gilt es, bei minerali-
schen und metallischen Rohstoffen möglichst
in geschlossenen Stoffkreisläufen zu bleiben
und die Entnahme auf ein Minimum zu re-
duzieren (cradle-to-cradle, bzw. circular eco-
nomy). Fossile Kohlenwasserstoffe (Erdöl,
Kohle), die als Grundlage für synthetische
Kunststoffe dienen, sollten möglichst durch
nachwachsende und abbaubare Rohstoffe er-
setzt werden.
Im Jahr 2021 wurden für die Herstellung
nachwachsender Rohstoffe in Deutschland
bereits über 2.600 ha Anbaufläche bean-
sprucht. Dabei ist der Großteil von Energie-
pflanzen geprägt (über 85%) (FNR 2025b).
Die Bundesregierung setzt sich zum Ziel, die
Produkte und Leistungen der Bioökonomie
möglichst intensiv im Alltag der Bevölkerung
zu verankern (vgl. bioökonomie.de). Bedenkt
man, dass bspw. in der chemischen Indust-
rie der Anteil nachwachsender Rohstoffe erst
82
bei etwa 13% liegt (BMBF und BMEL 2022: 38)
und auch in anderen Bereichen wie der Auto-
mobilindustrie der Einsatz biogener Materi-
alien bisher eher experimentellen Charakter
hat, wird der immense Bedarf an zusätzlichen
Produktionsmöglichkeiten
für
nachwach-
sende Rohstoffe deutlich. Dabei können Mi-
kroorganismen einen Teil der Produktion
übernehmen, der weit größte Teil wird aber
auf land- und forstwirtschaftlichen Produk-
tionsflächen hergestellt werden (müssen). In
der Konsequenz bedeutet dies, dass der Nut-
zungs- und auch der Intensivierungsdruck auf
landwirtschaftliche Flächen zunimmt. Dabei
ist eine weitere Technisierung und Intensivie-
rung der landwirtschaftlichen Produktions-
weise nicht ausgeschlossen, was im Wider-
spruch zur Ökologisierungsnotwendigkeit der
Landwirtschaft zugunsten des Bodenaufbaus
und der Biodiversitätssicherung stehen kann.
Bisher steht die Entwicklung der Bioöko-
nomie noch am Anfang und ist vor allem ein
umfangreiches Forschungsprogramm. Daher
sind die künftigen Flächenbedarfe für eine
Biologisierung der Rohstoffbasis der Indust-
rie noch nicht bezifferbar. Mit zunehmender
Knappheit und Verteuerung fossiler Ressour-
cen wird die Dynamik zunehmen, diese durch
Regenerative zu ersetzen.
Ein weiterer Druck auf die Freiflächen ent-
steht durch die anhaltend hohe Flächeni-
nanspruchnahme für Siedlungs- und Ver-
kehrszwecke. In Deutschland werden in den
letzten Jahren täglich etwa 52 ha Fläche für
Siedlungs- und Verkehrsflächen neu in An-
spruch genommen (UBA 2024).
Die Versiegelungsquote liegt dabei bei etwa
der Hälfte. Damit gehen täglich über 25 ha an
Böden mit all den wichtigen Funktionen für
Ernährung, Wasserhaushalt, Biodiversitätsent-
wicklung etc. unwiederbringlich verloren. Der
Anstieg sollte laut Bundesregierung eigentlich
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
83
Abbildung 7: Beispiele für Einsatzfelder der Bioökonomie. Quelle: BMBF, BMEL (Hrsg.) 2022:
Bioökonomie in Deutschland: 27 (Illustrationen: Florian Sänger für das BMBF)
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
schon bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag sinken.
Dieses Ziel wurde mangels Erreichbarkeit auf
2030 verschoben. Nach den aktuellen Zielen
der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie soll der
tägliche Anstieg bis zum Jahr 2030 nun weniger
als 30 Hektar betragen, wobei das Integrierte
Umweltprogramm des Bundesumweltministe-
riums bis dahin eine Senkung des täglichen An-
stiegs auf 20 Hektar pro Tag anstrebt. (a.a.O.).
In Bayern ist ein dauerhaftes Absenken der
täglichen Flächeninanspruchnahme bisher
ebenfalls nicht gelungen. Ein großer Teil geht
dabei auf das Kosten der Neuausweisung von
Wohngebieten.
Insbesondere kleinen Kommunen in länd-
lichen Räumen versuchen mit großzügigen
Flächenausweisungen Einwohner:innen und
Arbeitsplatzzuwächse zu generieren. Dabei
spielen großzügig bemessene Bauplätze ins-
besondere für den Bau von Einfamilienhäu-
sern eine große Rolle. Kommunen mit unter
3.500 Einwohner schaffen es in den ersten
zwei Dekaden des 21. Jahrhunderts jedoch
nicht, ihre Bevölkerungszahl wesentlich zu
erhöhen trotz dieser erheblichen Neuauswei-
sung von Wohnflächen.
Dies ist insofern problematisch, da dadurch
gerade in den ländlichen Räumen über Ge-
bühr Flächen für die Siedlungsentwicklung
verloren gehen, die vorher landwirtschaftliche
Nutzflächen gewesen sind und damit der Ag-
rar-Produktion oder anderen Nutzungen ent-
84
Abbildung 8: Anstieg der Siedlungs-und Verkehrsfläche. Quelle: UBA 2024b; https://www.
umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/384/bilder/dateien/de_indikator_terr-03_
suv_2024-03-15.pdf.
zogen werden.
Vor dem Hintergrund des oben beschrie-
benen wachsenden Bedarfs an freier Fläche
für die Gewährleistung der Ernährung, als
Grundlage für nachwachsende Rohstoffe zur
Sicherung der Industriellen Basis der Wirt-
schaft und für die Regeneration der Biosphäre
ist dies eine sehr bedenkliche Entwicklung.
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Abbildung 9: Daten zur Flächenneuinanspruchnahme in Bayern. Quelle: Bayerische Staatsregie-
rung; eigene Zusammenstellung; www.flaechensparoffensive.bayern/wissen/flaechenstatistik/.
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Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
5 Mehrgewinnstrategien als Lösungsansätze
Viele Lösungsansätze für die Krisen und He-
rausforderungen betreffen die Flächen- und
Bodennutzung. Da Fläche und Boden nicht
vermehrbar sind, wird es auf einen intelligen-
ten Umgang damit ankommen, ob wir die Kri-
sen bewältigen werden.
Ein übergreifender Lösungsansatz liegt in
der Umstellung der Produktions- und Kon-
summuster. Wenn es gelingt, die aktuell domi-
nanten Ressourcen zerstörende und ausbeu-
terische „imperiale Lebensweise“ (Brandt
und Wissen 2017) zu überwinden und durch
eine ressourcen- und umweltgüterschonen-
de, nachhaltige „solidarische Lebensweise“
(I.L.A. Kollektiv 2019) zu ersetzen, die den
Prinzipien des Maßhaltens (Suffizienz), der
Gemeinwohlorientierung und auf geschlos-
senen Stoffkreisläufen folgt, könnte Druck von
der Fläche genommen werden. Dies ist al-
lerdings ein gesellschaftliches „Großprojekt“,
dass eine Überwindung tief verankerter öko-
nomischer Funktionslogiken und kultureller
Muster erfordert. Auf die Wege und Strategien
einer solchen tiefgreifenden Transformation
kann an dieser Stelle nicht vertieft eingegan-
gen werden (vgl. dazu WBGU 2011).
Ein wesentlicher Lösungsansatz liegt in den
bereits angedeuteten Mehrgewinnstrategien,
die in der Regel zu einer Mehrfachnutzung
der selben Fläche führen und damit das Pro-
blem der Nichtvermehrbarkeit von Grund
und Boden abmildern helfen. Dazu ist eine
systemische Perspektive erforderlich, die die
Zusammenhänge zwischen den jeweiligen
Nutzungsansprüchen integrieren hilft und
Wechselwirkungen deutlich macht. Idealer-
weise gelingt eine Kombination und Umset-
86
Abbildung 10: Veränderung der Siedlungs- und Verkehrsfläche nach Gemeindegrößen. Quelle:
eigene Darstellung auf der Basis von Daten des Bayerischen Landesamtes für Statistik
zung von mehreren Zielen in ein und derselben
Landschaft, und es wird eine Multifunktionali-
tät erzeugt: Klimaschutz wird kombiniert mit
Ernährungssicherung, dem Erhalt der biologi-
schen Vielfalt und von Ökosystemleistungen
und das möglichst unter Beibehaltung der Ei-
genart der Kulturlandschaften und auskömm-
licher wirtschaftlicher Nutzungsmöglichkei-
ten. Dabei spielen solidarische Prinzipien
eine wesentliche Rolle: alle Akteur*innen in
Verantwortung werden in Entscheidungspro-
zesse einbezogen, wobei Potenziale und Leis-
tungsfähigkeit ungleich verteilt sind, und eine
gerechte Verteilung von Lasten und Nutzen
angestrebt werden muss und die Teilhabe bzw.
Partizipation der Akteur*innen gewährleistet
sein muss (WBGU 2020: 40)
Solche Mehrfachnutzungsansätze sollen
nun an einigen Beispielen erläutert werden.
5.1 Integrierte Photovoltaik: Die Kombina-
tion von Energieerzeugung, Landwirtschaft
und Siedlungsentwicklung.
Photovoltaik gehört mittlerweile zu den kos-
tengünstigsten Formen der erneuerbaren Ener-
gieerzeugung. Die Stromentstehungskosten
sind in den letzten Jahren durch Skaleneffekte
im Rahmen der Ausweitung der Massenpro-
duktion von PV-Modulen deutlich gesunken
(Fraunhofer-ISE 2024a). Dies macht eine
umfangreiche Nutzung der PV möglich und
erleichtert die Kombination mit anderen Nut-
zungsformen. PV kann sowohl großflächig in
der Landschaft eingesetzt werden als auch in
Siedlungen integriert genutzt werden.
Dabei lässt sich PV hervorragend mit land-
wirtschaftlichen Nutzungsformen kombinieren
(Agri-PV). Ausreichend hoch aufgeständerte
PV-Module ermöglichen eine landwirtschaftli-
che Nutzung der Flächen darunter. Vertikal in
Zeilen errichtete PV-Module ermöglichen eine
landwirtschaftliche Nutzung in den Zwischen-
streifen. Semitransparente Module verringern
den Abschattungseffekt, sorgen für eine mo-
derate Abschattung und damit für eine Ver-
ringerung der Verdunstung bei Hitze und Son-
nenschein. Zudem schützen sie gegen Sturm,
Starkregen und Hagel. Bisher kommt Agri-PV
insbesondere bei Sonderkulturen (Obstbau)
zum Einsatz, wird aber immer stärker auch mit
Ackerbau kombinierbar. Dabei wird ablaufen-
des Regenwasser erfasst und zur Bewässerung
genutzt. Die Ernteverluste durch die Flächen-
bedarfe der PV-Anlage können durch die ener-
getische Nutzung kompensiert werden, was zu
einer steigenden Attraktivität für die Landwirt-
schaft führt. Photovoltaik auf Freiflächen kann
dadurch substanziell ausgebaut werden, ohne
wertvolle Ressourcen an fruchtbarem Acker-
boden nennenswert zu verringern. Durch ge-
zieltes Lichtmanagement können die Erträge
aus PV und Photosynthese optimiert werden.
Zusätzlich wird die Wertschöpfung in der Re-
gion und die ländliche Entwicklung gefördert,
da Agri-PV-Projekte prädestiniert dafür sind,
dezentral von Landwirten, Gemeinden sowie
klein- und mittelständischen Unternehmen
getragen zu werden und über finanzielle Be-
teiligungsmöglichkeiten die Bürgerschaft ein-
zubinden und die Akzeptanz zu erhöhen (vgl.
Fraunhofer-ISE 2024b).
Agri-PV-Nutzungsformen vereinen somit
Strategien des Klimaschutzes (Ausbau Er-
neuerbarer Energien) mit Strategien zur An-
passung an den Klimawandel (Abschattung,
Windschutz, Schutz gegen Starkniederschlä-
ge, Möglichkeiten zum Wassermanagement.
In der freien Fläche werden auch zuneh-
mend Einsatzfelder ermöglicht, die dazu bei-
tragen, Einnahmeverluste zu kompensieren,
die durch die Herausnahme von Flächen aus
der Nutzung bspw. im Falle der Wiederver-
nässung von Mooren oder als Extensivie-
rungsfläche (Weide, Biodiversitätsflächen wie
Blühwiesen) zur Wiederherstellung der Arten-
vielfalt entstehen. In Feuchtgebieten lassen
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
sich PV-Anlagen durch Ständer, die in den Bo-
den gerammt werden ohne Betonfundamente
und ohne größere Eingriffe leicht reversibel
errichten. Die Errichtung von Photovoltaik-
anlagen auf wiedervernässten Moorböden bei
gleichzeitiger Nutzung der Biomasse kann
durch direkte Energiegewinnung, Vermeidung
von Treibhausgasemissionen durch Wieder-
vernässung von Mooren und Bereitstellung
nachwachsender Ressourcen in Paludikultur
(s.u.) dreifach zum Klimaschutz beitragen und
gleichzeitig die Biodiversität fördern (Fraun-
hofer ISE 2025).
Auch im Siedlungs- und Verkehrswesen
kann PV eine synergetische Rolle spielen. Ne-
ben der Nutzung der Dachflächen von Häu-
sern oder Stellplätzen zur Installation von
PV-Anlagen, lassen sich diese auch in Fassa-
den integrieren oder zur Verschattung im öf-
fentlichen Raum nutzen. Dadurch lässt sich
nicht nur die erneuerbare Energieerzeugung
ausbauen, ohne zusätzliche Flächen zu bean-
spruchen. Es können zudem wertvolle kühlen-
de Effekte erzeugt werden, die den Hitzestress
reduzieren helfen.
5.2 Die Kombination der Regeneration der
Biosphäre mit Agrarproduktion: Agro-Forst
und Paludikulturen
Agroforstwirtschaft
bezeichnet
multifunk-
tionale Landnutzungssysteme, bei denen
landwirtschaftliche oder gärtnerische Kultur-
pflanzen zusammen mit Gehölzen auf ein und
derselben Bewirtschaftungsfläche angebaut
und genutzt werden. Dabei kann auch eine
Kombination mit Grünland bzw. der Nutztier-
haltung erfolgen (DeFAF 2025: 3). Da klassi-
sche Beispiel ist die Streuobstwiese, die eine
Kombination aus Obstanbau und Grünland-
nutzung darstellt.
Mit Agro-Forstsystemen sind zahlreiche
Chancen verbunden (vgl. Deutschen Fach-
verbands für Agroforstwirtschaft DeFAF;
Informationsseiten
unter
www.agrofrost.
info). So lassen sich positive Effekte für den
Arten- und Umweltschutz mit wirtschaftli-
chen Nutzungsformen verbinden. In land-
wirtschaftlich geprägten Regionen kann die
Struktur- und Habitatvielfalt erhöht werden,
da die Gehölzstrukturen und Saumbereiche
in Agroforst-Systemen für zahlreiche Pflan-
zen- und Tierarten einen wertvollen Lebens-
raum darstellen. Dies trägt nicht nur zur Er-
höhung der Biodiversität bei, sondern fördert
auch die Habitate von Nützlingen im Acker-
nahbereich und schafft Ruhe- bzw. Extensiv-
zonen in Agrarräumen, Rückzugsgebieten für
Wild (insbesondere Niederwild) und führt zu
einer Extensivierung der landwirtschaftlichen
Produktion. Zudem wird die Bodenerosion
durch Wind und Wasser vermindert und der
Stoffaustrag aus landwirtschaftlich genutzten
Flächen in Grund- und Oberflächengewässer
reduziert. Nicht zuletzt wird die Bodenfrucht-
barkeit durch stärker geschlossene Nährstoff-
kreisläufe und eine Humus-Anreicherung er-
höht. Es können positive Ertragseffekte und
eine höhere Ertragsstabilität aufgrund eines
verbesserten Mikroklimas (z.B. durch Wind-
schutzwirkung der Baumstreifen) erreicht
werden. Zudem eröffnet die nachhaltige Be-
reitstellung holzartiger Rohstoffe eine zusätz-
liche Einnahmequelle. Nachteile aus der Sicht
des Landwirts sind höhere Etablierungskos-
ten von Agroforst-Systemen im Vergleich zu
gewöhnlichen annuellen Kulturen und mög-
licherweise ein höherer Aufwand sowie hö-
here Kosten für die Bewirtschaftung. Zudem
kann eine langfristige Kapital- und Flächen-
bindung durch die vergleichsweise langsam
wachsenden Gehölze betriebswirtschaftlich
problematisch sein. Allerdings können diese
durch eine sorgfältige Planung sowie durch
eine fachgerechte Anlage und Bewirtschaf-
tung von Agroforstsystemen auf ein tolerables
Maß reduziert werden, so die Pro- und Cont-
88
ra-Abwägung des DeFAF (vgl. agroforst-info.
de/chancen/).
Besonders umstritten ist die Wiedervernäs-
sung von Mooren. Diese ist aus der Perspek-
tive des Klimaschutzes und der Artenvielfalt
eine enorm wirksame Mehrgewinnstrategie,
sie führt aber zu einer intensiven Veränderung
der Landschaft und ihrer Nutzungsmöglich-
keit. Wurde doch in den letzten Jahrzehnten
durch die Entwässerung der Moore vor allem
eine intensiv nutzbare landwirtschaftliche
Anbaufläche geschaffen, die durch eine Wie-
dervernässung nicht mehr als solche nutzbar
ist. Allerdings können auch wiedervernässte
Moorböden wirtschaftlich genutzt werden (vgl.
moorwissen.de/verwertungsoptionen.html):
„Paludikultur („Paludus“ = Sumpf; Moor) ist
ein Verfahren zur nassen Bewirtschaftung von
Mooren mit Torferhalt oder im Idealfall sogar
Torfbildung. Diese Bewirtschaftungsform ist
vorrangig auf degradierte, wiedervernässte
Moorböden ohne Schutzstatus ausgerichtet.
Zum Anbau eignen sich vor allem nachwach-
sende Rohstoffe wie Schilf, Röhricht, Groß-
seggenried, Torfmoose oder Schwarzerlen,
die als Substratrohstoff für den Gartenbau, als
Rohstoff für die Bau- und Möbelindustrie oder
als Energieträger verwertet werden können.
Zur schadlosen Ernte der Biomasse bedarf
es spezieller Maschinen, wie z.B. Kettenfahr-
zeugen. Neben der Vermeidung von Treibh-
ausgasen können potentiell auch bedrohte
Tierarten der Moore, wie z.B. der Seggenrohr-
sänger davon profitieren. Paludikultur kann
somit unter Umständen sowohl für die Land-
wirtschaft als auch für den Naturschutz neue
Ansätze der nassen Bewirtschaftung bzw. des
Managements von Mooren aufzeigen“ (bfn.
de/paludikultur). Noch steht eine thermische
Verwertung der Biomasse aus Paludikultur im
Zentrum, aber andere Nutzungsformen bspw.
als Baustoffe oder als Rohstoffe für die Bioöko-
nomie sind in Erprobung.
5.3 Klimapositives Bauen und flächenspa-
rende Siedlungsentwicklung
„30 % des CO₂-Ausstoßes, 40 % des Energiever-
brauchs, 50 % des Ressourcenverbrauchs, 60 %
des Abfallaufkommens und 70 % der Flächen-
versiegelung gehen auf den Bausektor zurück.“
(Messari-Becker 2023). Das Bauen trägt so in
hohem Maße zur Klimaerwärmung und zum
Ressourcenverbrauch bei. Daher sind nach-
haltige Lösungen sowohl beim Neubau als
auch beim Umgang mit dem Bestand erfor-
derlich. Eine Verlängerung der Nutzungsdau-
er von Gebäuden ist einem Abbruch immer
vorzuziehen. An dieser Stelle soll jedoch nicht
auf den komplexen Bereich der Gebäudesa-
nierung und des nachhaltigen Bestanderhalt
eingegangen werden (vgl. dazu Kaltenbrun-
ner 2025). Besonderes Interesse hinsichtlich
der Landnutzung und der multiplen Krisen
besteht in den Potenzialen klimapositiven
Bauens als Mehrgewinnstrategie. Klimapo-
sitives Bauen meint eine Form des Neubaus
von Gebäuden, die in der Summe über den
Lebenszyklus hinweg dauerhaft zu einer Spei-
cherung von Kohlenstoffen beitragen. Dazu
müssen vor allem nachwachsende Rohstoffe
zum Einsatz kommen, die dann über mehrere
Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte im Gebäu-
de gespeichert und dadurch dem natürlichen
Kohlenstoffkreislauf entzogen werden. Das
bedeutet vor allem die Verwendung von Holz
und Stroh als Baumaterial. Die Rohstoffe aus
Paludikulturen können dabei ein wichtiger
Baustein der „Bauwende“ sein, einer weiteren
Mehrgewinnstrategie, die u.a. auf die Umstel-
lung der verwendeten Baustoffe im Hochbau
hin zu nachwachsenden Rohstoffen setzt. Da-
bei eignen sich aus Paludikultur Insbesondere
Rohrkolben und Schilf sich als Baustoffe, die
neben der traditionellen Form der Dachein-
deckung (Reed-Dach) auch zu Dämmstoffen,
Formkörpern und Platten verarbeitet werden
können, die im Hausbau eingesetzt werden.
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Dadurch kann ein interessanter ökonomi-
scher Anreiz zur Wiedervernässung von Moo-
ren entstehen.
Die Verwendung von Holz als Konstruk-
tionsholz und Holzfasern als Dämmmateri-
al ist in der Bauwirtschaft bereits seit langer
Zeit verankert. Weniger populär ist das Bauen
mit Stroh. Stroh kann dabei als Dämmstoff
eingesetzt werden, in Form von Strohballen
aber auch als Baustoff. Strohballenbauten
versprechen ein ausgeglichenes Raumklima
insbesondere bei einer Lehmverputzung.
Stroh ist ein Abfallprodukt, denn ca. 20 %
des in der Landwirtschaft jährlich anfallen-
den Strohs werden nicht benötigt und könnte
für die Wärmedämmung von bis zu 350.000
Einfamilienhäusern sorgen (FNR 2024: 7).
Stroh ist regional verfügbar und ein jährlich
nachwachsendes Nebenprodukt des Getrei-
deanbaus mit minimalem Aufwand bei der
Ballenherstellung, die als Baumaterial Ver-
wendung finden. Es besteht folglich keine
Flächenkonkurrenz zum Anbau von Nah-
rungsmittelpflanzen. Bauen mit Stroh schützt
das Klima dreifach: durch CO2-Speicherung
beim Wachstum, durch minimale CO2-Emis-
sionen bei der Herstellung von Strohballen
und dank Vermeidung von CO2-Emissionen
durch Wärmedämmung im Gebäudebetrieb.
Gleichzeitig ist der Energieaufwand bei der
Herstellung eines konventionellen Massiv-
baus sehr gering, und es kann praktisch je-
der Wärmedämmstandard erreicht werden
(a.a.O.) Holz, Stroh und Lehm sind nach
Ende der Nutzungsdauer komplett weiterver-
wertbar.
In Verbindung mit dem Vorrang auf Nut-
zung von Bestandgebäuden lässt sich auf der
Basis einer suffizienzbasierten Wohnungspo-
litik die Notwendigkeit, Wohngebäude neu zu
errichten sehr stark reduzieren (vgl. Fürhop
2024). Wenn der Neubaubedarf dann vor al-
lem durch die Mobilisierung von Innenent-
wicklungspotenzialen (Baulücken, Nachver-
dichtung, Umnutzung) befriedigt werden
kann und in klimapositiver Bauweise mit regi-
onalen Materialien (Holz, Stroh, Lehm) statt-
findet, lässt sich ein weiterer Druck auf die
Fläche vermeiden und es lassen sich vor allem
soziale und ökologische Mehrgewinnpotenzi-
ale erschließen.
6 Neue Ansprüche an den Umgang mit Flä-
che erfordern neue Formen der Governance
Wesentliche Lösungsansätze zur Überwin-
dung der gesellschaftlichen Krisen planetaren
Ausmaßes finden, wie gezeigt, in einer Ver-
änderung der Flächennutzung ihren Nieder-
schlag. Dabei stößt man auf „gesellschaftliche
Dauerkontroversen“, die - wie in der Landwirt-
schaft - die Diskussion schon seit Jahrzehnten
bestimmen. Eine preisgünstige Erzeugung
von Nahrungsmitteln ist unter herrschenden
Marktbedingungen nur zu hohen – allerdings
externalisierten - gesellschaftlichen und öko-
logischen Kosten möglich. Eine Ökologisie-
rung der Produktion, die Durchsetzung einer
Ernährungsweise, die sich an der planetary
health diet orientiert und eine angemessene
Berücksichtigung des Tierwohls und der Bio-
diversität führen zu hohe Preisen, die auf den
Märkten nicht durchsetzbar sind und zu un-
erwünschten sozialen Nebenfolgen führen.
Zudem beeinflussen mächtige Lobbygruppen
aus der Agrarindustrie die politische und öf-
fentliche Meinungs- und Willensbildung und
versuchen ihre Interessen durchzusetzen.
Diese Kontroverse dürfe jedoch nicht auf dem
Rücken einer Akteursgruppe – der Landwirt-
schaft – ausgetragen werden (Heissenhu-
ber und Krämer 2023). Daher bedürfe es ei-
nes neuen Gesellschaftsvertrags, betreffend
die Landwirtschaft, in dem die Maßnahmen
zum Klimaschutz und zur Wiederherstellung
der Biodiversität sowie die Anpassung der
Landnutzung an den Klimawandel, die Si-
90
cherung der Fairness entlang der Wertschöp-
fungskette, die Etablierung von nachhaltigen
Konsummustern und die Ausweitung einer
gesamtheitlichen, systembezogenen Betrach-
tungsweise der Landnutzung und die Hono-
rierung der damit verbundenen Aufgaben
ausgehandelt werden soll (Heissenhuber
und Krämer 2023: 85). Auch bedeuten Ein-
griffe in die Form der Landnutzung zugunsten
des Allgemeinwohls immer sofort Eingriffe
in Freiheitsrechte in Bezug auf die Verfügung
und Verwertung von Eigentum.
Die Veränderung von Landnutzung ist mit
Verlustängsten und tatsächliche Verlusten
verbunden. Daher stellt sich die Frage, wie Ge-
winne und Verluste fair ausgehandelt werden
können und die mit der Landnutzungstrans-
formation einhergehenden Transformations-
konflikte bearbeitbar bleiben (Wintergerst
2024). Die Aufgabe des Pfadwechsels kann
nicht Betrieben und einzelnen Akteuren auf-
gebürdet werden. Es bedarf vielmehr der Fä-
higkeit vieler Akteure, in Landschaften zu
denken und sich mit Landschaften zu verbin-
den, um einen „mental shift“ in Sachen Land-
nutzung zu bewerkstelligen (a.a.O: 4).
Damit Mehrgewinnstrategien verfolgt und
Mehrfachnutzungen erreicht werden können,
bedarf es folglich neuer Formen der Gover-
nance im Sinne neuer sozialer Werkzeuge für
die Gestaltung der sozial-ökologischen Trans-
formation der Landnutzung. Wintergerst
(2024) unterscheidet dabei drei Ebenen: die
Ebene der Gesetze und politischen Vorgaben,
die institutionelle Ebene der Aushandlung der
Landnutzung im konkreten Landschaftsraum
und die Ebene der Gestaltung von Kommuni-
kation (a.a.O. :1) wobei eine Vertrautheit mit
affektiven Implikationen von Transformati-
onsprozessen auf allen Ebenen erforderlich
ist, damit Konflikte aushandelbar gehalten
und das Gemeinsame zum Tragen gebracht
werden kann.
6.1 Politische Zielvorgaben
Eine Transformation der Landnutzungsmodi
braucht eine politische Regulierung, die klare
Zielvorgaben definiert und diese auch konse-
quent verfolgt. Zudem sind neben der notwen-
digen Gesetzgebung, Förderprogramme und
Finanzierungspläne unverzichtbare Werkzeu-
ge für die sozial-ökologische Transformation
der Landnutzung, um Reduktionsziele, Nut-
zungsbegrenzungen und Nutzungsänderun-
gen durchzusetzen. Dabei muss die Politik
Nachhaltigkeitsziele entschieden unterstützen
und die mit ihnen verbundene Langfristorien-
tierung gegen kurzfristige Interessen durchset-
zen. Insbesondere die Klimaziele des Pariser
Klimaabkommens von 2015 und die Ziele der
UN Konvention zur Sicherung der Biodiversi-
tät müssen in klare zielführende Handlungs-
programme und verbindliche quantifizierbare
Zielsetzungen übersetzt werden, die subnatio-
nal in räumliche Strategien und Konzepte he-
runter gebrochen werden können und einen
klaren Orientierungsrahmen für das Handeln
vor Ort ergeben. Dabei kann die Landes- und
Regionalplanung eine wichtige Rolle spielen
(vgl. ARL 2024). Auf der Ebene der EU gilt es,
insbesondere in der gemeinsamen Agrarpo-
litik GAP die sog. zweite Säule zu Lasten der
pauschalen Flächenprämien zum zentralen
Finanzierung- und Lenkungsinstrument zu
entwickeln und die Gemeinwohl- und Öko-
systemleistungen der Landwirtschaft ange-
messen zu honorieren. Zudem müssen Wege
gefunden werden, die externalisierten Kosten
der derzeitigen Nahrungsmittelproduktion zu
berechnen und zu internalisieren. Wenn die
Degradierung der Böden, die Übernutzung
von Ökosystemen und die gesundheitlichen
Folgen einer industriellen Nahrungsmittelpro-
duktion als Kostenfaktoren in der betrieblichen
Rechnungslegung wirksam werden, entstehen
unternehmerische Anreize zur Ökologisierung
der Produktion.
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
91
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Der WBGU (2020) schlägt in seinem Hauptgut-
achten zur Agrarwende vor, die GAP zu einer
Gemeinsamen Ökosystempolitik (GÖP) weiter
zu entwickeln (2020: 8). Denn innerhalb der
EU würden nicht nur Gelder für die Ökologi-
sierung der Landwirtschaft benötigt, sondern
auch für nachhaltige Forstwirtschaft, zum Auf-
und Ausbau von Schutzgebietssystemen, zur
Renaturierung von Ökosystemen und gege-
benenfalls zum Ausbau weiterer landbasierter
Ansätze der CO2-Entfernung sowie für weitere
Ziele, die Auswirkungen auf Qualität, Schutz
und Nutzung von Landflächen haben. Die EU
solle darüber hinaus für die Reduktion des
Ressourcenverbrauchs analog zur Klimapo-
litik quantifizierte Ziele setzen und die Kreis-
laufwirtschaft daran ausrichten. Ein Teilziel
sollte dabei die Biomassenutzung begrenzen
und Nachhaltigkeitsstandards, wie sie schon
für die Förderung von Bioenergie und Biokraft-
stoffen gelten, auf weitere Biomassenutzungen
ausdehnen.
Eine wesentliche Rolle bei der rechtlichen
Rahmensetzung ist die Ermöglichung von
Mehrfachnutzungen. Mehrfachnutzungen wie
Agri-PV oder Agroforstysteme führen zu Multi-
codierung von Flächen. Eine solche Multicodie-
rung ist aber in vielen Regulierungssystemen
nicht vorgesehen (bspw. bei der Flächenwid-
mung im BauGB oder in der ersten Säule der
EU-GAP).
Gesetzliche Rahmensetzungen alleine er-
zeugen jedoch noch keine passfähigen Lö-
sungen für die konkrete Transformation der
Landnutzung vor Ort. „Dass und wie regionale
Akteure in Landschaften denken und handeln,
lässt sich nicht verordnen, kann aber durch
einen entsprechenden Rahmen angeregt wer-
den. Es gilt „darüber hinaus, den Raum zu
eröffnen, in dem regionales Wissen einfließen
kann, und in denen Akteure ihr Handeln auf-
einander abstimmten können“ (Wintergerst
2024).
Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass transfor-
matives Handeln weit über Landnutzungsän-
derungen hinausgehen muss, auch wenn es
enge Verbindungen gibt. Eine Umstellung von
Baumaterialien auf nachwachsende Rohstof-
fe erfordert eine Veränderung der Baukultur
und von Strukturen in der Bauwirtschaft. Die
Umstellung auf biogene Rohstoffe für die In-
dustrieproduktion ist dann erfolgreich, wenn
gleichzeitig die Materialbedarfe für Produk-
tion und Konsum drastisch reduziert werden
können. Dies bedeutet die Durchsetzung einer
suffizient(er)en Lebensweise und von Prin-
zipien der Kreislaufwirtschaft inklusive der
Nutzungsdauerverlängerung von Konsum-
produkten, nachhaltigen Produktdesign und
Sharing-Modellen (Nutzen statt Besitzen) in
möglichst allen Bereichen. Ebenso wie eine
Veränderung der Nahrungsmittelproduktion,
um Flächenbedarfe zu reduzieren, eine Verän-
derung der Ernährungsmuster erfordert hin zu
einer planetary health diet. Somit wird – neben
der Transformation der Landnutzung – die
Transformation der ökonomischen und sozio-
kulturellen Muster in Produktion und Konsum
notwendig, die ebenfalls mit Verlustängsten
und tatsächliche Verlusten verbunden sind
und die sensible Formen der Aushandlung be-
dürfen.
6.2 Institutionen zur konkreten Aushand-
lung von Landnutzung im Klimawandel
Bisher gibt es keine gesellschaftlichen Insti-
tutionen zur systemischen Gestaltung und
Aushandlung von konkreten Maßnahmen
und Schritten einer transformativen Land-
nutzung und ihrer Grundlagen vor Ort und in
den Regionen. Einige interessante Ansätze fin-
den sich vor allem in der ländlichen Entwick-
lung (ländliche Entwicklung in Bayern siehe:
https://www.stmelf.bayern.de/landentwick-
lung/index.html), die in ihren Instrumenten
auf partizipative Ansätze setzt (Dorferneue-
92
rung, intergierte ländliche Entwicklung) und
auch Berührungspunkte zu einer Transforma-
tion der Landnutzung aufweist. Insbesondere
bei der ökonomischen Bewertung von Flächen
und der Kompensation von Nutzungsänderun-
gen kann auf die Erfahrungen der Bodenord-
nung zurückgegriffen werden, die mit neuen
Instrumenten in Richtung Klimaschutz (Klima-
Chancen) und Anpassung an den Klimawandel
weiter entwickelt werden (z. B. boden:ständig,
Ökomodellregionen, Schwammregionen) und
Biodiversität gefördert wird (Land.belebt).
Auch gibt es Ansätze, Pioniere des Wandels zu
fördern, die alternative Wirtschafts- und Kon-
sumpraktiken erproben und den Wandel vorle-
ben und soziale und technologische Innovatio-
nen anstoßen (HeimatUnternehmen).
Was jedoch fehlt sind dauerhaft angelegt und
langlebige Institutionen, die geeignet sein müs-
sen, gemeinsam bestimmte Grenzen verbind-
lich festzulegen, möglichst tragfähige Lösun-
gen miteinander auszuhandeln und auch die
Umsetzung und Einhaltung zu gewährleisten.
Langlebige Institutionen zeichnen sich dadurch
aus, dass sie eine Kongruenz zwischen den
Aneignungsregeln, den Bereitstellungsregeln
mit den lokalen Bedingungen herstellen und
Arrangements bilden für kollektive Entschei-
dungen, zu denen auch ein Monitoring über
die Regeleinhaltung gehört sowie abgestufte
Sanktionen und Konfliktlösungsmechanismen.
Dieses Organisationsrecht der Institutionen
muss anerkannt werden und in diese Instituti-
onen können Unternehmen eingebettet sein.
Diese Institutionen modellieren die bestehen-
de Interdependenz zwischen den Akteuren und
schaffen ein handlungsfähiges Wir. So können
sie Gestaltungsaufgaben übernehmen, die über
die Möglichkeiten von Gesetzen und Vorgaben
hinausgehen. (Wintergerst 2024)
Damit ist einer der zentralen Aufgaben be-
schrieben: auf der Basis bestehender Erfahrun-
gen und Anknüpfungsmöglichkeiten an beste-
hende bewährte Institutionen müssen diese
weiterentwickelt und befähigt werden, ganz-
heitliche Perspektiven auf Landnutzung und
die dahinterstehenden ökonomischen Logiken
und gesellschaftlichen Handlungsmustern ein-
zunehmen und systemische Lösungsansätze
zu entwickeln und zu vereinbaren. Dazu soll-
ten Institutionen der Landwirtschaftspolitik,
der ländlichen Entwicklung, des Umwelt- und
Naturschutzes, der regionalen Entwicklung
und Wirtschaftsförderung, der Raumplanung
und der Siedlungsentwicklung geschickt mit-
einander verbunden werden. Die Ausweisung
regionaler Transformationsräume und die Er-
arbeitung regionaler Transformationskonzepte
moderiert durch die Regionalplanung könnte
dabei ein sinnvoller und vielversprechender
Weg sein (vgl. ARL 2024). Gute Erfahrungen
wurden auch in Forschungsprojekten gesam-
melt, die sich mit dem Aufbau und dem Betrieb
regionaler Transformationsagenturen befasst
haben und gezeigt haben, dass mit geeigneten
Unterstützungsstrukturen
Veränderungspro-
zesse auf regionaler Ebene erfolgreich initiiert
und begleitet werden können (RegioTrans-
form-Projektreihe mit Förderung des Baye-
rischen Umweltministeriums StMLUV; vgl.
Miosga et.al. 2023, s. www.forum1punkt5.de).
6.3 Konsentorientierte Kommunikationsme-
thoden
Wintergerst wirft zudem die Frage auf, welche
Methoden der Bewusstseinsbildung und der
Entscheidungsfindung nötig sind, um den ge-
sellschaftlichen Diskurs über Landnutzung im
Klimawandel handlungsorientiert zu führen.
Damit der Pfadwechsel gelingt, benötigt es
eine mentale Verbundenheit mit Landschaf-
ten. Im Sinne des schon geforderten Land-
schaftsvertrags ist eine gesellschaftliche Ausei-
nandersetzung zur Frage gefordert, in welchen
Landschaften wir leben wollen.
Dabei sei mit affektiven Implikationen zu
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
93
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
rechnen: „Nötig sind Kompetenzen im Ver-
ständnis der sozialen Prozesse der Transfor-
mation und die Fähigkeit, mit den Affekten,
die Pfadwechsel mit sich bringen, umgehen zu
können. Zu diesen Kompetenzen hinzutreten
muss eine verbindliche und transparente Kom-
munikation, die Überzeugungsarbeit auch im
Einzelfall nicht scheut und so bemüht ist, in
den Verfahren der Umsteuerung das nötige Ver-
trauen für Transformationsprozesse zu recht-
fertigen. Hier lassen sich Organisationsentwick-
lungsmethoden anführen, die zum Ziel haben,
systematisch alle Beteiligte einzubinden, eine
polarisierte Diskussionskultur zu überwinden
und miteinander Schritt für Schritt handlungs-
fähig zu werden und zu bleiben. Dabei wird
beispielsweise in der Soziokratie vom Konsent
gesprochen, nicht vom Konsens. Ein Konsent
bezeichnet das Fehlen, schwerwiegender und
begründeter Einwände im Hinblick auf die
nächsten Schritte auf ein gemeinsames Ziel zu.
Auch diese Organisationsmethoden sollen die
Fähigkeit zur Selbstverwaltung stärken (…).“
(Wintergerst 2024: 5).
Ein interessantes Format sind dabei sog.
„Landschaftsspaziergänge“, die es in zwei er-
probten Formen gibt: als „öffentliche Spa-
ziergänge“ und als „Akteur-Spaziergänge.“
Währende Erstere das Bewusstsein über die
Bedeutung und auch die Schönheit von Land-
schaften wecken möchten, dienen Zweitere
verstärkt als Werkzeuge für Kooperation. In
diese Akteur-Landschaftsspaziergänge wer-
den unterschiedliche Akteure mit verschiede-
nen Perspektiven und Positionen in der kon-
kreten Landschaft zusammengebracht, zum
Beispiel Akteure aus der Landwirtschaft und
aus dem Naturschutz. Diese Akteur-Land-
schaftsspaziergänge sind sorgfältig arrangierte
Möglichkeiten zur Aushandlung des Umgangs
mit Landschaft, in denen auf Augenhöhe und
unter Erleben der Landschaft Handlungsmög-
lichkeiten zum Landschaftsschutz entwickelt
werden. Diesem Format liegt die Annahme zu
Grunde, dass in der Landschaft bessere Dialo-
ge als „am Tisch“ möglich werden (ebd.), denn
ein kollektiver Handlungsspielraum vor Ort ist
nicht einfach vorhanden. Er wird geöffnet, ge-
pflegt, erweitert und aktiviert.
Wintergerst beschreibt damit am Beispiel
der Transformation der Landnutzung Werk-
zeuge, die interessante Inspirationen auch für
die Gestaltung von Transformationsprozessen
in den „vorgelagerten“ Bereichen der Bioöko-
nomie, der Bauwende und der Ernährungs-
wende uam. haben. Transformationsprozes-
se müssen sensibel initiiert, organisiert und
kommunikativ sowie moderierend begleitet
werden. Dies zu gestalten ist eine gesellschaft-
liche Aufgabe, die die lokale Ebene ebenso
betrifft wie die regionale und nationale. Ohne
eine klare, robuste und resiliente institutio-
nelle und kommunikative sowie partizipative
Gestaltung, kann der gesellschaftliche Lern-
prozess „Transformation“ nicht erfolgreich
gestaltet werden.
94
Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
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Miosga
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
98
Autor:
Prof. Dr. Manfred Miosga Dipl.-Geograph
Universität Bayreuth, Stadt- und Regionalentwicklung
E-Mail: manfred.miosga@uni-bayreuth.de
Die Planung und Durchführung von Outdoo-
raktivitäten erfolgt überwiegend mit Unter-
stützung digitaler Planungs- und Navigati-
onsapps (Arts et al. 2021, Schwietering et
al. 2024a), welche es Nutzerinnen und Nut-
zern ermöglichen, eigene Tourenvorschläge
zu teilen (Schwietering et al. 2024b). In
Deutschland verbreitete Beispiele dafür sind
die Outdoorplattformen Komoot oder Out-
dooractive. Das Auseinandersetzen mit der
Funktion und den zugrundeliegenden Da-
tenstrukturen lohnt sich in vielerlei Hinsicht,
insbesondere auch im Kontext der Lehre in
Schule und Studium (vgl. Hennig und Vog-
ler 2011). Outdoorplattformen (synonym:
Outdoor-Apps) nutzen oft Kartenmaterial
zur Navigation, welches, ähnlich wie bei Wi-
kipedia, durch die offene Zusammenarbeit
von einer Vielzahl an Freiwilligen entstan-
den ist und von jeder Person erstellt, geteilt
und kontinuierlich verändert werden kann
(OpenStreetMap; Brückner et al. 2021).
Neben der durch Freiwillige ständig verbes-
serten Kartengrundlage teilen die meisten
Outdoorplattformen Routenvorschläge ihrer
Nutzenden oder erstellen eigene Navigations-
empfehlungen, die auf Empfehlungen und
häufigen Bewegungsmustern der Nutzenden
basieren (Schwietering et al. 2024b, Abbil-
dung 1). Aus wirtschaftlicher und Nutzungs-
Perspektive ist die Bedeutung als Social Media
Plattformen nicht unerheblich, da Nutzerin-
nen und Nutzer Inhalte erstellen, teilen und
gegenseitig kommentieren (Kaplan & Haen-
lein 2010). Diese Vielschichtigkeit bietet in
der Lehre attraktive Anknüpfungspunkte, um
digitale und mediale Kompetenzen zu entwi-
ckeln, und den reflektierten Umgang mit nut-
zergenerierten Daten auszubilden. Auch das
Geschäftsmodell, auf welchem Outdoorplatt-
formen operieren, ist beispielhaft für die Mög-
lichkeiten digitaler Anwendungen, moderner
Wirtschaftsphänomene und der Globalisie-
rung. Zusätzlich bewirkt die Auseinanderset-
zung mit Outdoorplattformen eine Reflektion
über reale Auswirkungen von digitalem Ver-
halten, indem mit guten Absichten geteilte
Informationen Bewegungsmuster und lokale
Aushandlungsprozesse beeinflussen und er-
hebliche, zum Teil negative, Auswirkungen für
Tourismus (z.B. Overcrowding), Naturschutz
(z.B. Missachtung des Wegegebotes in Natur-
schutzgebieten) oder die Handlungsmöglich-
keiten staatlicher Akteure haben können (Job
et al. 2016, Rosdorff und Kriewald 2022).
Beispielsweise verstoßen etwa 15% der Wan-
derrouten und 30% der Fahrradrouten, wel-
che über Outdoorplattformen im National-
park Bayerischer Wald geteilt werden, gegen
lokale Regelungen (Zink et al. 2024).
1 Wie funktionieren Outdoorplattformen
Aus Nutzerperspektive bieten Outdoorplattfor-
men eine weitreichende Unterstützung bei der
Planung und Durchführung von Outdoorakti-
vitäten (Schwietering et al. 2024b). Nutzen-
de werden durch Tourenvorschläge inspiriert
und können bei der Planung und Navigation
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 99-108
99
Digitale Tourenplanung im Spannungsfeld von
Teilhabe und Naturschutz
Manuel Steinbauer & Arne Schwietering
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
auf interaktive Karten, Routen und weitere In-
formationen zugreifen. Die Navigation erfolgt
mit GPS-Unterstützung, was eine präzise Ori-
entierung ermöglicht. Touren können auf das
Smartphone heruntergeladen werden oder es
kann in Echtzeit mit Internetverbindung navi-
giert und flexibel umgeplant werden. Zudem
können Nutzende eigene Tourenvorschläge
teilen und bestehende Routen oder Wegpunk-
te mit Fotos, Bewertungen und Kommentaren
bereichern. Abhängig von der Ausrichtung
der Outdoorplattform werden Zusatzinfor-
mationen wie Schwierigkeitsgrade, Wetterbe-
dingungen und interessante Orte (Points of
interest; POIs) zur Verfügung gestellt. Dabei
unterscheiden sich Fokus und Interaktions-
möglichkeiten für Nutzende zwischen Out-
doorplattformen. Während einige Plattformen
über Funktionen wie Bestzeiten in Strecken-
abschnitten Möglichkeiten zum Leistungsver-
gleich bieten (z.B. Strava), zielen andere auf
möglichst niederschwellige Tourenvorschläge
(z.B. Komoot, AllTrails) ab oder bieten ziel-
gruppenoptimierte Zusatzinformationen wie
Schneehöhen oder Lawinengefahrenkarten
(z.B. Outdooractive/Alpenvereinaktiv).
Viele Outdoorplattformen haben sich aus
analogen Kartendiensten entwickelt oder
100
Abbildung 1: Outdoorplattformen unterstützen die Planung und Durchführung von Freizeitaktivi-
täten in der Natur. Navigationsempfehlungen erfolgen oft über die frei zugängliche Kartengrund-
lage OpenStreetMap und basierend auf Touren, Empfehlungen und häufigen Bewegungsmustern
der Nutzenden.
sind als Start-Ups entstanden (z.B. Alltrails
im Jahr 2010, Komoot im Jahr 2010) und ver-
fügen heute über mehrere Hundert Mitarbei-
terinnen und Mitarbeiter. Eine Finanzierung
erfolgt meist über die Nutzenden (Abo-Mo-
delle), wobei die meisten Geschäftsmodelle
ein Freemium-Modell beinhalten, bei de-
nen Basisfunktionen kostenlos und erwei-
terte Funktionen kostenpflichtig verfügbar
sind. Einige Plattformen erzielen zusätzliche
Einnahmen über Partnerschaften mit Tou-
rismusdestinationen oder Destinationsver-
waltungen. Beispielsweise wird die Plattform
Alpenvereinaktiv des Deutschen Alpenver-
eins von Outdooractive betrieben.
Outdoorplattformen funktionieren durch
die Integration von Kartenmaterial, Nutzer-
feedback und Echtzeitdaten. Die Entstehung
der Outdoorplattformen bzw. ihre heutige
Reichweite wurde daher in vielen Fällen durch
die kostenfreie Verfügbarkeit der sehr umfang-
reichen Kartengrundlage von OpenStreetMap
ermöglicht, die meist durch andere Geodaten
ergänzt wird. Die Nutzung von OpenStreet-
Map erlaubt es den Outdoorplattformen ihre
Dienste auch über Ländergrenzen hinweg
anzubieten. So ist es selbstverständlich, dass
die für den tschechischen Markt entwickel-
te Plattform Mapy.cz oder die anfangs auf
Deutschland fokussierte Outdoorplattformen
wie Komoot oder Outdooractive auch Touren-
empfehlungen in anderen Ländern zur Verfü-
gung stellen.
2 Wie funktioniert die Kartengrundlage
OpenStreetMap
OpenStreetMap ist ein frei zugängliches Kar-
tenprojekt, welches von Freiwilligen zusam-
mengestellt und gepflegt wird. Ähnlich wie bei
Wikipedia handelt es sich um einen dezentral
organisierten Datenbestand, den alle nutzen
und mitgestalten können (OpenStreetMap
contributors 2025). Nach gemeinsam entwi-
ckelten Regeln kartieren, erstellen, bearbeiten
und löschen Nutzerinnen und Nutzern nicht
nur sichtbare Elemente der Landschaft wie
Wege oder Gebäude, sondern auch abstrak-
tere Informationen wie Landesgrenzen oder
Schutzgebietszonen (Schwietering et al.
2024b). Aufgrund der großen Anzahl an aktiv
beitragenden Personen hat die Kartengrund-
lage von OpenStreetMap in vielen Gebieten
eine sehr hohe Qualität erreicht, teils mit um-
fangreicheren Informationen als das bei amt-
lichen Karten der Fall ist (Arsanjani et al.
2015). Aufgrund der freien Verfügbarkeit wird
OpenStreetMap nicht nur von Outdoorplatt-
formen, sondern für sehr unterschiedliche
Anwendungen von Verkehrsnavigation (z.B.
OsmAnd) bis hin zur Kartendarstellung (z.B.
Meta/Facebook) genutzt.
Probieren Sie es selbst: Jeder kann in Open-
StreetMap mit wenigen Klicks Kartenobjekte
bearbeiten oder ergänzen (www.openstreet-
map.de/beitragen). Änderungen, wie neue
Wege oder korrigierte Benennungen, werden
mit etwas Zeitversatz in allen Anwendungen
sichtbar, welche die Kartengrundlage verwen-
den. Es kann ein echtes Aha-Erlebnis sein, zu
erleben, wie persönliche Änderungen direkte
Konsequenzen haben. Wenn z.B. von Schülern
oder Studentinnen neu eingetragene Bushal-
testellen oder Fahrradständer in ihrer Naviga-
tions-App dargestellt werden. Oder ein für Rad-
fahren als gesperrt markierter Weg nicht mehr
von Outdoorplatform wie Komoot zur Naviga-
tion und damit nicht mehr von einer Vielzahl
von Menschen zur Fortbewegung genutzt wird
(Abbildung 2). Gewinnbringend ist auch zu
reflektieren, wie es der Gemeinschaft von Frei-
willigen gelingt, Fehler schnell zu beheben und
digitalen Vandalismus zu verhindern, und so
eine hohe Qualität der Daten sicherzustellen.
Überraschen mag hingegen, dass es trotz der
globalen Kartengrundlage räumliche Schwer-
punkte in der Verbreitung von Outdoorplatt-
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
101
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
formen gibt. Im deutschsprachigen Raum sind
beispielsweise Komoot, Outdooractive und
Bergfex weit verbreitet, während Alltrails, Wi-
kiloc und Strava in anderen Ländern mehr An-
wendung finden (Schwietering et al. 2024a).
Abschätzen können Sie dies auch selbst durch
eine eigene Abfrage bei Google Trends (Abbil-
dung 3). Vor diesem Hintergrund spannend ist,
dass Nutzerinnen und Nutzer „ihre“ Outdoor-
plattform auch im Nachbarland zur Navigation
nutzen, obwohl sie dort vielleicht nicht so ver-
breitet ist.
3 Probleme wahrnehmen und lösen
Nutzerinnen und Nutzer schätzen Outdoor-
Apps nicht nur wegen der meist zuverlässi-
gen Navigation, sondern auch, weil sie damit
Touren und Zusatzinformationen finden kön-
nen, die ihren Wünschen und Bedürfnissen
entsprechen. Weniger bewusst ist vielen Nut-
zenden dabei, dass von anderen Nutzenden
geteilte Touren- oder Destinationshinweise
(POIs) in vielen Fällen nicht durch die Platt-
formen geprüft werden. Wenn Sie selbst häu-
fig Outdoor-Apps nutzen, haben Sie vielleicht
schon einmal erlebt, wie diese gelegentlich
auf ungeeignete Wege oder über gesperrten
Privatgrund navigieren. Gerade im Gebirge
kann dies zu kritischen Gefahrensituationen
führen, wie der notwendigen Rettung von drei
Schulklassen von einer als „Feierabendrunde“
beschriebenen Route mit hoher technischer
102
Abbildung 2: Bearbeitungsoberfläche (Editor) von OpenStreetMap (openstreetmap.org), hier am
Beispiel des Botanischen Gartens der Universität Bayreuth. Quelle: OpenStreetMap contributors
(2025).
Schwierigkeit (ORF 2022), oder der Rettung
von zwei Jugendlichen an der Zugspitze, wel-
che auf die in der App fälschlich angegebenen
Aufstiegszeit von drei Stunden (statt eigent-
lich acht Stunden) vertrauten (Bromberger
2018). Häufig sind es allerdings nicht nur die
Navigierenden selbst, die die Konsequenzen
fehlerhafter Navigation durch Outdoor-Apps
tragen. Bauern und Waldbesitzer klagen über
das plötzliche Auftauchen von Personen auf
wenig begangenen Wegen oder neu entstan-
dene Abkürzungen über Wiesen und Felder.
Neben diesen betroffenen Privatpersonen,
stellt die Durchsetzung des Wegegebots in
Naturschutzgebieten die Verwaltung vor er-
heblichen Mehraufwand mit entsprechenden
Kosten für die Gesellschaft (Rosdorff und
Kriewald 2022, Zink et al. 2024). Es greift
aber zu kurz, den Grund für die manchmal
fehlerhafte Navigation allein bei Outdoorplatt-
formen zu suchen, wenngleich sie einen Teil
der Verantwortung tragen. In vielen Fällen lie-
gen rechtlich geltende Betretungsregeln oder
Wegsperrungen nicht als digitale Information
vor. So sind beispielsweise die Grenzen von
Naturschutzgebieten zentral erfasst und di-
gital zugänglich, die in den Schutzgebieten
geltenden Regeln unterscheiden sich aber
erheblich. Ersichtlich ist dies meist über die
Beschilderung vor Ort oder aus den Schutz-
gebietsverordnungen, welche z.B. durch die
Landratsämter erlassen werden (siehe dazu
die Initiative: digitizetheplanet.org und
Schwietering et al. 2024b). Die meisten
Plattformen, insbesondere auch solche, die
nicht in Deutschland ansässig sind, verlassen
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
103
Abbildung 3: Outdoor-Apps werden über Landesgrenzen hinweg genutzt, haben aber räumliche
Schwerpunkte der App-Nutzung. Hier dargestellt ist die Häufigkeit der Suche nach „AllTrails“ (blau),
„Komoot“ (gelb) und „Mapy.cz“ (rot) nach Ländern in der Suchmaschine Google (Angepasste Dar-
stellung eines Kartenausschnitts). Die Länder sind jeweils nach dem am häufigsten gesuchten Be-
griff gefärbt. Sie können diese oder eine ähnliche Darstellung mit wenigen Klicks auf trends.google.
de/trend reproduzieren. Testen Sie gerne andere Apps wie Strava oder Outdooractive. Dargestellt
ist das Suchergebnis vom 05.05.2025 für die letzten 12 Monate mit Daten von Google (2025).
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
sich folglich bei der Navigation weitgehend
auf die Kartengrundlage von OpenStreetMap.
Allerdings ist nicht jeder Weg oder Trampel-
pfad, der von Freiwilligen in OpenStreetMap
eingetragen wurde, für Personen- oder Rad-
verkehr vorgesehen und nicht alle Wege, auf
denen das Radfahren verboten ist, sind auf
OpenStreetMap mit der entsprechenden In-
formation versehen. So werden diese Wege
bei möglichen Tourenempfehlungen in den
Plattformen aufgrund fehlender Informati-
onen ebenso berücksichtigt. Mit Ortskennt-
nis und entsprechendem Wissen lassen sich
derartige Probleme oft einfach lösen. Um so
wichtiger ist es die entsprechenden digitalen
Kompetenzen aufzubauen.
4 Anwendungsbeispiel: Outdoorplattfor-
men und Naturschutz
Naturschutzregeln bieten einen möglichen
Anknüpfungspunkt, um die digitale Abbil-
dung von Regeln zu verstehen und aktiv mit-
zugestalten. Es ist für Nutzerinnen und Nutzer
oft schwer zu erkennen, welche Touren natur-
schutzkonform sind und welche gegen gelten-
des Naturschutzrecht verstoßen. Daher laden
leider viele Tourenbeschreibungen dazu ein,
Naturschutzrecht zu brechen (Job et al. 2016,
Schwietering et al. 2024b) und die digitale
Tourenplanung führt häufig zu Regelverlet-
zungen, wie der Nutzung informeller Pfade
oder Bewegungen abseits der Wege (Zink et
al. 2024). Diese Aktivitäten bergen das Risi-
ko, empfindliche Ökosysteme zu stören und
Schäden an geschützter Flora und Fauna zu
verursachen (Kuwaczka et al. 2023). Gera-
de mit Ortskenntnis kann jedoch jeder helfen
Naturschutzrecht für Outdoorplattformen zu-
gänglich zu machen, indem Regelhaftigkeiten
in OpenStreetMap überprüft und aktualisiert
werden. Dies umfasst die Überprüfung, ob
Schutzgebiete korrekt angelegt sind und in-
formelle Wege und Steige in den geschützten
Bereichen als gesperrt gekennzeichnet sind.
Unterstützung bietet der gemeinnützige Ver-
ein Digitize the Planet, indem er eine interak-
tive Eingabemaske bereitstellt, die dabei hilft,
komplexe Inhalte digital umzusetzen (digiti-
zetheplanet.org/dateneingabe).
Die Auseinandersetzung mit Naturschutz-
gebieten und Outdoorsport im Zusammen-
hang mit Outdoorplattformen fördert nicht
nur die Fähigkeit Raumnutzung und digitale
Anwendungen zu verbinden. Zusätzlich ver-
deutlicht sie, dass Naturschutz sportliche Ak-
tivitäten kaum einschränkt, sondern oft dazu
beiträgt, die Landschaftselemente zu schüt-
zen, die die Qualität des Outdoorsports aus-
machen. So betrifft das Erhaltungsgebot der
meisten Schutzgebiete (z.B. FFH-Gebiete)
vor allem die Land- und Forstwirtschaft. Die
Nutzung für Erholungsaktivitäten ist hingegen
gewährleistet und sogar gewünscht, in Bayern
beispielsweise wird sie durch die Verfassung
geschützt. Eindrücklich sichtbar wird die ge-
ringe Zahl und Fläche streng geschützter Na-
turschutzgebiete z.B. über die Darstellung im
Bayernatlas (Bayernatlas -> Thema Umwelt
und Naturgefahren -> Natur -> Naturschutz-
gebiete). In diesen wenigen, explizit für den
Erhalt der Natur geschützten Gebieten müs-
sen Besuchende meist auf den Wegen bleiben.
Diese Naturschutzgebiete bieten sich daher
an, um die Vollständigkeit von OpenStreet-
Map zu prüfen.
5 Anwendungsbeispiel: Mountainbiken
Ein weiteres, gerade für junge Menschen sehr
attraktives Beispiel, um sich mit Digitalisie-
rung und Raumnutzung zu beschäftigen ist das
Mountainbiken. Über die letzten Jahre hat sich
das Mountainbiken zu einer der beliebtesten
Sportarten entwickelt. Mit einer Zunahme an
E-Bikes steigt die zurückgelegte Streckenlänge
zusätzlich (Mitterwallner et al. 2021). Bei
Mountainbikenden besonders beliebt sind na-
104
turbelassene, schmale Pfade („Trails“, Camp-
bell et al. 2021), welche häufig in der Nähe
des Wohnorts befahren werden (Arvidsen et
al. 2023). Da der Bedarf für Mountainbiken
oft nicht durch Infrastruktur (wie Bikeparks)
gedeckt ist, werden vielerorts neue Strecken
angelegt (Schuster et al. 2023). Die entste-
henden neue Routen (oft als illegale Trails
bezeichnet), führen zu vielfältigen Konflikten,
welche nicht zuletzt auf fehlendem Wissen um
Haftungssituationen auf Seiten der Fläche-
neigentümerinnen basieren (Schmitt et al.
2023). Eine besonders spannende Situation
ergibt sich aus der teils sehr unterschiedlichen
Rechtslage zwischen den Bundesländern. So
ist es beispielsweise in Baden-Württemberg
im Wald nicht gestattet auf Wegen zu fahren,
die schmaler als 2 Meter sind (2-Meter Regel).
Auf der Bayerischen Seite der Grenze ist das
Fahren auf diesen für das Mountainbikenden
besonders beliebt schmalen Wegen gestat-
tet, wenn sie zum Mountainbiken geeignet
sind. Daraus ergibt sich die Situation, dass das
Fahren auf einem Weg mit Überschreiten der
Grenze zwischen Bayern und Baden-Würt-
temberg nicht mehr gestattet ist. Theoretisch
sollte sich dies in der Nutzung zeigen, welche
Sie online nachvollziehen können. Denn fast
alle Outdoorplattformen bieten in sogenann-
ten „Heatmaps“ eine Übersicht an, welche
Wege oder Regionen besonders nachgefragt
werden (Abbildung 4). Oft lässt sich zwischen
Sportarten unterscheiden. Tatsächlich nutzen
auch viele Mountainbikende diese Heatmaps
regelmäßig, um in ihnen unbekannten Ge-
bieten häufig genutzte Touren zu finden. Dies
führt auch dazu, dass sich neu angelegte Stre-
cken schneller etablieren. Über Heatmaps lässt
sich selbstverständlich auch die Raumnutzung
durch andere Sportarten erforschen.
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
105
Abbildung 4: Radaktivitäten im Raum Isny an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württem-
berg (Heatmap von Outdooractive). Vergleichbare Heatmaps lassen sich nach kostenfreier Registrie-
rung z.B. in der Plattform Strava erstellen. In Outdooractive sind Heatmaps nur für Vertragskunden
zugänglich, es ist aber geplant sie für Lehrzwecke freizugeben. Darstellung mit freundlicher Erlaub-
nis der Outdooractive AG.
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Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
6 Potential von Outdoorplattformen
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die
digitale Tourenplanung mit Outdoorplattfor-
men eine zentrale Rolle bei der Planung und
Durchführung von Aktivitäten in der Natur
spielt. Plattformen, die auf freiwillig von Nut-
zenden bereitgestellten Informationen ba-
sieren, fördern nicht nur die Individualität
und Flexibilität der Nutzerinnen und Nutzer,
sondern ermöglichen es ihnen auch, aktiv an
der Gestaltung von Karten und Touren teilzu-
nehmen. So beeinflussen Outdoor- und digi-
tal aktive Erholungssuchende oft unbewusst
das Bewegungsverhalten einer großen Zahl
weiterer Nutzer. Die Auseinandersetzung mit
Outdoorplattformen eignet sich daher sehr
gut, um Prozesse der Digitalisierung im Alltag
sichtbar zu machen und digitale Kompetenzen
zu fördern. Plattformen wie Outdooractive,
Komoot oder Strava verändern dabei nicht nur
die Art, wie Menschen ihren Aufenthalt in der
Natur planen und dokumentieren, sondern
verschieben auch grundlegende Muster der
Raumnutzung und deren Aushandlung. Wäh-
rend früher lokale Akteure wie Verwaltungen,
Wandervereine oder Naturschutzbehörden
über Wegen und deren Darstellung in Karten
entschieden, wird diese heute von einer global
vernetzten Nutzergemeinschaft mitgestaltet.
Die Diskussion darüber, wo und wie sich Men-
schen in der Landschaft bewegen, ist dadurch
internationaler und vielstimmiger geworden.
Gleichzeitig operieren viele Plattformen über
Landesgrenzen hinweg, ohne dabei immer
mit den zuständigen Behörden vor Ort in Aus-
tausch zu treten. Daraus ergibt sich ein Span-
nungsfeld, das sowohl demokratietheoreti-
sche als auch praktische Verwaltungsaspekte
betrifft: Während Nutzerinnen und Nutzer
grenzüberschreitend unterwegs sind, fehlt
es an überregionalen politischen Strukturen,
um Regeln zur Raumnutzung standardisiert
digital bereitzustellen. Eine engere europäi-
sche Zusammenarbeit könnte hier ein wichti-
ger Schritt sein, um Outdoorplattformen den
Zugang zu rechtsverbindlichen und aktuellen
Geodaten anderer Länder zu ermöglichen.
Zugleich stellt sich die Frage in welcher Ver-
antwortung Plattformbetreiber stehen sollten.
Outdoorplattformen bieten aber auch ein
bisher kaum ausgeschöpftes Potenzial: Sie
ermöglichen die direkte Kommunikation mit
Besucherinnen und Besuchern vor, während
und nach ihrem Aufenthalt im Gelände. Diese
Schnittstelle zu Nutzerinnen und Nutzern er-
öffnet zahlreiche Möglichkeiten, wie die Koor-
dination gemeinsamer Anreisen oder die In-
formation über kurzfristige Sperrungen oder
Gefahrenlagen (wie Waldarbeiten oder Vo-
gelbrutzeiten). Die Weiterentwicklung dieser
Möglichkeiten könnte Outdoorplattformen
zukünftig zu einer zentralen Rolle in einer ver-
antwortungsvollen, digitalen Raumnutzung
verhelfen.
106
Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
107
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Steinbauer, Schwietering
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
108
Autoren:
Prof. Dr. Manuel Steinbauer
Universität Bayreuth, Bayreuther Zentrum für Sportwissenschaft (BaySpo),
Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung (BayCEER),
Geographisches Institut Bayreuth (GIB)
E-Mail: manuel.steinbauer@uni-bayreuth.de
Arne Schwietering
Universität Bayreuth, Bayreuther Zentrum für Sportwissenschaft (BaySpo),
Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung (BayCEER)
E-Mail: arne.schwietering@uni-bayreuth.de
Der Beitrag fokussiert auf Ergebnisse in The-
senform des gleichnamigen Workshops an-
lässlich des 13. Bayreuther Kontaktstudiums
Geographie – Gesellschaft Umwelt und ver-
gleicht fünf unterschiedliche Zugangsweisen
für den Geographieunterricht. Die aus diesem
Vergleich resultierende Synopse verschiedener
Unterrichtsbeispiele, mit den jeweils zugrun-
de gelegten didaktisch-methodischen Orien-
tierungsfiguren, soll dazu anregen, diese auf
den eigenen Unterricht anzuwenden und zu
erproben. Ein abschließender Exkurs behan-
delt die aktuelle Diskussion zur Problem- und
Lösungsorientierung im Geographieunter-
richt und zeigt, wie beide Ansätze im Kontext
der Behandlung von Naturereignissen und So-
zialkatastrophen integriert werden können.
1 Notwendigkeit begrifflicher Klarheit:
Naturereignis = Katastrophe?
„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern
er sie überlebt; die Natur kennt keine Katast-
rophen“ (Max Frisch 1979: 103).
„Naturkatastrophen sind Naturereignisse,
denen Menschen ausgesetzt sind und die zum
Ersticken, Ertrinken, Verdursten, Verhungern,
Erfrieren, Verbrennen und vergleichbaren ernst-
haften körperlichen Beeinträchtigungen (z. B.
Krankheiten, Verätzungen) führen (wie Me-
teoreinschläge, Vulkanausbrüche, Lawinen,
Erd- und Seebeben, Hochwasser, Waldbrände
u. a. m.). Naturkatastrophen bis hin zur Kli-
makatastrophe sind in ihren Auswirkungen
meist auch sozial beziehungsweise kulturell
beeinflusst (sog. Man Made Disasters). Wenn
z. B. Menschen Vulkanabhänge nicht besie-
delt hätten, wäre ein Ausbruch oft keine ‚Ka-
tastrophe‘.“ (Wikipedia)
Gemäß der Definition der UN ist eine Kata-
strophe „die Unterbrechung der Funktionsfä-
higkeit einer Gemeinschaft oder Gesellschaft,
die hohe menschliche, materielle, ökonomi-
sche und ökologische Verluste verursacht und
die Fähigkeit der betroffenen Gemeinschaft
oder Gesellschaft übersteigt, diese aus eigener
Kraft zu bewältigen“ (BMZ 2015:1, 2).
Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern
des Workshops war neben dem hohen Schü-
lerinteresse an dem Thema „Naturkatastro-
phen“ im Geographieunterricht bewusst,
dass eine begriffliche Klarheit – ein gemein-
sames Grundverständnis – bei der Verwen-
dung wichtiger Geovokabeln zwingend
erforderlich ist. Auch immer mehr Wissen-
schaftler weisen darauf hin, dass der Begriff
„Naturkatastrophe“ für große Naturereignis-
se ungünstig gewählt ist, da er die Natur als
unberechenbar, übermächtig und zerstöre-
risch beschreibt. Die Natur kennt keine Ka-
tastrophen. Extreme Naturgefahren werden
Gabriele Schrüfer, Matthew G. Hannah (Hrsg.) Gesellschaft und Umwelt
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13, S. 109-134
109
„Natur kennt keine Katastrophen ...“ – Wie unter-
richte ich Naturereignisse, wie Naturkatastrophen?
Didaktisch-methodische Orientierungsfiguren im
Vergleich
Karl Walter Hoffmann
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
erst dann zu Sozialkatastrophen, wenn sie auf
eine Gesellschaft treffen, die verwundbar und
nicht auf eine Katastrophe vorbereitet ist.
Zu Beginn des Workshops wurde zunächst
auf der Grundlage des Basisbeitrags „Nach
der Katastrophe ist vor der Katastrophe! Zur
Bedeutung der Katastrophenvorsorge im kom-
petenzorientierten Geographieunterricht“ von
Karl Heinz Otto (2016) und eigener unter-
richtlicher Erfahrungen die Notwendigkeit
begrifflicher Klarheit und daraus resultieren-
de Forderungen für die Behandlung des The-
mas „Naturkatastrophen“ im Geographieun-
terricht erörtert. Die folgenden Thesen geben
zentrale Ergebnisse dieses ersten Gedanken-
austauschs wieder:
• Das Kriterium der menschlichen Betrof-
fenheit macht aus der „Natur“ eine „Katas-
trophe“.
• Bei der unterrichtlichen Behandlung ist
zwischen einem ursachenorientierten und
einem wirkungsorientierten Ansatz zu un-
terscheiden.
• Der Begriff „Naturkatastrophe“ kann den
Blick auf eine verbesserte Katastrophen-
vorsorge verstellen.
• Die Begriffe Naturereignis/-gefahr/-risiko, So-
zialkatastrophe und Katastrophenvorsorge/-
schutz müssen stärker mit dem Alltagswissen
der Schülerinnen und Schüler verbunden
werden.
• Auf den Begriff „Naturkatastrophen“ soll
nicht verzichtet werden, dieser soll aber
problematisiert und kritisch hinterfragt
werden.
• Die „Sozialkatastrophen“ in verschiedenen
Ländern müssen in Breite und Tiefe und
vor allem mehrperspektivisch analysiert
werden (vgl. u. a. Katastrophenanfälligkeit
aufgrund hohen Bevölkerungsdrucks).
• Menschen sind nicht nur Opfer, sondern
können auch Verursacher von „Katastro-
phen“ sein.
• Der sog. Syndromansatz, der 1996 vom
Wissenschaftlichen Beirat der Bundesre-
gierung für Globale Umweltveränderungen
entwickelt wurde, eignet sich in besonderer
Weise, (schülernah reduziert) als Analyse-
instrument und zugleich als Bewertungs-
matrix (Abbildung 1 mit vier naturgeogra-
phischen und fünf humangeographischen
Sphären) für eine mehrperspektivische,
systemische und strukturierte Herange-
hensweise, u.a. beim Identifizieren nicht
nachhaltiger Entwicklungen.
• Die Behandlung des Themas „Naturkata-
strophen“ darf sich nicht ausschließlich
110
Pflanzen/Tiere
Luft/Klima
Geologie/Boden
(+)
--------------------------------------
(–)
(+)
--------------------------------------
(–)
(+)
--------------------------------------
(–)
Bevölkerung
Wirtschaft
Wasser
(+)
--------------------------------------
(–)
(+)
--------------------------------------
(–)
(+)
--------------------------------------
(–)
Verhalten/Gefühle
Politik/Gesellschaft
Technik/Wissenschaft
(+)
--------------------------------------
(–)
(+)
--------------------------------------
(–)
(+)
--------------------------------------
(–)
Abbildung 1: Bewertungsmatrix. Quelle: Eigene Darstellung (vgl. auch DGfG 2020:92 und Hoffmann
2012:83).
auf Fernthemen (wie bspw. Taifune, Vul-
kane) beschränken. In Deutschland sind
v. a. meteorologische und hydrologische
Naturrisiken für Schülerinnen und Schüler
alltagsrelevant.
• Die Begriffe Katastrophenvorsorge, Katas-
trophenmanagement und das Konzept der
Resilienz müssen stärker in Lehrplänen
und Schulbüchern abgebildet werden.
• Die Einbindung Sozialer Medien, ebenso
wie Katastrophen- und Wetterapps, muss
stärker berücksichtigt werden.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ho-
ben die Wichtigkeit einer Sammlung von
Begriffsdefinitionen (sog. Geovokabeln) so-
wohl für erfolgreiche Unterrichtsgespräche
als auch für die Prüfungsvorbereitung her-
vor. Abbildung 2 fasst wichtige Begriffe aus
Schulbüchern und Lehrplänen zusammen,
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
111
Abbildung 2: Glossar – Grundbegriffe. Textzusammenstellung: leicht verändert nach Dresbach und
Fögele (2017:24f) auf der Grundlage von Dikau und Pohl (2011: 119ff) und Bündnis Entwicklung Hilft,
United Nations University, Institute for Environment and Human Security (Hrsg.): WeltRisikoBericht –
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Naturereignis
tatsächliches Auftreten eines natürlichen Prozesses
Naturgefahr
natürliche Prozesse und Phänomene, die ein Schaden bringendes Ereignis darstel-
len können
Naturrisiko
die dem Ereignis innewohnende Wahrscheinlichkeit des Eintretens, die Entschei-
dung des Individuums oder Kollektivs sich auf die eine oder andere Weise zu ver-
halten und mögliche Schäden in Kauf zu nehmen
Naturkatastrophe
ein Naturereignis wird nur dann zur Naturkatastrophe, wenn es sich auf den Men-
schen oder von ihm geschaffene Werte negativ auswirkt
Gefährdung/Exposition
bedeutet, dass ein bestimmtes Schutzgut (Bevölkerung, Bebauung, Infrastruktur-
komponenten) den Auswirkungen einer oder mehrerer Naturgefahren (Erdbeben,
Überschwemmungen) ausgesetzt ist.
Adaption (Anpassung)
wird im Gegensatz zur Bewältigung als langfristiger Prozess verstanden, der auch
strukturelle Veränderungen beinhaltet und Maßnahmen sowie Strategien umfasst,
die sich mit den in der Zukunft liegenden negativen Auswirkungen von Naturge-
fahren und Klimawandel befassen und damit umzugehen versuchen.
Vulnerabilität
(Verwundbarkeit)
Setzt sich aus den Komponenten Anfälligkeit, Mangel an Bewältigungskapazitäten
und Mangel an Anpassungskapazitäten zusammen. Sie bezieht sich auf soziale,
physische, ökonomische und umweltbezogene Faktoren, die Menschen oder Syste-
me anfällig gegenüber Einwirkungen von Naturgefahren oder anderen Verände-
rungsprozessen machen. Bei der Berechnung nimmt jede der drei Komponenten
33 % ein.
Der Begriff Bewälti-
gungskapazitäten
beinhaltet Fähigkeiten von Gesellschaften, negative Auswirkungen von Naturge-
fahren und Klimawandel durch direkte Handlungen und zur Verfügung
stehender Ressourcen zu minimieren (Maßnahmen zur Schadensreduzierung).
Unter Anfälligkeit
wird die Wahrscheinlichkeit verstanden, im Fall eines Naturgefahrenprozesses Scha-
den durch dieses Ereignis davonzutragen. Sie beschreibt strukturelle Merkmale und
Rahmenbedingungen einer Gesellschaft.
Der WeltRisikoIndex
berechnet sich aus der Multiplikation der Exposition mit der Vulnerabilität, da Risi-
ko als Wechselwirkung zwischen Gefährdung und Vulnerabilität, also der Verwund-
barkeit von Gesellschaft en, verstanden wird. Zum Schluss wird der Weltrisikoindex
in Prozentwerte transformiert (dividiert durch 100), sodass eine bessere Nachvoll-
ziehbarkeit und Handhabung für kartographische Darstellungen ermöglicht wird.
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
dient als Nachschlagewerk und unterstützt
die Schülerinnen und Schüler bei der Ver-
wendung von Fachbegriffen. Diese Erklä-
rungen der zentralen Grundbegriffe stellen
eine Merk- und Lernhilfe dar und können in
fachgerechter Sprache auch in Schülerprä-
sentationen verwendet werden.
Zum Abschluss dieser Einführungsphase
des Workshops stellte sich den Teilnehmerin-
nen und Teilnehmern die Frage, wie erfahren
wir von diesen Ereignissen (Natur) und diese
Problemlagen (Katastrophen)? Zumeist er-
scheinen sie in den Medien und begegnen
uns zunächst über Schlagzeilen. Hier nun be-
ginnt die fachdidaktische Aufgabe vor allem
entlang einer medienkritischen Analyse:
„Bei jeder Nachricht sollte zunächst gefragt
werden: Wer spricht? Aus welcher Perspekti-
ve und aus welchem Interesse? Und: Warum
wird diese Nachricht ausgewählt und welche
andere Nachricht nicht? Wie genau ist sie und
wie tiefschürfend oder auch: wie manipulativ?
Gibt es Raum und Resonanz für Kontroversen
(statt nur „Echokammern“), gibt es Freiräume
gegen ein Übermaß an Macht auf einer Seite?
Wie kann man die Nachricht decodieren und
das Ergebnis diskutierbar machen?“ (Rhode-
Jüchtern 2018: 6). Oder anders formuliert:
Wer spricht was, wann, wo, wie zu wem und
mit welcher Absicht? Dieser medienkritische
Zugang erlaubt es den Schülerinnen und
Schülern mit Hilfe eines Analysewerkzeugs
(Abbildung 3) Raumkonstruktionen (als Be-
standteil eines erweiterten Raumverständ-
nisses) über W-Fragen zu erarbeiten (Hoff-
mann, Hemmer, Wardenga 2024:28).
2 Synopse verschiedener Unterrichtsbei-
spiele: Welche didaktisch-methodischen
Entscheidungen treffen?
Die im folgenden vorgestellten fünf Unter-
richtsbeispiele (Abbildung 4) bieten im Sinne
eines „didaktischen Mischpults“ (vgl. Vor-
schlag Hoffmann in Gryl, Lehner, Fleisch-
hauer, & Hoffmann 2023: 16) den Leserinnen
und Lesern an, kreative und praxistaugliche
Verknüpfungen von fachwissenschaftlichen
und fachdidaktischen Bezügen bei der Um-
setzung im eigenen Unterricht vorzunehmen.
Die Synopse dieser Unterrichtsbeispiele bie-
tet vielfältige Variations- und Kombinations-
möglichkeiten, das Thema „Naturkatastro-
phen“ für sich passend zu (re-)mixen. Dies
gelingt am besten, wenn die jeweiligen di-
daktischen Orientierungsfiguren dieser Bei-
spiele kombiniert und auf den eigenen Geo-
graphieunterricht prüfend bezogen werden.
Die hier vorgestellten Orientierungsfiguren
stehen in reduzierter Form für die getroffenen
didaktisch-methodischen
Entscheidungen
und fokussieren so auch auf die unterricht-
lichen Zugänge. Den im Folgenden präsen-
tierten fünf Unterrichtsbeispielen liegen ent-
112
1) Wer spricht wann, wo, zu wem?
2) Was sind die zentralen Aussagen zur Beantwortung einer übergeordneten Frage?
Was wird in diesem Zusammenhang als „gut/schlecht“, „richtig/falsch“ dargestellt?
3) Wie werden die Argumente vorgebracht – emotional, rational-sachlich, fakten-, materialbezogen,
bildhaft?
4) Welche Erfahrungen liegen der vertretenen Position zugrunde? Welche Raum- und Zeitvorstellungen
liegen der vertretenen Position zugrunde?
5) Warum und wozu wird diese Position vertreten?
Abbildung 3: Analysewerkzeug – Raumkonstruktionen über W-Fragen analysieren.
sprechende Orientierungsfiguren zugrunde,
die die unterrichtlichen Handlungsschritte
steuern. Zwar stellen diese Orientierungsfigu-
ren keine vollumfänglichen fachdidaktischen
Prinzipien dar, sie besitzen aber die Funktion,
Lehr-Lernprozesse didaktisch-methodisch zu
orientieren, sind frei wählbar und kombinier-
bar. Sie konzentrieren sich in übersichtlicher
Weise auf didaktische Zugänge und methodi-
sche Ansätze.
Des Weiteren können Methoden des Ansat-
zes Denken lernen mit Geographie (Thinking
Through Geography) ebenfalls kombiniert und
in ausgewählte Lernschritte des 7-Phasen-
Modells komplexer Lernaufgaben (Hoffmann
2021 u. 2025. Online: https://www.wester-
mann.de/anlage/4627605/In-sieben-Phasen-
zur-Schueleraktivierung) didaktisch verortet
werden.
Abbildung 4 integriert die verschiedenen
Orientierungsfiguren, gibt einen Überblick
über die im Workshop diskutierten Unter-
richtsbeispiele und fokussiert auf deren
didaktisch-methodischen
Zugangsweisen.
Insgesamt werden fünf didaktische Orientie-
rungsfiguren auf den Unterrichtsgegenstand
„Naturkatastrophen“ bezogen. Die als opera-
tionalisierte Könnensleistungen formulier-
ten Ziele, können sowohl den Lernenden als
auch den Lehrpersonen zugeordnet werden:
1) Lernende können eine „Raumanalyse mit
Hilfe der Raumkonzepte durchführen“.
2) Lehrpersonen können „mit Hilfe des Kom-
petenzerwerbsschema die Lernprodukto-
rientierung verstärken“.
3) Lernende können „mit Hilfe einer Con-
cept Map komplexe Zusammenhänge
analysieren“.
4) Lehrpersonen können „Methoden des
Ansatzes Denken lernen mit Geographie
(DLmG) passend in komplexe Lernaufga-
ben einbetten“.
5) Lernende können „Sozialkatastrophen
mit Hilfe eines vierfachen Perspektiven-
wechsels begreifen“.
2.1 Wann wird ein Naturereignis zur Kata-
strophe?
Das Unterrichtsbeispiel fokussiert auf die Ana-
lyse von Naturkatastrophen mit Hilfe von
Raumkonzepten. Hierbei werden induktiv die
Konzepte Raum als Container und Raum als
Kategorie der Sinneswahrnehmung erarbeitet.
Genau genommen dienen die beiden Raum-
konzepte einer Risikoanalyse entlang eines
Materialpools. Mensch-Umwelt-Beziehungen
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
113
Abbildung 4: Das Thema Naturkatastrophen im Kontext verschiedener didaktisch-methodischer
Orientierungsfiguren.
Unterrichtsbeispiel
Stufe
Didaktisch-methodische Zugänge
1. Wann wird ein Naturereignis zur
Katastrophe? Das Beispiel Jakarta
9-12
Risikoanalyse mit Hilfe von Raumkonzepten
(Container und Sinneswahrnehmung), Beurteilung
2. Hurrikan „Irene“
10-12
Kompetenzerwerbsschema, Lernproduktorientierung,
Gestaltungsaufgaben
3. Das Jahrhunderthochwasser im
Ahrtal
9-12
Denken in Zusammenhängen, Systemkompetenz,
Concept Map
4. Flutkatastrophe im Ahrtal
8-10
7-Phasen-Modell komplexer Lernaufgaben, Methoden
aus Denken lernen mit Geographie
5. „Hurrikan Katrina“ als Naturgefahr
und Sozialkatastrophe
10-12
Problemorientierung, Rollenkarten, Perspektiven-
wechsel
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
werden analysiert um anschließend die Natur-
katastrophe in Jakarta beurteilen zu können.
Die didaktisch-methodische Orientierungs-
figur, die diesem Praxisbeispiel zugrunde
liegt, ist die Raum- bzw. Risikoanalyse mit
Hilfe fachlicher Brillen. Aus diesen fachli-
chen Perspektiven auf die Welt (den Raum
Jakarta) entspringen geographisch relevan-
te Fragen (Abbildung 5), die die (jeweiligen)
Stundenziele verdeutlichen können. Konkret
bedeutet dies, dass aus den Raumkonzepten
geographisch relevante Fragen entspringen.
Auf Lernerseite wird ein differenziertes
Raumverständnis (materieller und konst-
ruierter Raum) induktiv erarbeitet: „In der
Schlussphase stellen die Lernenden ihre Ergeb-
nisse vor, reflektieren ihre ersten Überlegungen
zu den Zeitungsartikeln und sollen anhand
der Risikoanalyse erläutern, wie es zu den
Überschwemmungen in Jakarta kommt und
warum das Bevölkerungswachstum trotzdem
weiter zunimmt. Nachdem die Risikoanaly-
se zu den Raumkonzepten (…) erarbeitet und
im Plenum besprochen wurde, schreibt die
114
1. Unterrichtsbeispiel: Wann wird ein Naturereignis zur Katastrophe?
Jennifer Dresbach und Janis Fögele: Wann wird ein Naturereignis zur Katastrophe? Das Beispiel Jakarta. In:
PG 4-2017, S. 22-27.
Online: https://www.westermann.de/anlage/4631082/Downloadpaket-Naturkatastrophen-und-
Risiko-Mit-vier-ausgewaehlten-Beitraegen-fuer-den-Geographieunterricht
Abbildung 5: Raumkonzepte als Fragengenerator. Quelle: leicht verändert nach Schuler et al. 2016
und Hoffmann 2016.
Lehrperson die Begriffe „Raum als Container“
und „Raum als Kategorie der Sinneswahrneh-
mung“ an die Tafel und fragt die Lernenden,
was sie unter diesen Begrifflichkeiten verstehen
und wo sie diese in ihrer Risikoanalyse veror-
ten würden. Die Raumkonzepte sollen dann
auf dem Arbeitsblatt ergänzt werden“ (Dres-
bach & Fögele 2017:23).
Für die Lehrperson ist stets die Unterschei-
dung zwischen einer „Ordnung der Dinge“
(Raum im realistischen Sinn und Räume in
ihrer Beziehung zu anderen Räumen) und
einer „Ordnung der Blicke“ (Räume in der
Wahrnehmung verschiedener einzelner Per-
sonen und Räume in ihrer Darstellung durch
Medien, Institutionen und Gruppen) ent-
scheidend. Je nach Anzahl dieser „fachlichen
Brillen“ (Abbildung 5) auf die katastropha-
len Überschwemmungen der indonesischen
Hauptstadt Jakarta, wird (1) Jakarta erfasst,
(2) Jakarta in Beziehung gesetzt, (3) Jakarta
wahrgenommen von … als … und (4) Jakar-
ta von … kommuniziert und „gemacht“. Ziel
ist es, durch differenziertes Betrachten zu
neuen Erkenntnissen zu gelangen, um Prob-
lemlagen (Risikoanalyse zur Beurteilung der
Überschwemmungen in Jakarta) tiefgreifend
analysieren zu können.
Die Unterrichtsplanung erfordert je nach
Zielsetzung eine begründete Entscheidung
über die Verwendung objektiver und/oder
subjektiver Raumkonzepte je nach dem Stel-
lenwert von physisch-materieller Raumglie-
derung und subjektiven und gesellschaftli-
chen Problemfeldern. Bisherige Inhalts- und
Raumfragen sollen auf ihre Zukunftsbedeut-
samkeit hin befragt werden. Sie sollen nicht
über Bord geworfen, sondern neu verortet
und didaktisch in Beziehung gesetzt werden
(Hoffmann 2011a). Das bedeutet kein Ab-
arbeiten der Raumkonzepte i.S. einer Lay-
ertechnik, sondern die Durchführung ei-
ner „synoptischen Raumanalyse“ (Gryl &
Hoffmann 2013: 168). Eine synoptisch-ver-
gleichende Raumanalyse zentriert die Mehr-
perspektivität und integriert die Schlussfol-
gerung „Überlegen Sie nach Analyse durch die
vier Raumkonzepte, welche Handlungsoptio-
nen und Szenarien zur Lösung des Problems
angedacht werden können“.
2.2 Hurrikan Irene
Die diesem Unterrichtsbeispiel zugrunde ge-
legte didaktisch-methodische Orientierungs-
figur ist das „Kompetenzerwerbsschema“.
Es richtet deutlicher als die „klassische“ reine
Wissensorientierung den Blick auf die Lern-
progression – die Lerngeschichten der Schü-
lerinnen und Schüler – und den kumulativen
Erwerb von Wissen und Können, indem es
„eine Zusammenschau und ein Zusammen-
denken von Inhalten, Lernprodukten und
Kompetenzen“ (Hoffmann 2011: 20) für die
Planung und Auswertung von Unterrichtsrei-
hen ermöglicht.
Dieses
Zusammendenken
folgt
dem
Grundsatz, dass in den Lernprodukten (den
sog. Lernergebnissen) der Kompetenzzu-
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
115
2. Unterrichtsbeispiel: Hurrikan „Irene“
Coen, A. & Wenz, H. (2012): Hurrikan „Irene“. Mit dem Kompetenzerwerbsschema Geographieunterricht
planen. In: Geographie und Schule, Heft 195/36. Jahrgang/2012, S. 14-20.
Online: https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=3167793
Ein weiteres erprobtes Unterrichtsbeispiel mit dem „Kompetenzerwerbsschema“ zu „Lesotho – Skifah-
ren statt Safari?“ findet sich in „Lost in space!?“ oder die „Mitte der Geographie!?“: Zur Bedeutung
und Neuverortung des Geographieunterrichts. Online: https://www.blogs.uni-mainz.de/fb09fachdidaktik/
mainzer-kontaktstudium/
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
wachs, die Könnensleistungen der Schüle-
rinnen und Schüler, sichtbar und dadurch
diagnostizierbar werden.
Für die Planung des Unterrichts steht am
Anfang und grundsätzlich eine vertiefte Sa-
chanalyse, um darauf aufbauend die für
den Unterricht notwendigen Wissensebe-
nen voneinander zu unterscheiden, didak-
tisch zu strukturieren und zu reduzieren.
Annette Coen und Hedi Wenz entwickeln
auf drei progressiv angelegten Wissensebe-
nen (Simplex-Komplexstruktur: wie beim
Kompetenzaufbau von unten nach oben zu
lesen) mögliche Lernprodukte, die je nach
Leistungsstand der Lerngruppe angepasst
werden können (Abbildung 6). Für die mitt-
lere Spalte, die Phase höchster Lernerakti-
vierung, muss der Unterricht anspruchsvolle
Aufgaben anbieten. In deren Bearbeitung,
also im „Machen“ und „Gestalten“, laufen
Wissen, Denken und Können zusammen
(Coen & Wenz 2012:17).
Unabhängig
vom
Erwartungshorizont
(Schülerleistungen) in diesem Unterrichts-
vorschlag müssen Schülerinnen und Schüler
über ein Grundwissen zur Bildung und Ent-
wicklung eines Hurrikans (etwa Konvektion,
Kondensation, Drehbewegungen, Freiset-
zung von Energie und nachfolgender Wär-
meentzug ) und die Bildung eines „Auges“
verfügen, Luftdruckverhältnisse und Wind-
geschwindigkeiten abgrenzen sowie beglei-
tende Wettererscheinungen kennen, ähnlich
wie dies in gängigen Schulbüchern fachlich-
sachlich und didaktisch-methodisch aufbe-
reitet ist. Aufbauend auf einem solchen Basis-
wissen zu „Irene“ (vgl. Wissensebene 1) muss
sich der Unterricht nun auf einer weiteren,
komplexeren Ebene (vgl. Wissensebene 2)
mit dem Hurrikan „Katrina“ sechs Jahre zu-
vor vergleichend beschäftigen. Nicht ohne
Grund rekurriert Präsident Barack Obama
in seiner Erklärung zum sechsten Jahrestag
von „Katrina“ am 29. August 2011 ausdrück-
lich auf „Irene“: Heute vor sechs Jahren traft
der Hurrikan Katrina die Golfküste, er ver-
trieb Familien und verwüstete ganze Gemein-
den. Niemand wird die tragischen Ereignis-
se dieser Rage je vergessen. Aber wir müssen
mehr tun als uns nur zu erinnern. Wir müs-
sen uns weiter mit aller Kraft dafür einset-
zen, dass sich New Orleans und die Golfküste
wieder vollständig erholen und wir so gut wie
irgend möglich auf derartige Katastrophen
reagieren können. (…) Was die Reaktionen
angeht, so haben wir sehr ernsthaft daran ge-
arbeitet, besser vorbereitet zu sein, damit Bür-
gerinnen und Bürger bereit sind, bevor eine
Katastrophe eintritt. Außerdem haben wir
unsere Rettungskapazitäten verbessert, damit
wir im Falle einer Katastrophe belastbarer
sind. In der letzten Woche haben wir die kraft
eines weiteren Sturms, Hurrikan Irene erlebt“
(Sechs Jahre nach Katrina. Erklärung des
Präsidenten, S.1 – vgl. auch: https://www.
spiegel.de/politik/ausland/katrina-geden-
ken-wir-stehen-aufrecht-wir-geben-nicht-
auf-a-714467.html)
Die unterrichtliche Weiterführung auf die
Wissensebene 3 begründen Annette Coen
und Hedi Wenz wie folgt: „Erst wenn grund-
legende Zusammenhänge zu ´Katrina` den
Schülern präsent sind, werden sie in der Lage
sein, auch hinter die Kulissen des – durchaus
umstrittenen – Krisenmanagements anläss-
lich „Irenes“ Eintreffen in der 8,1 Millionen
Metropole New York zu schauen, es in Be-
zug auf die mediale wie politische Interessen
zu hinterfragen und sich ein eigenes Urteil
zur Politik ´Better safe than sorry` zu bilden
und dies sachangemessen zu kommunizie-
ren. Dahin führt Unterrichtseinheit über
den bisher skizzierten didaktisch-methodi-
schen Aufbau und dessen Weiterführung auf
der dritten Wissensebene“ (Coen & Wenz
2012:19). In einem letzten Schritt setzen sich
116
die Schülerinnen und Schüler, ausgehend
von meinungsbildenden Texten, kritisch fun-
diert zur komplexen Thematik um die Bewäl-
tigung und Inszenierung des Wirbelsturms
„Irene“ nach „Katrina“ auseinander.
Abschließend noch ein weiterführen-
der Hinweis: „New Orleans ist heute klei-
ner, wohlhabender und weißer als vor dem
Sturm!“ (Flaherty 2016) Dieses Zitat ist dem
Unterrichtsbeitrag von Wald, F. (2016): Und
was kam nach Katrina? Stadtentwicklungs-
prozesse in New Orleans im Kontext der Zer-
störung durch den Hurrikan im Jahr 2005. In:
PG 6/2017, S. 34-38, entnommen.
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
117
Wissensebene 3
Drei mögliche Lernprodukte
Kompetenzen
„Irene“ in New York
1) Anlegen einer Karte zu New York mit
Einzeichnen der Gefahrenpunkte („hot
spots“) einschließlich Begründungen
(aus dem Zusammenhang von
Bevölkerungsdichte, Lage der
Räume, städtische und
wirtschaftliche Funktion) –
(Vgl. mit New Orleans)
2) Lebendige Karte: Zuordnen von Fotos
und Texten in die Karte von New York
zum Vergleich der angenommenen
Gefahren mit den tatsächlich
eingetroffenen Folgen
aus verschiedenen Perspektiven
3) Leserbrief zu einem von zwei
Textbeiträgen des Journalisten Sebastian
Moll/ New York in der „Rheinpfalz“ vom
29. und 30.
August 2011 (Abgedruckt in
Coen & Wenz 2012:20)
Fachwissen
Lage und naturräumliche sowie
anthropogene Bedingungen in New
York in Bezug auf seine Exponiertheit
für Hurrikans erläutern und
analysieren;
Reale Folgen von „Irene“ darstellen
und erläutern
Methoden
Kartenarbeit, Textarbeit
Räumliche Orientierung
New York
Kommunikation und Beurteilen und
Bewerten
Schreiben eines Leserbriefs auf der
Basis umfangreichen Basis- und
Hintergrundwissens zu Hurrikanen
allgemein, „Katrina“ und den Folgen,
„Irene“ im meteorologischen und
gesellschaftlichen Zusammenhang
Wissensebene 2
Drei mögliche Lernprodukte
Kompetenzen
„Katrina“ in New
Orleans:
Lage und
naturräumliche
Bedingungen;
Anthropogene
Bedingtheiten/
Kausalitäten der
Katastrophe in New
Orleans
1) Anlegen einer Karte und eines
Querschnitts von New Orleans mit den
„Hotspots“ i.S. von Gefahrenstellen
2) Anthropogene Bedingtheiten und
Katastrophengebiete: Ergänzen der
Karte mit Hilfe weiterer Informationen
3) Argumentation nach der Struktur
der 5-Satz-Methode (Vgl. Idee
von K. W. Hoffmann in Fögele &
Hoffmann (2023) online abrufbar im
Zusatzmaterial: https://link.springer.com/
chapter/10.1007/978-3-662-65730-0_20
Fachwissen
a) Lage und naturräumliche
Bedingungen in New Orleans in Bezug
auf seine Exponiertheit für Hurrikans
erläutern
b) Anthropogene Bedingungen
der Katastrophe in New Orleans
analysieren
Methoden
Kartenarbeit, Textarbeit
Räumliche Orientierung
New Orleans
Kommunikation, Beurteilen und
Bewerten
Argumentieren in einem
vorgegebenen Schema
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
2.3 Jahrhunderthochwasser im Ahrtal
Im Beitrag von Jennifer Meister und Dörthe
Stockhecke sollen Schülerinnen und Schüler
das komplexe Wirkungsgefüge zu Ursachen,
Folgen und Maßnahmen des Ahrhochwas-
sers systemisch erschließen. Der bewährte
Dreischritt „Vergangenheit ← Gegenwart →
Zukunft“ wird hier umgesetzt und durch fol-
gende Problemfragen strukturiert: Was sind
die Ursachen des Jahrhunderthochwassers?
Was sind die Folgen des Jahrhunderthoch-
wassers? Wie sehen mögliche Anpassungs-
und Bewältigungsstrategien des Hochwas-
serschutzes im Ahrtal aus? Im Zentrum steht
dabei das Erstellen einer Concept Map. Die
Gestaltung einer Concept Map visualisiert
ein Denken in Zusammenhängen, ein mehr-
perspektivischer Blick schafft die Grundlage
für das Entscheiden und Handeln. Die Hoch-
wasserkatastrophe war Folge eines komple-
xen systemischen Zusammenspiels zahl-
reicher Faktoren (vgl. auch Kaskadeneffekt)
und Sphären. Fundierte Kenntnisse darüber
befördern ein lösungsorientiertes Denken als
Grundlage von (Gegen-)Maßnahmen.
Die unterrichtliche Umsetzung folgt eben-
falls dem reflektierten lösungsorientierten
Ansatz (vgl. „Exkurs“ in Kapitel 3) und den
Lernenden werden zunächst erste Bewälti-
gungsstrategien präsentiert. Darauf aufbau-
end soll es der Lerngruppe ermöglicht wer-
den, tiefer in die Thematik einzusteigen, um
so die Komplexität der Sachverhalte systema-
tisch zu analysieren. Auch in diesem Beispiel
werden der Problemraum (= analytisches
Vorgehen und tiefes Fachwissen) und der Lö-
sungsraum (= Handlungsoptionen bewerten
und Gegenmaßnahmen entwerfen) aufein-
ander bezogen.
Als Systematisierungswerkzeug und auch
als Bewertungshilfe kann das Nachhaltig-
keitsviereck zur Anordnung der jeweiligen
Aspekte innerhalb der Concept Map dienen.
Eine strukturierte Bearbeitung dieser kom-
plexen Zusammenhänge kann mit Hilfe ei-
nes Concept Map-Lesepfads (Fögele 2020)
118
Wissensebene 1
Drei mögliche Lernprodukte
Kompetenzen
Entstehung, Merkmale,
Dynamik und Verlauf
eines Hurrikans,
Gefahrenpotenzial
und mögliche kurz-.,
mittel- und langfristige
Schutzmaßnahmen am
Beispiel von „Irene“
1) Anlegen bzw. Vervollständigen einer
Zeitleiste und einer Karte zu „Irene“
2) Beschriftung eines Satellitenbildes
(Auge, Konvektion, Kondensation,
Rotation, Durchmesser in km, ,
nachströmende Warm-Luft, schwach
windig, wolkenlos, starke Regenfälle,
schwächere Regenfälle, 10° wärmer.
Luftdruck unter 900h-Pascal etc.)
3) Anlegen einer Tabelle als eine Art
„Masterplan“: Was ist wo zu tun und
warum?
Fachwissen
Entstehung, Merkmale, Dynamik und
Zugbahn eines Hurrikans erklären;
Gefahrenpotenzial und mögliche
Schutzmaßnahmen erläutern
Methoden
Kartenarbeit, Arbeit mit dem
Satellitenbild, Textarbeit
Räumliche Orientierung
Raumbezug: Karibik und Nordosten
der USA
3. Unterrichtsbeispiel: Jahrhunderthochwasser im Ahrtal
Jennifer Meister und Dörthe Stockhecke: Das Jahrhunderthochwasser im Ahrtal – komplexe Sachverhalte
systemisch betrachten. In: DIERCKE 360° - Heft 1/2023: Zukunftsfach Geographie.
Online: https://diercke.de/sites/default/files/2023-12/Das%20Jahrhunderthochwasser%20im%20Ahr-
tal%20-%20komplexe%20Sachverhalte%20systemisch%20betrachten.pdf
Abbildung 6: Auswahl von Lernprodukten auf drei Wissensebenen.
gelingen. Auch ist sinnvoll nach Präsentation
zweier Concept Maps die Kraft des Vergleichs
zu nutzen und verschiedene Lernprodukte
der Schülerinnen und Schüler diskursiv zu
besprechen. Zum Abschluss besteht auch
die Möglichkeit eine „Ich-Karte“ in den Wir-
kungsgefügen begründet zu platzieren bzw.
einzuordnen.
Vor diesem Hintergrund wurden aus dem
Teilnehmerkreis des Workshops verschiedene
Grundsätze und Vorgehensweisen bei dieser
Orientierungsfigur „Concept Map“ für Schü-
lerinnen und Schüler aus schulpraktischer
Sicht zusammengetragen (Abbildung 7).
2.4 Flutkatastrophe im Ahrtal
Dieses Unterrichtsbeispiel verknüpft Un-
terrichtsmethoden aus „Denken lernen mit
Geographie“ mit den 7-Phasen-Modell kom-
plexer Lernaufgaben (Hoffmann 2025).
Denken lernen mit Geographie (Thin-
king Through Geography) ist ein unterrichts-
methodischer Ansatz, bei dem das selbst-
ständige problemlösende Denken und das
Reflektieren über die eigenen Denk- und
Lernprozesse bei der Aufgabenbearbeitung
eine zentrale Rolle spielen und der sich un-
mittelbar am Konzept des problemlösenden
Lernens und den oben genannten Leitlinien
orientiert. Ein wichtiges Ziel dieses konst-
ruktivistisch geprägten Ansatzes ist die För-
derung von Denkfertigkeiten und kognitiven
Kompetenzen im Geographieunterricht mit
Methoden und Aufgaben, die zugleich her-
ausfordernd, motivierend, kognitiv aktivie-
rend und problemlösungsorientiert gestal-
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
119
Abbildung 7: Hinweise zur Erstellung einer Concept Map zur Bearbeitung komplexer Zusammen-
hänge. Quelle: Eigene Darstellung.
4. Unterrichtsbeispiel: Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021
Schuler, Stephan (2023): Gute Lernaufgaben im Geographieunterricht: Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 –
Verlauf, Ursachen, Maßnahmen. In Reihe: 15 Minuten Geographie
Online: https://diercke.de/15Minuten-GuteLernaufgaben (Mit Online-Arbeitsmaterialien und Unterrichts-
verlaufsplan)
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
tet sind (Schuler/Vankan/Rohwer 2017).
Der Ansatz geht auf das Projekt „Thinking
Through Geography“ unter der Leitung des
britischen Geographiedidaktikers David Leat
zurück, der gemeinsam mit Geographielehr-
kräften eine große Zahl solcher Methoden
entworfen und publiziert hat (Leat 1998). Im
deutschsprachigen Raum wurde der Ansatz
ab 2007 durch die Publikation von zwei Me-
thodenbänden (Schuler et al. 2016, 2017)
aufgegriffen, konzeptionell weiterentwickelt
und in die Unterrichtspraxis integriert.
Die Lernmethoden „Vorhersagen-Metho-
de“ (mit einem Luftbild), „Fünf W-Fragen-
Methode“, „Lebendige Karte“ und „Planen
und Entscheiden“ werden in das 7-Phasen-
Modell komplexer Lernaufgaben (Hoff-
mann 2025, Abbildung 8) eingebunden. Die
klassische Dreiteilung einer Verlaufsplanung
"E x 3" (Einstieg - Erarbeitung - Ergebnissiche-
rung) wird hier zugunsten eines erweiterten
Lernverlaufs ausdifferenziert.
Der Einstieg (Lernprozessanregung) setzt
die „Vorhersagen-Methode“ ein. Dabei äu-
ßern die Lernenden Vermutungen („Vorher-
sagen“) über den Fortgang einer Geschichte
oder die Folgen eines Ereignisses – hier die
zur Hochwasserkatastrophe im Ahrtal –, bevor
ihnen dieser geographisch relevante Sachver-
halt als Film, Bild oder Text vorgestellt wird.
Diese Methode aktiviert Vorwissen und All-
tagsvorstellungen zu diesem Sachverhalt und
baut im Sinne des problemorientierten Unter-
richts einen Spannungsbogen auf, der die Ler-
nenden für das Thema und seine unterrichtli-
che Bearbeitung öffnen und motivieren soll.
Daran anknüpfend wird angeregt, dazu die
aus Deutschunterricht oder Journalismus
bekannte „Fünf W-Fragen-Methode“ zu ver-
wenden und verschiedene Fragewörter zu
benutzen. Es ist anzunehmen, dass der nach-
folgende Unterricht einige dieser Fragen auf-
greift. Am Ende des Unterrichts kann dann
in der Phase „Lernzuwachs“ geprüft werden,
welche Fragen beantwortet wurden und wel-
che noch offen sind und ggf. in einer arbeits-
teiligen Recherche-Hausaufgabe geklärt wer-
den könnten.
Die integrierte Methode „Lebendige Kar-
te“ ermöglicht es zunächst, die recht abstrakte
Kartendarstellung durch den authentischen
und lebensweltorientierten Informationstext
„lebendig“ werden zu lassen und eine gute
Vorstellung der Geschehnisse im räumlichen
Kontext zu vermitteln. Einzelaspekte des
Hochwasserereignisses können durch die Ver-
ortung in einer Karte in ihrem räumlichen Ge-
samtzusammenhang erfasst und so wichtige
Mensch-Umwelt-System-Beziehungen sowie
Lagebeziehungen selbstständig erkannt wer-
den (z. B. Treibgut-Müll des Campingplatzes
sammelt sich an ungünstig gebauten Rundbo-
gen-Eisenbahnbrücken und bildet Dämme,
die Wasser bis in den Ortsteil Altenburg stau-
en). Neben den Standorten im Interviewtext
sollen auch zwei Fotos verortet werden, um
die Dramatik der Schäden und die Situation
der Treibgut-Dämme zu veranschaulichen.
Eingebundene Aufgaben vom Typ „Pla-
nen und Entscheiden“ haben ein sehr ho-
hes Potenzial für kognitive Aktivierung. Sie
bedienen alle Leitlinien für die aktivierende
Aufgabengestaltung, insbesondere Problem-
orientierung mit Offenheit von Lösungen
und Lösungswegen. Zunächst sollen Maß-
nahmen für den Aufbau eines hochwasser-
sicheren Ortes Altenahr geplant und in der
Karte verortet werden. Aufgrund der gerin-
gen technischen und fachlichen Kenntnisse
der Lernenden werden die Maßnahmen vor-
gegeben und die Planungsaufgabe besteht
nur darin, diese jeweils in der Karte an dem
am besten geeigneten Standort zu verorten.
Da dafür eine neue Hochwassergefahrenkar-
te eingesetzt wird, findet hierbei auf fast spie-
lerische Weise zugleich eine anwendungsori-
120
entierte Kartenauswertung statt. Insgesamt
entsteht so eine zeitlich effiziente, gut vor-
strukturierte Planungsaufgabe, die genug Lö-
sungsoffenheit bietet für eine fachlich tiefe
Auseinandersetzung mit dem Thema, bei der
die zuvor erarbeiteten lokalen Ursachenfak-
toren gleich zur Anwendung kommen.
Auf dieser Basis soll schließlich eine Ent-
scheidung darüber gefällt werden, ob Winzer
Serrmann sein Weingut am alten Standort
wieder aufbauen oder wegziehen sollte. Dies
erfordert auch über die Auflistung von Pro-/
Kontra-Argumenten eine Bewertung der zu-
vor erarbeiteten Ursachenfaktoren (lokal bis
global) und der Wirksamkeit der geplanten
Hochwasserschutzmaßnahmen. Mit dieser
zweimaligen Förderung von Bewertungs-
kompetenzen erfüllt die Lernaufgabe auch
kognitiv herausfordernde Aufgabenstellun-
gen im Anforderungsbereich III (Reflexion
und Problemlösung).
2.5 Katrina – Naturgefahr und Sozialkata-
strophe
Die didaktische Grundfigur, die diesem Un-
terrichtsbeispiel zugrunde gelegt wird, ist der
sog. Perspektivenwechsel, der es erlaubt,
unterschiedliche Blickwinkel und Hinsichten
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
121
Abbildung 8: 7-Phasen-Modell komplexer Lernaufgaben (Hoffmann 2025).
5. Unterrichtsbeispiel: „Hurrikan Katrina“ als Naturgefahr und Sozialkatastrophe
Dickel, Mirka (2023): Perspektivenwechsel. Hazards im Kontext geographischer Gesellschaft-Umwelt-
Forschung – „Hurrikan Katrina“ als Naturgefahr und Sozialkatastrophe In: Gryl, Inga, Michael Lehner, Tom
Fleischhauer und Karl Walter Hoffmann (Hrsg.): Geographiedidaktik. Heideberg: Springer, S. 67-83
Online: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-65730-0_6
Phase
Funktion
Lehr-Lernprozess/Aufgaben
1) Lebensweltbezug
Ankommen im Lernkontext,
Entdecken einer lohnenden
Fragestellung
Im Fokus:
- Lernprozessanregung
- Kontextorientierung
2) Problemfindung
Problem geographisch befragen,
Entwicklung von Vorstellungen und
Strategien
Im Fokus:
- Basiskonzepte
- Strategien
3) Erarbeitung
Reaktivierun des Vorwissens,
Auswertung neuer Wissenseinheiten,
schrittweise Gestaltung des
Lernproduktes
Im Fokus:
- Analyse
- Gestaltung
4) Lernprodukt
Präsentation, Auswertung und
Diskussion der Lernprodukte
Im Fokus:
- Diskursivität
- Vergleich
5) Lernzuwachs
Bewusstmachung des fachlich Neuen,
Darstellung des Lernzugewinns
Im Fokus:
- Visualisierung
- Rückmeldung
6) Metareflexion
Selbstüberprüfung und Verankerung
im Wissensnetz
Im Fokus:
- Metareflexion („Rückspiegel“)
- Lernstrategien
7) Transfer
Anwendung auf andere Problemfragen,
Nutzen für das eigene Leben
Im Fokus:
- Selbstreflexion („Außenspiegel“)
- Zukunftsorientierung
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
auf das Thema Naturgefahren zu richten.
Mirka Dickel möchte auf neue Weise den
Unterrichtsgegenstand „Hurrikan Katrina“
vierfach perspektivieren (Abbildung 9), um
zu neuen Einsichten und weiteren lohnen-
den Fragen zu gelangen. Der Unterrichtsvor-
schlag wird durch zwei (übergeordnete) pro-
blemorientierte Fragestellungen gerahmt:
1) Welches physio- und sozialgeographische
Faktorengeflecht (sozial, kulturell, poli-
tisch, physiogeographisch, technisch) ist
ursächlich für das humanitäre Desaster
„Hurrikan Katrina“ (2005)?
2) Wie lässt sich die hohe Vulnerabilität der
risikoexponierten Gruppe der African
Americans verstehen und wer trägt die
Verantwortung für das humane Desaster?
Ihren Unterrichtsverlauf gliedert sie in 5
Lernschritte:
1) Problematisierung (fachlicher Rahmen:
physio- und humangeographischer Zu-
griff)
2) Segregation und Vulnerabilität (Optik: sta-
tischer und genetischer Blick)
3) Ursachen des humanitären Desasters
(fachlicher Rahmen: physio- und human-
geographischer Zugriff);(Wirklichkeitsaus
schnitt: Makroperspektive)
4) Erfahrungsberichte Betroffener (Wirklich-
keitsausschnitt: Mikroperspektive)
5) Mediale Darstellung und Erinnerungs-
kultur (Repräsentationsformen: wissen-
schaftlicher, alltägliche und künstlerische
Darstellungen)
122
Abbildung 9: Vierfacher Perspektivenwechsel. Quelle: eigene Darstellung, Textgrundlage Dickel
(2023).
Diese Lernschrittabfolge wird vornehmlich
durch den vierfachen Perspektivenwechsel
(Abbildung 9) didaktisch strukturiert. Dabei
steuert die jeweiligen Perspektive sowohl
das Fragenstellen im Unterricht als auch die
Auswahl der Arbeitsmaterialien (Fachbe-
griffe, Sachtexte, Karten, Erfahrungsberich-
te Betroffener, kulturelle Zeugnisse, mediale
Darstellungen und Erinnerungskultur) und
deren Umgang damit. Diese vier Perspekti-
vierungen auf den Unterrichtsgegenstand
„Hurrikan Katrina“ wollen verdeutlichen,
dass soziale Ungleichheiten nicht erst durch
ein Naturereignis entstehen. Für Schülerin-
nen und Schüler soll der „Hurrikan Katrina“
durch einen vierfachen Perspektivenwechsel
als humanitäres Desaster begreifbar (ge-
macht) werden. Begründet wird dies u.a. mit
folgender Argumentation: „Die kulturelle
Gemeinschaft der African Americans ist auf-
grund der sich in der Segregation räumlich
niederschlagenden sozialen Ungleichheit
(…) risikoexponiert und vulnerabel. Diese
Nachteile verstärken sich im Zuge der Katast-
rophe noch“ (Dickel 2023: 70).
Dieses anspruchsvolle Unterrichtsbeispiel
eignet sich u.a. wegen der verschiedenen For-
men des Hinsehens und unterschiedlicher
Wahrnehmungen, aber auch wegen des Ent-
deckens von Wechselbeziehungen, Wider-
sprüchen und Leerstellen insbesondere für
die Oberstufe in Kursen mit erhöhtem Leis-
tungsniveau. Der Unterrichtsvorschlag ist ein
Beleg dafür, dass im Fach Geographie keine
einfachen Weltbilder vermittelt werden. „Zen-
trales Anliegen ist es, Brüche und Diskonti-
nuitäten auszuhalten, um Widersprüchlich-
keiten zwischen makroperspektivischen und
mikroperspektivischen, zwischen statischen
und genetischen, zwischen berichtenden und
künstlerischen sowie zwischen natur- und
humangeographischen
Perspektivierungen
handhaben zu können“ Dickel 2023:77).
3 Exkurs: Lösungsorientierung und/oder
Problemorientierung?
In der Schlussphase des Workshops wurde
mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern
vereinbart, auf die aktuelle Diskussion um
das Zukunftsfach Geographie im Kontext
einer möglichen Verortung zwischen strikter
Lösungsorientierung und reflektierter Prob-
lemlösungsorientierung, einzugehen.
Hinweis auf Hintergrundinformationen (mit
Erklärvideo) zum „Lösungsorientierten Geo-
graphieunterricht“:
https://doinggeoandethics.com/nachhal-
tigkeitsdilemmata/
In der aktuellen Diskussion um „Wie kann
mit globalen Herausforderungen im (Geo-
graphie-)Unterricht umgegangen werden?“
regt Thomas Hoffmann (2018a, b; 2021) an,
sich kritisch mit dem bisherigen Ansatz der
Problemlösungsorientierung auseinander-
zusetzen. Ausgangspunkte seiner Überle-
gungen stellen die eigene Unterrichtserfah-
rung, seine Wahrnehmung von Reaktionen
auf Seiten der Lernenden und Analysen be-
sonders von Auftaktseiten in Geographie-
schulbüchern dar (Hoffmann, Th. 2021:37).
Er deutet die emotional dominierte Reaktion
beim problemlösungsorientierten Ansatz als
einen eher frustrierenden Denkmodus. Die
vorherrschende Reaktion reicht „von Hoff-
nungslosigkeit bis hin zur Resignation, um-
fasst Sorge, Gefahr, Angst und Bedrohung
und lässt Weltuntergangsszenarien in den
Bereich des Erwartenden rücken. Beide Ex-
treme bieten keine adäquate Grundlage, auf
der sich die Schülerinnen und Schüler umge-
hend lösungsorientiert mit den thematisier-
ten globalen Herausforderungen befassen
wollen, sondern setzen Diskussionen ent-
lang der ausgelösten Ängste in Gang.“ (Hoff-
mann, Th. 2021:27) Die Perspektiven und
das Denken der Lernenden sind entschei-
dend. Deshalb fordert Thomas Hoffmann
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
123
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
einen lösungsorientierten Denkmodus be-
reits in der Phase der Lernprozessanregung.
Daraus resultiert, dass die Auseinanderset-
zung mit Problemen stets aus der Perspekti-
ve der Lösung in einem offenen Denkraum
der Lernenden erfolgen soll. Begründet wird
diese Akzentverschiebung mit pädagogisch-
psychologischen Effekten: wirksam werden
(sollen) die Freisetzung von Kreativität, Zu-
kunfts- und Lösungsorientierung und kriti-
sches Denken bis hin zu Selbstwirksamkeits-
erfahrungen. Oder mit anderen Worten: „Das
aus pädagogisch-psychologischer Perspekti-
ve stärkste Argument zugunsten dieses An-
satzes ist sicherlich die Erkenntnis, dass de-
pressive Stimmungen in einem entsprechend
gestalteten Unterrichtsverlauf kaum Platz
greifen können.“ (Hoffmann, Th. 2021:39)
Hinweis: Ein online gestellter Bewertungsbo-
gen rund um den strikt lösungsorientierten
Ansatz steht allen Leserinnen und Leser zur
Verfügung:
https://diercke.de/sites/default/files/
2023-06/Zukunftsfach%20Geographie%20
-%20eine%20Verortung%20zwischen%20
strikter%20L%C3%B6sungsorientierung%20
und%20reflektier ter%20Probleml%
C3%B6sungsorientierung%20aus%20schul-
praktischer%20Sicht.pdf
Zusätzlich zu diesem Bewertungsbogen
sollen an dieser Stelle zwei weitere Stellung-
nahmen zitiert werden:
1) Stephan Schuler (2025):
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem
Ansatz hat zudem K.W. Hoffmann (2023)
vorgenommen, der für einen „reflektierten pro-
blemlösungsorientierten
Unterrichtsansatz“
plädiert. Er begrüßt zwar die Grundidee, Pro-
blemlösungen mehr in den Fokus zu rücken,
plädiert aber dafür, den Blick noch stärker
auf den Lernprozess und das Fragenstellen zu
richten. Er betont, dass nicht nur Lösungen –
oder ganz allgemein positive Gelingensge-
schichten – als Lernanlass eine lernwirksame
Kraft entfalten können, sondern durchaus
auch spannend und alltagsnah aufbereitete
Problemfragen und „Problemgeschichten“, so
dass beides sich als Einstiegsbeispiel für eine
Unterricht mit dem Fokus auf Problemlösun-
gen eignen kann (…). Bei den Lernaktivitäten
gibt es für ihn eine zentrale Unterscheidung,
nach der sich die Lernenden mental entweder
im „Problemraum“ bewegen (stärker ana-
lytisch-problemlösendes Denken mit Opera-
toren wie beschreiben, erforschen, erklären,
analysieren etc.) oder im „Lösungsraum“ (eher
kreatives oder kritisches Denken mit Opera-
toren wie abwägen, bewerten, entwickeln,
entwerfen, gestalten etc.). Dazu schlägt er
verschiedene lernprozessanregende Aufgaben-
stellungen nach Tulodziecki (2004) vor, die
auch sehr gut mit „Planen und Entscheiden“
und anderen Aufgabenformaten aus „Den-
ken lernen mit Geographie“ korrespondieren.
2) Andreas Eberth und Florian Wobser
(2025:9):
Eine Verortung des Zukunftsfachs Geographie
hingegen zwischen einer strikten Lösungs-
und reflektierten Problemlösungsorientierung
aus schulpraktischer Sicht hat Karl Walter
Hoffmann vorgelegt (2023). Darin vergleicht
K. W. Hoffmann Chancen und Risiken dieser
zwei Ansätze und plädiert abwägend zuguns-
ten methodischer Vorteile dafür, „den ‚Prob-
lemraum‘ und/oder den ‚Lösungsraum‘ in den
Lehr-Lernprozessen didaktisch reflektiert und
dadurch lernwirksam in Beziehung zu setzen.
[…] Vorausgesetzt wird für diese verbindende
Position, dass in einem Problemraum eher ein
analytisches und problemlösendes Denken
und im Lösungsraum eher ein kritisches und
kreatives Denken vorherrscht“ (4f.).
Ausgangspunkt der Debatte scheint der
Umgang mit Emotionen im Kontext prekärer
124
globaler Herausforderungen im 21. Jahrhun-
dert zu sein. Während K. W. Hoffmann dazu
fachspezifisch konstatiert: „Das Schulfach
Geographie ist kein trauriges (Problem-)Fach
und keine Lehrerin und kein Lehrer lässt die
ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schü-
ler in einer ‚problemorientierten‘ Stunde in
Hoffnungslosigkeit und Resignation zurück“
(2), fasst Th. Hoffmann die eigene Erfahrung
mit dem problemorientierten Geographieun-
terricht so zusammen, dass die Reaktionen
der Schüler:innen von Hoffnungslosigkeit bis
zur Resignation reichten und primär Sorge,
Gefahr, Angst und Bedrohung im Kontext von
Weltuntergangsszenarien den Unterricht be-
stimmten (2021, 37).
Weiterführend kann festgehalten werden: An-
dreas Eberth und Florian Wobser fordern eine
viel stärkere Berücksichtigung von Komplexi-
tät, Nachhaltigkeit und individuellem Einge-
bundensein der Schülerinnen und Schüler.
Sie betonen die Bedeutung kritisch-reflexi-
ven Denkens anstelle einer reinen Lösungsfo-
kussierung und fordern mehr Diskursfähigkeit
sowie das Einbinden von Gefühlen, basierend
auf Forschungsergebnissen aus der Umwelt-
psychologie (Eberth & Wobser 2025).
Stephan Schuler plädiert für die notwen-
dige begriffliche Klarheit und eine Unter-
scheidung von unterschiedlichen Zugängen
zur Problemorientierung und kritisiert:
„Leider wird in den Publikationen des Ansat-
zes bislang nicht erwähnt, dass sich das hier
verwendete rein fachinhaltliche Begriffsver-
ständnis von Problemorientierung und Prob-
lemlösungsorientierung klar von dem lernthe-
oretischen Verständnis unterscheidet, das auf
einem lernpsychologischen bzw. unterrichts-
methodischen Problem- und Problemlösever-
ständnis aufbaut“ (Schuler 2025).
Vor diesem Hintergrund soll an dieser Stelle
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
125
Lehren und
Lernen
Problem
Lerngegenstand
über
Probleme
als Unterrichtsinhalt
Fokus:
Auseinandersetzung mit einem
fachinhaltlichen Problem
vertieftes Problemverständnis, mögliche
Problemlösungen
Epochaltypische Schlüsselprobleme,
Globale Herausforderungen
mit
Problemen
als Unterrichtsmethode
Fokus:
Probleminszenierung als Problemlöse-
prozess Lernende entwickeln eigene
Lösungsstrategien, metakognitive
Reflexion des eigenen Vorgehens
Reflexion des Kartenauswertungsprozesses
oder der Erarbeitung einer Theorie,
Bearbeitung eines Mysterys
durch
Probleme
als gesellschaftlich konstruiertes Problem
Fokus:
reflexives Problembewusstsein, Problem
wird selbst zum Problem gemacht,
immanente Widersprüche aufdecken
Widersprüche des Problems Ungleichheit,
Gentrification, Migrationskonflikte
Abbildung 10: Geographiedidaktische Zugänge zum problemorientierten Unterricht
Quelle: Erstellt auf den Textgrundlagen von Lehner, Gryl, Gruber 2021 und Schuler 2025.
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
nur kurz (und in tabellarischer Form) auf die
verschiedenen Zugänge eingegangen wer-
den. Zwar verweist die Schulpraxis bei einem
problemorientierten Unterricht vornehmlich
auf die Problemauseinandersetzung in der
Erarbeitungsphase und auf Lösungsstrate-
gien der Schülerinnen und Schüler, aber ein
solches (aus Erfahrungen abgeleitetes) Ver-
ständnis ist stets offen für weitere differen-
ziertere Zugangsweisen. Michael Lehner,
Inga Gryl und Dominik Gruber (2021) sys-
tematisieren verschiedene Definitionen des
Begriffs „Problem“ und identifizieren drei
für die Geographiedidaktik relevante Ansätze
(Abbildung 10): Lehren und Lernen erstens
über Probleme, zweitens mit Problemen und
drittens durch Probleme. Der Schwerpunkt
bei den hier vorgestellten fünf Unterrichts-
beispielen liegt neben dem ersten Zugang
mehrheitlich auf dem zweiten Zugang, der
Problemorientierung und Problemlösen vor
allem unterrichtsmethodisch versteht.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
des Workshops sprachen sich für eine sog.
„Mischform“ der beiden diskutierten Ansät-
ze aus. Im Zentrum des gemeinsamen Aus-
tauschs stand nun die Reflexionsfrage: Wie
lässt sich Geographieunterricht zwischen
Problem- und Lösungsorientierung planen?
Dabei war das Grundverständnis des reflek-
tierten Problemlösungsansatzes (Abbildung
11, Spalte 3) leitend: Der reflektiert problem-
lösungsorientierte Ansatz setzt den Problem-
raum und den Lösungsraum lernwirksam
in Beziehung, gestaltet die Lernprozessan-
regung sowohl über komplexe Aufgaben als
auch über zukunftsorientierte Geschichten,
orientiert sich dabei am fachlichen und per-
sönlichen Lernen, verortet Geographieun-
terricht zwischen tiefem Fachwissen und
reflektiertem Beurteilen und Bewerten und
betrachtet im Wechselspiel von Inhalten und
Beziehungen im Sinne einer konstruktivisti-
schen Didaktik Schülerinnen und Schüler als
Entdecker, Erfinder, Enttarner und Erbauer.
Übertragen auf die Lerneraktivitäten im
126
Abbildung 11: Synopse der drei Ansätze rund um den strikt lösungsorientierten Ansatz von Tho-
mas Hoffmann als Abfolge von jeweils fünf Unterrichtsphasen vom Einstieg (1) bis zum Schluss (5).
Problemlösungsorien-
tierter Ansatz
Strikt lösungsorientierter
Ansatz
Reflektiert problemlö-
sungsorientierter Ansatz
1) Problem/globale
Herausforderung
1) Faszinierende Idee bzw. Lösungs-
vorschlag
1) Komplexe
Problemfälle
1) Gelingensge-
schichten
2) Problem-Ursachen:
Welche Ursachen lassen sich
identifizieren?
2) Neugierde/Faszination
2) Persönliches und fachliches
Befragen
3) Problem-Dimensionen:
Welche Dimensionen hat kann
das Problem annehmen?
3) Was ist das Problem?
3) Problemanalyse und Verarbei-
tungstiefe
4) Problem-Folgen: Welche
Folgen zeichnen sich ab
4) Wie weit reicht dieser Lösungsvor-
schlag? Überprüfung der Übertrag-
barkeit dieses Lösungsansatzes
4) Sachurteile und Werturteile
5) Lösung: Wie könnte eine
Lösung aussehen
5) Wie lassen sich die verbleibenden
Probleme lösen?
5) Metareflexion und (lösungsori-
entierte) Handlungsmöglichkeiten
Fokus auf den Problemraum
Fokus auf den Lösungsraum
Unterricht bedeutet dies: Wer sich als Ler-
ner im „Problemraum“ wähnt, wird eher …
… beschreiben, erforschen, erklären, analy-
sieren, rekonstruieren, definieren, erfassen.
… Fragen hinsichtlich Problemdimensionen,
Ursachen, Folgen, Ausmaß, Beweisen, Ex-
perten, Betroffenen, Beteiligten stellen.
Wer sich als Lerner im „Lösungsraum“
wähnt, wird eher …
… abwägen, bewerten, entwickeln, entwer-
fen, gestalten, erstellen, kreieren.
… Fragen hinsichtlich Maßnahmen, Lebens-
stilen, Alltags handeln, Planungen, Zukunft,
Zielkonflikten, Leitbildern, Nachhaltigkeit,
Entwicklungen stellen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
betonten die Praxisrelevanz der fünffa-
chen Phasierung (Abbildung 11) und unter-
stützten die lernwirksame Verknüpfung von
„Komplexen Problemfällen“ mit „Lebens-
nahen Gelingensgeschichten“ sowie das
Zusammenwirken von „Problemraum“ und
„Lösungsraum“. Besonders wichtig waren
ihnen die Phase 3 als Erarbeitungsphase zur
Bearbeitung von Komplexität im Unterricht
und die Urteilsfindung in Phase 4. In beiden
Phasen werden Analysefähigkeiten und Ur-
teilskompetenzen (Sach- und Werturteil) auf
Seiten der Lernenden angebahnt.
Was hingegen eher kritisch gesehen wur-
de, war die nur zum Teil begründete Auswahl
der Lösungsvorschläge bzw. Zukunftsbilder
in Phase 1 des „strikt lösungsorientierten An-
satzes“. Wie kommt es gerade zu diesen „fas-
zinierenden Ideen bzw. Lösungsvorschlä-
gen“ in der Einstiegsphase? Leider wird die
Auswahl dieser Lösungsvorschläge nicht um-
fassend begründet. Auch werden keine Kri-
terien genannt, mit denen die Schülerinnen
und Schüler weitere Lösungsansätze analy-
sieren und beurteilen sollen/können.
Weitere kritische Fragen wurden mit Blick
auf die Anbahnung von Handlungskompe-
tenzen formuliert: Warum werden die Hand-
lungsebenen nicht differenziert (individu-
ell, gemeinschaftlich, institutionell)? Warum
werden verschiedene Formen des Handelns
unterschieden (wie bpsw. Alltagshandeln, In-
formationshandeln,
Partizipationshandeln,
Engagement)? Und warum fokussieren bis-
herige (strikt lösungsorientierte) Beispiele
auf „gesetzlich Verbote“, „Überwindung tech-
nischer Defizite“, auf „Preisgestaltung“ – und
nicht stärker auf die individuelle Handlungs-
ebene?
Im Folgenden wurde nun der „reflektiert
problemlösungsorientierte Ansatz“ unter die
Lupe genommen und befragt. Im Zentrum
stand die Frage nach der Eignung bzw. didak-
tischen Passung von (Aufgaben-)Beispielen
für den reflektiert problemlösungsorientier-
ten Ansatz im Umgang mit komplexen The-
men. Aus dem Beitrag „Zukunftsfach Geo-
graphie – eine Verortung zwischen strikter
Lösungsorientierung und reflektierter Prob-
lemlösungsorientierung aus schulpraktischer
Sicht (Hoffmann 2023) wurden die folgenden
Merkmale (Abbildung 12) besprochen:
• Problemfälle und Geschichten mit fach-
licher, persönlicher und gesellschaftlicher
Relevanz
• Beziehungen zwischen lokalen und globa-
len Gegebenheiten und Prozessen
• Auswirkungen der Vergangenheit und Ge-
genwart auf künftige Generationen
• Wechselwirkungen und Konfliktlinien zwi-
schen ökologischer, ökonomischer, sozia-
ler, kultureller und politischer Perspektive
• Beteiligung verschiedener Akteure und Ent-
scheidungsträger
• Entwicklung von Visionen für eine kreativ
mitzugestalten der Zukunft auf Mikro- und
Makroebene
• Partizipationsmöglichkeiten in Schule und
in gesellschaftlichen Handlungssituationen.
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
127
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Zur Konkretisierung dieser Merkmale wur-
de auf die Umsetzung im Unterrichtsbeispiel
„Bangkok – ‚Es wird auf Dauer nur mit der Na-
tur gehen, nicht gegen sie‘“ (Coen/Hoffmann
2021) verwiesen. Die Merkmale werden in
dieser komplexen Lernaufgabe (entlang des
7-Phasen-Modells) wie folgt verdeutlicht:
• Problemfall und Geschichte: Unsere Städ-
te müssen belastbarer werden – aber wie?
Landschaftsarchitektin Kotchakorn Vor-
aarkhoms präsentiert ihr Konzept der „po-
rösen Stadt“.
• Maßstäblichkeit: regionaler Hochwasser-
schutz – globaler Klimawandel; kommunale
Stadtplanung – global agierender Konzern
• Zeithorizonte:
Gegenwärtige
Situation
in Bangkok während des Monsuns. Und:
„Früher gab es immer noch die Kanäle, es
waren nicht alle Straßen zubetoniert […].
Das Wasser konnte fließen. Doch weil wir
immer eine landwirtschaftliche Gesell-
schaft waren und Landschaft eine Selbst-
verständlichkeit, dachte niemand daran,
die Landschaft zu erhalten.“
• Wechselwirkungen: Die Umsetzung nach-
haltigerer Stadtplanungsvorhaben erfor-
dert eine systemisch-vernetzende und
räumlich-differenzierte Betrachtungswei-
se im komplexen Spannungsfeld zwischen
Ökonomie, Ökologie, Sozialem und Politik.
• Akteure und Zielkonflikte: Verschiedene
Perspektiven, wie bspw. die Sicht Kotcha-
korn Voraarkhoms, die eines globalen Kon-
zernsprechers, der die Niederlassung in
einem der besten Viertel der Stadt vertritt,
wo die Grundstückspreise extrem hoch
sind, die eines Klimaexperten, die eines
Stadtplaners in New York. Und: Berück-
sichtigung der traditionellen Lebens- und
Wirtschaftsweise der Mönche.
• Visionen: „Die poröse Stadt ist ein alterna-
tives Modell zur modernen Stadt. Es geht
um Durchdringung statt Grenzen.“ Oder:
Den Wald in die Stadt holen!
• Handlungssituationen: Klimaanpassungs-
konzepte für die Bereiche Gesundheit,
Katastrophenschutz, Stadtplanung, Städ-
tebau, Stadtgrün, Mobilität und Verkehr,
Wasser, Boden, Biotop- und Artenschutz.
Vergleiche SDG – Ziel 11: Nachhaltige Städte
und Gemeinden. Handlungsmöglichkeiten
für Schülerinnen und Schüler am Beispiel
„Keep cool – cool roof und cool pavement.
Strategien gegen die Hitze in der Stadt.“
Weitere Beispiele finden sich in den The-
menheften von Praxis Geographie 2/2022
„Klimaanpassung“ und 1/2023 „Transfor-
matives Lernen im Geographieunterricht“ –
hier auf der Grundlage eines bildungs- und
lerntheoretisch begründeten Handlungs-
rahmens (Positionieren – Reflektieren – Ex-
perimentieren) für transformatives Lernen
mit einem Problemfall als Lernanlass und
128
Abbildung 12: Merkmale für die Behandlung
komplexer Themen im reflektiert problemlö-
sungsorientierten Geographieunterricht.
wichtigem Fokus auf die Denk- und Hand-
lungsweisen der Lernenden (Pettig/Ohl
2023, S. 7).
Die
praxisstarken
Unterrichtsreihen
zu
„Nachhaltige Städte – ‚Die Stadt der Zukunft
lösungsorientiert denken‘“ I – II von Marie Ul-
rich-Riedhammer integrieren sog. „Fallanaly-
sen zur Angewandten Ethik“ (Dietrich 2017),
entlang derer die Lernprozessanregung über
einen „Fall (ein Problem, das für die Stadtent-
wicklung diskutiert wird)“ gestaltet wird und
eine faktische und ethische Analyse enthalten
(Ulrich-Riedhammer 2022/2023).
Darüber hinaus können weitere relevante
Themen entlang der vom Wuppertaler Ins-
titut (https://wupperinst.org) identifizierten
sieben Wenden für die große Transformation
gewonnen und für unterrichtliche Umsetzun-
gen abgeleitet werden: 1. Wohlstands- und
Konsumwende, 2. Energie wende, 3. Res-
sourcenwende, 4. Mobilitätswende, 5. Ernäh-
rungswende, 6. Urbane Wende, 7. Industrielle
Wende.
Für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer
stand abschließend als Fazit fest: Nicht das
Wort „Lösungsorientierung“ ist von zentra-
ler Bedeutung, sondern die pädagogischen,
didaktischen und methodischen Impulse zur
Weiterentwicklung des Geographieunter-
richts, die in diesem Begriff zusammenge-
führt werden. Wenn die inhaltliche Füllung ei-
nes strikt lösungsorientierten oder reflektiert
problemlösungsorientierten Unterrichtsan-
satzes dazu führt, sich konsequenter um die
Nachhaltigkeit und Wirksamkeit, Fachlich-
keit und Zukunftsbedeutung geographischer
Bildungsprozesse zu bemühen, dann ist eine
Auseinandersetzung mit diesem Ansatz die
Mühe wert.
Im Workshop wurden (nebst aller Kritik,
vgl. Kapitel 3) abschließend noch folgende
praxisorientierte Übertragungsmöglichkeiten
besprochen:
• Zwar fokussiert der „strikt lösungsorien-
tierte Ansatz“ auf globale Herausforderun-
gen, ist aber durchaus in den Kontexten
(vgl. kritisches und kreatives Denken im
Lösungsraum) Risikobewusstsein, Präven-
tionsmaßnahmen, Frühwarnsysteme, Eva-
kuierungspläne und Diskussionen über
Erdbebensicheres Bauen etc. anwendbar.
• Das Thema „Naturereignisse und Sozial-
katastrophen“ integriert sowohl den Pro-
blem- als auch den Lösungsraum mit den
jeweiligen operationalisierten Könnens-
leistungen der Schülerinnen und Schülern.
• Die Rolle der Medien bei den Berichter-
stattungen sollte kritisch hinterfragt wer-
den (vgl. erweitertes Raumverständnis).
• Fallstudien zu historischen und aktuellen
„Naturereignissen und Sozialkatastrophen
helfen Schülerinnen und Schüler, die Aus-
wirkungen und Reaktionen auf solche Er-
eignisse (noch besser) zu verstehen.
• Die Eignung für fächerübergreifende Pro-
jekte ist in besonderem Maße gegeben.
4 Rückblick und Ausblick
Neben allen Diskussionen um didaktisch-
methodischen Zugangsweisen beim Thema
„Naturkatastrophen“ braucht der Geogra-
phieunterricht (neben einer zugrunde ge-
legten Lern-Theorie und Didaktik-Theorie)
stets eine Fachtheorie, eine konzeptionelle
Grundlage i.S. einer Bezugsdisziplin (DGfG
2024, Kap. 1.3): Die Geographie als leitende
Wissenschaftsdisziplin des Schulfachs fußt
auf drei Bereichen:
• Der gesellschaftswissenschaftliche Ansatz
wird in der Humangeographie deutlich.
• Der naturwissenschaftliche Ansatz wird in
der Physiogeographie deutlich.
• Die vernetzende Mensch-Umwelt-Bezie-
hungen stellen den dritten Bereich dar, der
die Physio- und Humangeographie vereint.
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
129
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Er bildet eine eigenständige Perspektive
mit einem originären Erkenntnisinteresse,
indem er das Beziehungs- und Wirkungs-
gefüge von Natur- und Kulturraum unter-
sucht und dieses zum Kern seiner Analyse
macht.
Geographie als Mensch-Umwelt-System-
Fach ermöglicht den Schülerinnen und
Schülern fachlich fundiert, systemisch-ver-
netzend, in räumlicher Differenzierung und
auf unterschiedlichen Zeitskalen den Erwerb
wichtiger Kenntnisse und wertvoller Kompe-
tenzen. Dabei kommen die beiden Allein-
stellungsmerkmale „Raum“ und „System“
des Schulfaches Geographie zum Ausdruck.
An den beiden Unterrichtsbeispielen zum
„Ahrtal“ sei der geographisch-geowissen-
schaftliche
Zugriff
beim
Alleinstellungs-
merkmal Mensch-Umwelt-System nochmals
erläutert. Im Juli 2021 ereignete sich die Hoch-
wasserkatastrophe in Teilen Nordrhein-West-
falens und Rheinland-Pfalz. Eine zentrale Fra-
ge lautete bei vielen Menschen: „Wie konnte
es passieren, dass ein kleines Flüsschen wie
etwa die Ahr einen Schaden solchen Ausma-
ßes anrichtet?“ Die Hochwasserkatastrophe
war Folge eines komplexen systemischen
Zusammenspiels zahlreicher Faktoren. Wer
sie verstehen will, muss u.a. Kenntnisse (→
aus verschiedenen Fachgebieten) haben:
• über die geologisch/geomorphologischen
Verhältnisse (die besondere Talstruktur ka-
nalisierte die Wassermassen → Geologie,
Geomorphologie),
• über die Wasseraufnahmefähigkeit von Bö-
den (aufgrund des sehr feuchten Frühjahrs
waren diese bereits mit Wasser gesättigt
und konnten nur noch wenig aufnehmen
→ Pedologie, Bodengeographie),
• über die Schneeschmelze und das Zusam-
menfließen von Nebenflüssen (→ Hydrolo-
gie, Hydrogeographie),
• über die Zunahme von Starkregenereignis-
sen aufgrund des Klimawandels (als Folge
der Verlangsamung des Jetstreams sowie
der höheren Wasseraufnahmefähigkeit war-
mer Luft → Klimatologie, Klimageographie),
• über die Versiegelung von Flächen durch
Wohngebiete und Verkehr (führt zu ver-
stärktem oberflächlichem Abfluss → Sied-
lungsgeographie, Stadtgeographie),
• über die Veränderung der Landnutzung
(Umwandlung
von
Dauergrünland
in
Ackerflächen → Agrargeographie, Vegetati-
onsgeographie),
• über die Ausweisung von Neubau-/Gewer-
begebieten auf Retentionsflächen (knap-
pes Bauland → Wirtschaftsgeographie,
Raumplanung),
• …
Kurz gesagt, Schülerinnen und Schüler müs-
sen das Phänomen als Mensch-Umwelt-
System erfahren und begreifen können. Um
ein komplexes Thema wie Hochwasser mit
seinen Ursachen und Auswirkungen umfas-
send analysieren und sinnvolle Maßnahmen
treffen zu können, ist keine Addition von
Kenntnissen, sondern ein Denken in Zusam-
menhängen erforderlich. Dieses erfordert
solides Fachwissen mit Verarbeitungstiefe,
System- und Bewertungskompetenz, aber
auch Handlungswissen. Genau dies (multi-
perspektivische Zugänge zum Weltverstehen
sowie die kritische Reflexion, ganzheitliche
Durchdringung als Grundlage für das Ent-
scheiden und Handeln und den Umgang mit
einer unsicheren Zukunft) ist das zentrale
Anliegen geographischer Bildung.
Bezogen auf Bildungsstandards für die
Allgemeine
Hochschulreife
kann
dieser
Kompetenzerwerb mit Fokus auf das Allein-
stellungsmerkmal „System“ wie folgt opera-
tionalisiert werden:
130
Fähigkeiten und Fertigkeiten bei Schülerin-
nen und Schülern:
• ein raumbezogenes Phänomen (z. B. eine
Hochwasserkatastrophe) als (Mensch-Um-
welt-) System erkennen, erläutern und mo-
dellieren zu können (z. B. als Concept Map)
und auf Basis des entwickelten System-
modells
• (1) Prognosen über die weitere Entwicklung
treffen zu können (z. B. zukünftige Entwick-
lung des Naturrisikos Hochwasser),
• (2) vorgegebene Handlungsstrategien be-
urteilen zu können (z. B. Potenziale von
Retentionsflächen) und
• (3) eigene Handlungsstrategien selbst ent-
wickeln zu können (Vgl. DGfG 2024:11f).
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen
den ganz besonderen Bildungswert der Geo-
graphie als Mensch-Umwelt-System-Fach
bei der Behandlung von „Naturereignissen“
und „Sozialkatastrophen“. Das Schulfach
Geographie ermöglicht den Schülerinnen
und Schülern fachlich fundiert, systemisch-
vernetzend, in räumlicher Differenzierung
und auf unterschiedlichen Zeitskalen den
Erwerb wichtiger Kenntnisse und wertvoller
Kompetenzen. Zur Bearbeitung von Komple-
xität und Kontroversität und zum Umgang
mit Konflikten und Krisen möchten Schul-
geographinnen und Schulgeographen einen
Beitrag zu einem mutmachenden Denken
und Handeln im Kontext einer gestaltbaren
Zukunft leisten.
Als ein Leitfach der Bildung für nach-
haltige Entwicklung fokussiert der Geogra-
phieunterricht in besonderer Weise auf die
systemisch vertiefte Durchdringung raumbe-
zogener Zielkonflikte, die sich im komplexen
Spannungsfeld zwischen Ökonomie, Ökolo-
gie, Sozialem und Politik verorten lassen.
Im Positionspapier der Geounion und
des Dachverbandes der Geowissenschaften
„Mehr Erdsystemwissen in der Schule!“
wird die Bedeutung der Schulgeographie bei
der Behandlung von „Naturereignissen“ und
„Sozialkatastropen“ betont:
„Dem Schulfach Geographie/Erdkunde kommt
für die geowissenschaftliche Bildung eine be-
sondere Bedeutung zu. Es vermittelt Erkennt-
nisse sowie Denk- und Arbeitsweisen geowis-
senschaftlicher Disziplinen und verbindet
diese mit gesellschaftswissenschaftlichen Er-
kenntnissen sowie Denk- und Arbeitsweisen.
Durch diesen integrativen Ansatz betrachtet
das Schulfach Geographie/Erdkunde die ak-
tuellen globalen Herausforderungen konse-
quent aus einer Mensch-Umwelt-Perspektive.
Die Geographie/Erdkunde ist ein Leitfach ei-
ner Bildung für nachhaltige Entwicklung und
das Zentrierungsfach der Geowissenschaften
an der Schule (siehe „Leipziger Erklärung zur
Bedeutung der Geowissenschaften in Lehrerbil-
dung und Schule“).“ (Online: https://www.dv-
geo.org/fileadmin/user_upload/News_2023/
Positionspapier_14_04_23.pdf)
Was braucht es nun bei allen Katastrophen
und Krisen? Laut Antonio Gramsci: „Der Pes-
simismus des Intellekts und der Optimismus
des Willens.“ Übertragen wir nun dieses Zi-
tat auf das Schulfach Geographie, dann steht
der „Pessimismus“ für rationale und realisti-
sche, kritische und fundierte Raumanalysen,
während der „Optimismus“ den unerschüt-
terlichen Glauben an die Möglichkeit einer
Mitgestaltung an verschiedenen Zukünften
verkörpert. Damit folgt das unterrichtliche
Handeln einem kognitiv und affektiv und so-
zial aktivierenden Grundsatz: Kinder ins Tun
begleiten, nicht alarmieren, sondern motivie-
ren! Denn: Das Schulfach Geographie hat Zu-
kunft, und Zukunft braucht eine starke Schul-
geographie!
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
131
Hoffmann
Bayreuther Kontaktstudium Geographie, Band 13
Literaturverzeichnis
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graphieunterricht planen. In: Geographie
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„Es wird auf Dauer nur mit der Natur ge-
hen, nicht gegen sie.“ In: Hoffmann, K. W.
(Hrsg.): Diercke Lernaufgaben im Geogra-
phieunterricht. Sieben Phasen zur Schü-
leraktivierung. Braunschweig, S. 153-165.
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134
Autor:
OStD a.D. Karl Walter Hoffmann
Staatl. Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien Speyer
Ehrenpräsident des Verbandes Deutscher Schulgeographie (VDSG e.V.)
E-Mail: kw.hoffmann-vdsg@web.de
135
Verantwortung
Raum
Gestaltung
Leh
Lehr- und
- und
Lernforschung
Lernforschung
Natürliche Prozesse
Natürliche Prozesse
und Gesellschaft-
und Gesellschaft-
Umwelt-Interaktion
Umwelt-Interaktion
Transformation
ransformation
und Entwicklung
und Entwicklung
Räumliche
Räumliche
Ordnung
Ordnung und
und
Territorialität
erritorialität
Interkulturalität
Interkulturalität
und Migration
und Migration
Lehr- und
Lernforschung
Natürliche Prozesse
und Gesellschaft-
Umwelt-Interaktion
Transformation
und Entwicklung
Räumliche
Ordnung und
Territorialität
Interkulturalität
und Migration
Verantwortung der Geographie für das 21. Jahrhundert
Eine ganz grundlegende Frage für das Fach Geographie im 21. Jahrhundert lautet: Welchen
nachhaltigen Beitrag können wir leisten, um lokale, nationale und globale Entwicklungs-
und Transformationsprozesse besser verstehen und gestalten zu können und damit
raumbezogene Probleme zu lösen?
Das Geographische Institut Bayreuth ist mit 11 Professuren bestens ausgestattet, innovative
Antworten auf diese Frage zu geben. Das GIB zeichnet sich durch ein starkes und
breites Angebot an theoretisch informierter empirischer Forschung in Verknüpfung mit
problemorientierter Lehre aus.
Mit ihren Arbeitsschwerpunkten orientieren sich die Forscherinnen und Forscher am GIB an
den für die Universität Bayreuth zentralen Profilfeldern (advanced fields) „Afrikaforschung“,
„Ökologie und Umweltforschung“ sowie an den emerging fields “Governance and
responsibility“ und „Kulturbegegnung und transkulturelle Prozesse“.
Geographisches Institut Bayreuth (GIB)
Geographische Studiengänge an der Universität Bayreuth
Lehramtsstudiengänge
Geographie für das Lehramt Gymnasium B.Ed./M.Ed.
Geographie für das Lehramt Realschule
Bachelorstudiengänge
Geographie-Gesellschaft und Umwelt B.Sc.
Kombinationsfach Geographie B.A.
Masterstudiengänge
Humangeographie-Stadt- und Regionalforschung M.Sc.
Environmental Geography M.Sc.
Weitere Informationen über das GIB finden Sie unter: www.geographie.uni-bayreuth.de
Lehrstühle und Professuren im GIB
Biogeographie
Prof. Dr. Carl Beierkuhnlein
Kulturgeographie
Prof. Dr. Mattew Hannah
Didaktik der Geographie
Prof. Dr. Gabriele Schrüfer
Politische Geographie
Prof. Dr. Martin Doevenspeck
Geographische Entwicklungsforschung
Prof. Dr. Beate Lohnert
Sozial- und Bevölkerungsgeographie
Prof. Dr. Eberhard Rothfuß
Geoinformatik - Spatial Big Data
Juniorprof. Dr. Meng Lu
Stadt- und Regionalforschung
Prof. Dr. Manfred Miosga
Geomorphologie
Prof. Dr. Oliver Sass
Wirtschaftsgeographie
Prof. Dr. Stefan Ouma
Klimatologie
Prof. Dr. Cyrus Samimi
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Geographisches Institut Bayreuth